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Theater | November 2018 | von Annette Hoffmann

Thom Lutz inszeniert Frischs „Der Mensch erscheint im Holozän“ in Basel

Alles in allem, ein stilles Tal

Zwei Jahre nachdem Max Frischs „Der Mensch erscheint im Holozän“ in der Inszenierung von Thom Lutz am Deutschen Theater Berlin Premiere feierte, ist das Schauspiel nun im Theater Basel zu erleben. Der alternde Mann ist darin kein Alleskönner mehr, vielmehr ist die ganze Menschheit eine Randerscheinung der Erdgeschichte.

© Sandra Then

Franziska Machens in „Der Mensch erscheint im Holozän“ im Schauspielhaus des Theater Basel.

Ziemlich viel Nebel in diesem Dorf, das nicht das Ende der Welt ist, wie Elsbeth gesagt hätte. Fünf Stunden nach Basel, wo die Tochter lebt und Herr Geiser ein Unternehmen geführt hat, dessen Umsätze der Schwiegersohn nun verdreifacht hat. Drei Stunden nach Mailand und eine halbe Stunde zur nächsten Apotheke. Aber welche Medizin soll schon helfen, wenn einem die Welt entgleitet – denn die Frau ist längst tot und mit den Gefäßen ist auch etwas nicht in Ordnung. Und dann das: In diesem Dorf rutscht der Hang, die Dorfbewohner sind auf sich selbst zurückgeworfen.

„Der Mensch erscheint im Holozän“ ist eine für Max Frischs Verhältnisse beinahe schon demütige Erzählung. Der alternde Mann ist kein Alleskönner mehr, eher schon ein bisschen hinfällig und der Mensch nichts anderes als eine Randerscheinung in der Erdgeschichte.

Was für ein Aufheben soll man also machen, wenn man zwischen Erinnerungen und absonderlich wirkenden Handlungen aus der Welt geht? Dieser Text, in dem sich ein Ich abhandenkommt, ist konsequent aus der Perspektive eines Er-Erzählers geschrieben. „Der Mensch erscheint im Holozän“ drängt sich nicht zur Dramatisierung auf. Und ist damit wohl statisch genug für einen Regisseur wie Thom Luz, der bislang noch aus jedem Text den Spannungsbogen gekickt hat.

Ein Kreis mit erheblichen Fliehkräften ist die Grundstruktur von Luz‘ 90-minütiger Inszenierung, die vor gut zwei Jahren im Deutschen Theater Berlin Premiere hatte und nun auch beim Koproduktionspartner im Theater Basel zu sehen ist. Natürlich auf der Drehbühne.

Im Schauspielhaus lichtet sich der Nebel nur langsam. Bevor sich überhaupt erst der Vorhang hebt, ist Daniele Pintaudi nicht nur von einem Klavier zum anderen gewandert – sie stehen vor der ersten Reihe (auf der Bühne wird es noch weitere sechs geben) – um die gedämpften Beethoven-Klänge von der Bühne aufzunehmen (Musikalische Leitung: Mathias Weibel). Er hat auch die Menschheitsgeschichte in Innovationsschüben überliefert. Da ist er wieder, der Homo Faber.

An Geiser geht das alles vorbei. Ulrich Matthes sitzt mit entspannter Aufmerksamkeit auf einem Hocker mit dem Rücken zum Publikum, die Hände auf die Oberschenkel gestützt. Der Kopf neigt sich nach rechts, wenn dort seine verstorbene Frau Elsbeth (Judith Hofmann) eine Touristengruppe über die Bühne führt, die kahl wie ein Arbeitsraum ist. Er neigt sich nach links, wenn seine Tochter Corinne (Franziska Machens) und Wolfang Menardi mit weißen Wänden hantieren, aus denen irgendwann einmal eine Art Bungalow auf Stelzen entstehen soll (Bühne: Wolfgang Menardi, Thom Luz).

In Luz‘ Inszenierung wird der Dialog nicht zwischen den Figuren geführt, obwohl der Regisseur zusammen mit David Heiligers aus der Erzählung diese herauskristallisiert hat, er entsteht zwischen Text und Musik.

Geiser berichtet von seinem Tageswerk, das in Warten übergegangen ist, er hält sich fest, indem er Lexikonartikel an die Wände pinnt. Luz‘ Inszenierung hat ihre Stärken in den Bildern, ein Darsteller wie Ulrich Matthes gibt ihr einen melancholischen Unterton, zögerlich und zaudernd setzt er zum Sprechen an, alles sehr zurückgenommen.

Die Inszenierung greift Geisers Nachdenken über das All und die Sterne auf, indem er einen Scheinwerfer auf mehrere Spiegel richtet, so dass der Bühnenraum plötzlich durch fünf Lichtbündel durchschnitten wird, hält einer der Darsteller einen von Geisers Zetteln ins Licht, verschwinden vier, senkt er das Blatt, sind sie wieder da (Licht: Matthias Vogel, Tobias Voegelin).

Und wenn am Ende sich zwischen Geiser, der starr oben in seinem Haus steht, und seine Tochter mehrere transparente Gazen schieben, verblasst sein Gesicht zu einem Schemen.

Was: Schauspiel: „Der Mensch erscheint im Holozