Straußenführer 2019


Anzeigen



Waldhof Freiburg



Rahmenladen



domani




Interview | April 2013 | von redaktion

Geschichten vom Jazz

Im Gespräch: Paul Kuhn, der singende Mann am Klavier

Paul Kuhn

Gesichter erzählen Geschichten. Dass Paul Kuhn alle Höhen und Tiefen eines Künstlerdaseins erlebt hat – davon berichten markante Falten und die wohl weit und breit größten Tränensäcke. Der singende Mann am Klavier wurde am 12. März 85 Jahre alt. Seit über sechs Dekaden ist er mit gleich bleibendem Elan im Einsatz, hat wie kaum ein anderer die deutsche Jazz- und gehobene Unterhaltungsmusik geprägt. Olaf Neumann traf auf einen, der ohne Musik nicht leben kann.

Kultur Joker: Herr Kuhn, Ihr neues Album „The L.A. Session“ haben Sie in den Capitol Studios aufgenommen, der vielleicht legendärsten Tonschmiede in den USA. Sind Sie stolz, dass Ihnen dies gelungen ist?
Paul Kuhn: Stolz nicht, aber ich bin froh, dass es stattgefunden hat. Ich war ein bisschen nervös, als ich in die Höhle des Löwen kam, weil dort noch dieselben Flügel und Mikrofone herumstanden wie zu Sinatras Zeiten. Auch der Tonmeister war noch derselbe. Dort läuft alles ab wie am Schnürchen.
Kultur Joker: Der Produzent und Toningenieur Al Schmitt ist 21-facher Grammy-Gewinner. Seinen Namen findet man auf Plattenhüllen von Frank Sinatra, Ray Charles, Neil Young oder Al Jarreau. Wie kamen Sie mit ihm zusammen?

Weiterlesen…

Interview | März 2013 | von redaktion

Fluchen – Die deutsche Sprache im europäischen Vergleich

Im Gespräch: Hans-Martin Gauger über „Das Feuchte & das Schmutzige“

Das Vokabular für Flüche und Beschimpfungen ist in den einzelnen Sprachen sehr unterschiedlich, das hat der Linguist und Philologe Hans-Martin Gauger erforscht. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Das Feuchte & das Schmutzige. Kleine Linguistik der vulgären Sprache“ schaut er sich 15 europäische Sprachen näher an, Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch sowie etwa Ungarisch, Türkisch und Russisch. Das Ergebnis darf verwundern: überall, und vor allem in den romanischen Sprachen, wird vorzugsweise mit sexuellen Begriffen geflucht, im Deutschen treten vor allem „anale und fäkale Begriffe“ auf, wenn es um Negatives und Abwertendes geht, wenn Differenzierung verweigert und Gesprächsabbruch signalisiert wird.
Hans-Martin Gauger ist emeritierter Professor für Romanische Sprachwissenschaft und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Aus seinem detailreichen Buch, das wissenschaftliche Inhalte für Laien gut – und zum Teil gar witzig aufbereitet –, wird man über das Fluchen und Beleidigen in Europa bestens aufgeklärt und kann vieles über die Sprache insgesamt erfahren, auch mittels Beispielen aus der Weltliteratur. Mit dem Autor sprach unsere Mitarbeiterin Cornelia Frenkel.

Kultur Joker: Sie gehen in Ihrem Buch der Frage nach, inwiefern sich das Deutsche von anderen Sprachen unterscheidet. Das französische Wort „baiser“ dient als Einstieg, um darzulegen, wie eine Bezeichnung für Sexuelles und Zärtliches ins Vulgäre kippt und für Negatives steht, nämlich Hereingelegt-Werden oder Betrogen-Sein.
H-M Gauger: Ja richtig, mich hat in der Tat die Sonderrolle oder der Sonderweg des Deutschen interessiert. Im Französischen heißt „baiser“ zuallererst „küssen“ und das heißt es auch immer noch; dann aber meint es, in vulgärer Absicht, den sexuellen Akt und schließlich, dies hat mich besonders interessiert, bedeutet es – ganz negativ gemeint – hereinlegen, auch wieder vulgär, betrügen oder passiv: Hereingelegt-Werden.
Kultur Joker: Doch Französisch steht in puncto Fluchen dem Deutschen sogar am nächsten, insofern hier das „Schmutzige“ und das „Feuchte“ oft alternativ fungieren, während im Deutschen das Sexuelle weitgehend unbenutzt oder gar „unbeschmutzt“ bleibt?
H-M Gauger: Ja, das Französische steht dem Deutschen in diesem Punkt nahe, näher als alle übrigen romanischen Sprachen und andere Sprachen, die ich heranziehe, weil im Französischen mehr fäkalische Ausdrücke gebraucht werden als dies in den anderen Sprachen der Fall ist. Das hängt sicher damit zusammen, dass das Französische unter allen romanischen Sprachen am stärksten durch das Germanische beeinflusst wurde, durch die Franken, die hier eingedrungen sind und das Land bis zur Loire, in abnehmender Dichte nach Süden hin, besiedelt haben. Frankreich ist das einzige Land romanischer Sprache, das einen germanischen Namen hat – das Land der Franken. Insofern ist es weniger erstaunlich, dass ähnliche Verhältnisse beim Fluchen vorliegen wie im Deutschen. Z.B. ist „merde“ im Französischen ein sehr häufig gebrauchtes Wort und davon abgeleitet das Verb „emmerder“, es heißt belästigen und langweilen (nicht etwa bescheißen) – völlig übliche vulgäre Ausdrücke. Und für das Französische bleibt zu beachten, dass die Grenze zwischen dem Vulgären und dem bloß Familiären nicht so strikt ist.

Weiterlesen…

Interview | Februar 2013 | von redaktion

Ihr Denken veränderte die Welt!

Im Gespräch: Regisseurin Margarethe von Trotta über ihr Filmporträt von Hannah Arendt

Margarethe von Trotta Film: LBI, New York

Hannah Arendt gilt als bedeutende Denkerin des 20. Jahrhundert, die der politischen Theorie entscheidende Anstöße gegeben hat. Nun wird sie in einem Film der Regisseurin und Drehbuchautorin Margarethe von Trotta porträtiert. Hauptdarstellerin ist Barbara Sukowa, bereits durch die Titelrollen in „Rosa Luxemburg“ und „Die bleierne Zeit“ bekannt.
Hannah Arendt (*1906 bei Hannover) studierte Philosophie und Griechisch in Marburg, Freiburg und Heidelberg, unter anderem bei Edmund Husserl, Martin Heidegger und Karl Jaspers. 1933 floh sie nach Paris und wurde 1937 vom Nazi-Regime wegen ihrer jüdischen Abstammung ausgebürgert. Im Zug der deutschen Besetzung Frankreichs geriet sie 1940 in das Internierungslager Gurs, konnte fliehen und erreichte 1941 unter dramatischen Umständen New York. Seit 1951 war sie US-amerikanische Staatsbürgerin, hielt Vorträge und Vorlesungen und erlangte mit ihren Studien „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) sowie „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“ (1960) erheblichen Einfluss. 1961 begab sie sich für „The New Yorker“ nach Israel, um über den Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann zu berichten. 1963 veröffentlichte sie die Artikelserie „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, danach als Buch erschienen. Arendt löste einen Sturm der Empörung und Anfeindung aus. 1975 stirbt sie in New York.
Anlässlich der Filmpremiere war Margarethe von Trotta, zusammen mit ihrer Produzentin Bettina Brokemper, im Kino Kandelhof in Freiburg. Mit Margarethe von Trotta sprach unsere Mitarbeiterin Cornelia Frenkel.

Kultur Joker: Sich dem vielfältigen Leben und Werk von Hannah Arendt filmisch zu nähern, dürfte mehr als schwierig gewesen sein. Wie kamen Sie zu der Entscheidung, Ihren Film auf die vier Jahre (1960-64) einzugrenzen, in denen sich die Philosophin mit dem Prozess gegen den Nazi-Funktionär Adolf Eichmann auseinandersetzte?
Margarethe von Trotta: Ich habe das Drehbuch zusammen mit Pamela Katz geschrieben, mit der ich auch die „Rosenstraße“ gemacht habe, ich kannte sie also schon. Wir haben zunächst versucht, das ganze Leben von Hannah Arendt zu beschreiben, vom Zeitpunkt ihres Studiums an, bis zu ihrem Tod – ihre Flucht aus Deutschland, ihren Aufenthalt in Paris als Exilantin, dann im Internierungslager Gurs, die Flucht aus Marseille über Lissabon nach New York. Das erschien uns dann aber doch als Ritt über den Bodensee; denn damit hätten wir uns keinen Moment wirklich in ihr Leben vertiefen können; und schließlich handelt es sich ja um eine Philosophin und man musste selbstverständlich auch ihre Art zu denken beschreiben, ihre Art zu analysieren, ihren Mut – das war wichtig. Das ganze Leben darzustellen, hätte bedeutet, eine „action“ nach der anderen zu bringen. So haben wir uns eben auf diese vier Jahre beschränkt, es war also nicht von Anfang an klar für uns, hat sich aber doch als Notwendigkeit erwiesen, um in die Tiefe gehen zu können.
Kultur Joker: Geistige Tätigkeit charakterisiert die Person Hannah Arendt, das musste im Film zum Ausdruck kommen. Wie ist es Barbara Sukowa Ihrer Meinung nach gelungen, diese leidenschaftliche Denkerin zu verkörpern?

Weiterlesen…

Interview | Januar 2013 | von redaktion

Expedition ins braune Reich

Im Gespräch: Thomas Kuban, Enthüllungsjournalist und Autor

Thomas Kuban hat jahrelang mit versteckter Kamera und unter Lebensgefahr bei Rechtsrock-Konzerten gefilmt, er arbeitete mit „Spiegel TV“, „Stern TV“ und „Panorama“ zusammen. In dem Buch „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ berichtet der Enthüllungsjournalist über die neonazistische Jugendkultur in Europa. Sein Fazit: Die rechte Musikszene ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und stellt eine massive Bedrohung für die Demokratie dar. Olaf Neumann sprach mit Thomas Kuban – dessen Name ein Pseudonym ist

Kultur Joker: Herr Kuban, hat sich etwas verändert, seit die Zwickauer Terrorzelle NSU und ihre Morde bekannt wurden? Schließlich vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht über Neonazis und das Versagen der Behörden berichten.
Thomas Kuban: Über den NSU wird angesichts der zehn Todesopfer medial zu Recht in großem Stile berichtet. Wenn man aber bedenkt, dass nach einer Recherche der „Zeit“ und des „Tagesspiegel“ seit 1990 rund 150 Menschen an den Folgen rechtsextremistischer Gewalt gestorben sind, der Staat parallel dazu aber nur 60 Opfer gezählt hat, frage ich mich, wieso das Thema nicht jede Woche auf der politischen Agenda steht. Die Differenz von 90 Todesopfern nimmt man einfach so hin. Man weiß seit Jahrzehnten, was für eine Gefahr von den Neonazis ausgeht, und trotzdem wird das, was die Bewegung jenseits des NSU ausmacht, nach wie vor vernachlässigt.
Kultur Joker: Sie haben zehn Jahre lang bei Rechtsrock-Konzerten verdeckt gefilmt. „Frei.Wild“ aus Südtirol wird in Deutschland mit goldenen Schallplatten geehrt und tritt hier in den größten Hallen auf. Wo verorten Sie diese Band?

Weiterlesen…

Interview | Dezember 2012 | von redaktion

Man muss einen Schritt mehr machen

Im Gespräch: Tobias Hauser, Fotojournalist und Mundologia-Veranstalter

Die von Tobias Hauser und David Hettich initiierte Mundologia zählt mittlerweile zu den wichtigsten und hochkarätigsten Events im Freiburger Kulturkalender. 2004 im Bürgerhaus im Seepark erstmals durchgeführt, erfolgte vor knapp fünf Jahren der Umzug ins Konzerthaus, wo sich Europas größtes Festival für Fotografie, Abenteuer und Reisen inzwischen in vollster Blüte zeigt. Der Stellenwert der Veranstaltung lässt sich nicht zuletzt am Publikumszuspruch ablesen, der 2011 erstmals die Marke von 20.000 Besuchern überschritten hat. Im Vorfeld der 10. Mundologia, die vom 1. bis 3. Februar 2013 wiederum mit einer ganzen Reihe namhafter Referenten über die Bühne geht, unterhielt sich Claus Weissbarth mit Tobias Hauser.

Kultur Joker: Herr Hauser, 10 Jahre Mundologia sind gewiss eine gute Gelegenheit, ein Resümee zu ziehen. Wie fällt das aus ihrer Sicht aus?
Hauser: Wenn ich daran denke, wie ich vor 13 oder 14 Jahren noch mit dem Fahrrad – den Diaprojektor und Kassettenrecorder im Rucksack – zum Hausfrauenclub oder Seniorenwohnheim gefahren bin, um vor 30 Personen Vorträge zu halten, dann ist eigentlich mehr als ein Traum in Erfüllung gegangen. Als wir das damals gestartet haben, war der Gedanke, die Mundologia eines Tages im Konzerthaus vor so vielen Menschen zu präsentieren, in keiner Weise präsent. Wir waren schon froh, das Bürgerhaus im Seepark oder das Audimax voll zu bekommen. Dass wir damit ein derartiges Interesse wecken könnten, war seinerzeit praktisch unvorstellbar. Und natürlich freuen wir uns auch darüber, dass wir die Mundologia neben anderen Events wie dem ZMF oder den diversen Messen als festen Bestandteil im Freiburger Kulturkalender etablieren konnten. Es geht aber nicht allein um die Größe der Veranstaltung, sondern auch darum, dass man die Menschen auch im Multimediazeitalter noch mit guten Live-Reportagen begeistern kann und das Interesse sogar noch zunimmt. Diese Anerkennung ist für mich eigentlich mit die wertvollste Erkenntnis.
Kultur Joker: Der immense Erfolg hat in großem Maße sicherlich auch mit der Qualität der Vorträge zu tun.

Weiterlesen…

Interview | September 2012 | von redaktion

„Eine Fusion ist keine Lösung“

Im Gespräch: François-Xavier Roth, Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg

Ende September tagt in Stuttgart der Rundfunkrat. Bei der Sitzung geht es vor allem um die angedachte Fusion von Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und SWRSinfonieorchester Baden- Baden und Freiburg. Zuvor hat Georg Rudiger mit François- Xavier Roth, dem neuen Chefdirigenten des SWR-Sinfonieorchester gesprochen – über Aufbruchsstimmung, Vertrauensbrüche und die Frage, welche Kultur man in Zukunft haben möchte.

Kultur Joker: In einem kurzen Werbefilm, der Sie beim Kochen und beim Dirigieren zeigt, sagen Sie, das Verhältnis zwischen Dirigent und Orchester sei so kompliziert wie eine gute Mayonnaise. Der Film ist zu Beginn Ihrer Amtszeit in Freiburg entstanden. Wie schmeckt im Augenblick die Mayonnaise? François-Xavier Roth: Sehr gut. Die Chemie zwischen dem Orchester und mir hat schon von Beginn an gestimmt. Natürlich braucht es ein wenig Zeit, um sich kennenzulernen. Da treffen ja erst einmal zwei verschiedene Welten aufeinander. Aber inzwischen ist schon alles aufeinander abgestimmt – wie bei einer guten Mayonnaise. Kultur Joker: In Ihrem ersten Freiburger Konzert, als Sie unter anderem Pierre Boulez’ „Notations“ und Mahlers 1. Symphonie aufführten, habe ich eine große Aufbruchsstimmung gespürt im Orchester. Die Musiker saßen auf der Stuhlkante – und haben sich sichtlich gefreut, mit Ihnen zu musizieren. Wie haben Sie diesen Anfang in Freiburg erlebt? Roth: Für mich wird dieses Konzert immer ein besonderes Erlebnis bleiben. Ein wichtiger Grund dafür war das Publikum. Die begeisterte Reaktion, dieser Beifallssturm nach Boulez’ komplexen „Notations“ hat mich völlig erstaunt. So etwas habe ich bei Neuer Musik noch nie erlebt. Das Konzert war wirklich ein Anfang. Der Beginn einer Reise – einer sehr wichtigen Reise.

Weiterlesen…

Interview | August 2012 | von redaktion

„Adenauer – Stunden der Entscheidung“

Im Gespräch: Werner Biermann, Grimme-Preiträger und Biograf von Konrad Adenauer; Foto: SWR/Christel Fomm

Ein cooler Typ, dieser Adenauer! Erstmals hat das deutsche Fernsehen ein Doku-Drama über den legendären ersten Bundeskanzler produziert (Sendetermin: 5.8., Das Erste). Der laut einer TV-Wahl „größte Deutsche aller Zeiten“ prägte eine ganze Ära inklusive des sogenannten Wirtschaftwunders und der Gründung der Bundeswehr. Der Film „Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung“ entstand u.a. an Originalschauplätzen in Rhöndorf und in Bonn. In Adenauers ehemaligem Amtssitz Palais Schaumburg sind Dreharbeiten für Spielfilme eigentlich nicht erlaubt, aber Bundeskanzlerin Angela Merkel machte für das ARD-Projekt eine Ausnahme. Olaf Neumann sprach in Hamburg mit Grimme-Preisträger und Adenauer- Biograf Werner Biermann, der das Drehbuch verfasste Kultur Joker: Herr Biermann, welche neuen Erkenntnisse haben Sie bei der Beschäftigung mit Konrad Adenauer gewonnen? Werner Biermann: Zuerst einmal habe ich herausgefunden, dass in meinem eigenen Kopf ziemlich viele Klischees über Adenauer und andere frühe Figuren der Bundesrepublik abgespeichert sind. Das hat wohl mit meiner Lektüre als junger Mensch zu tun, dazu gehörte montags immer der „Spiegel“. Vieles wurde zu einfach oder sogar falsch dargestellt. Augstein machte ja zeitweilig einen ziemlich hemmungslosen Kampagnen- Journalismus, was ich natürlich als jugendlicher Leser nicht erkennen konnte. Deshalb gilt es vielen Menschen beispielsweise immer noch als gesichertes Wissen, dass Adenauer „mit seiner forcierten Westbindung die Wiedervereinigung verspielt hat“. Das ist ein bleibender Vorwurf, obwohl er von den Historikern längst widerlegt wurde. Kultur Joker: Wollen Sie unser verzerrtes Adenauer-Bild korrigieren? Biermann: Nein, das ist nicht das Ziel, höchstens ein Nebeneffekt. Es geht bei unserem Film nicht darum, ganz nüchtern eine kritische Bilanz dessen zu ziehen, was Adenauer politisch erreicht hat und was daran gut oder nicht so gut war. Mich hat vielmehr interessiert, die Persönlichkeit, seinen Charakter und seine innere Befindlichkeit zu verstehen und in einer spannenden Geschichte darzustellen, also zu erzählen. Ein Charakter offenbart sich ja in Krisenzeiten besonders deutlich. Das geht natürlich nur als Spielfilm, denn das historische Filmmaterial, etwa die Wochenschau, ist ja völlig eindimensional. Wir wollten den Ereignissen von damals ihre emotionale Dimension zurückgeben, wir wollen die Zuschauer auch berühren und anrühren. Aber natürlich erzählt der Film die Politik sehr sorgfältig mit, weil sie von der Figur nicht zu trennen ist. Kultur Joker: Wie muss man sich den Wahlkampf von 1949 vorstellen? Biermann: Ganz anders als heute, weil es keine Spitzenkandidaten und auch keinen Kanzlerkandidaten gab. Der personalisierte Wahlkampf kam erst später. Kurt Schumacher war sicher der prominenteste Sozialdemokrat, und Adenauer war einer der prominenten Christdemokraten. Aber man sagte damals nicht: Wählt uns, weil wir Adenauer haben! 1953 bei seiner ersten Wiederwahl war das schon anders. Kultur Joker: War Adenauer mit seinem Handeln seiner Zeit voraus? Biermann: Er war voraus und hinkte zugleich hinterher, sehr paradox. Jedenfalls hat er mit seinen alten Werten und Prägungen aus dem tiefsten Wilhelminismus den modernsten Staat geschaffen, den es je in Deutschland gab. Sein Markenzeichen ist vielleicht seine Nüchternheit. Genauer als die anderen konnte er 1949 einschätzen, was in Deutschland machbar war und was nicht. Die Bundesrepublik war gerade von den drei Westmächten gegründet worden. Ihre Aufgabe war es, im entfesselten Kalten Krieg ein Bollwerk gegen den Kommunismus zu bilden. Man wollte, dass diese Bundesrepublik Teil der westlichen Welt und des westlichenTeils der Bevölkerung durchgesetzt, vor allem von Strauß. Kultur Joker: Was trieb Adenauer tief im Innersten an?

Weiterlesen…

Interview | Juli 2012 | von redaktion

Im Namen der Freiheit

Im Gespräch: Dr. Barbara Ellermeier, Historikerin

Ausschnitt aus dem Cover des Buches von Barbara Ellermeier

Vor 70 Jahren gründeten die Geschwister Hans und Sophie Scholl mit anderen die Widerstandsorganisation „Die Weiße Rose“. Erstmals ist jetzt eine Biographie über Hans Scholl erschienen. Die Historikerin Barbara Ellermeier lässt ihn durch seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen zum Leser sprechen. Viele bisher unbekannte Quellen zeigen ein überraschend neues, lebendiges Bild des Widerstandskämpfers. Die Fragen an Dr. Barbara Ellermeier stellte Olaf Neumann.

Kultur Joker: Die Weiße Rose wird vor allem mit Sophie Scholl in Verbindung gebracht. Ihr hat man Filme und Musicals gewidmet. Wollten Sie mit Ihrer Biographie über Hans Scholl auch ein bisschen den Mythos korrigieren?

Dr. Barbara Ellermeier: Mythos ist ein großes Wort. Mein Geschichtsprofessor hat immer gesagt: „Das Uninteressante ist das Interessante.“ Wenn man bei Sophie den Blickwinkel nur geringfügig ändert, kommt Hans Scholl in den Fokus. Sein Nachlass im Institut für Zeitgeschichte in München wurde erst jetzt komplett freigegeben. Da habe ich hunderte neuer Briefe entdeckt, an die Freunde und Freundinnen, die Geschwister und die Eltern. Seine Mutter hat jeden Sonntag allen Kindern geschrieben. Es ergibt ein sehr dichtes Bild, teilweise kann man sogar Tagesabläufe rekonstruieren. Meine Biographie beginnt, als Hans anfängt, selbst regelmäßig Briefe zu schreiben: mit 18 Jahren. Seine Kindheit habe ich nur in Rückblenden erzählt. Ich wollte nicht auf die Erinnerungsliteratur zurückgreifen. Sondern Hans Scholl soll direkt zum Leser sprechen, mit seiner eigenen Stimme.

Weiterlesen…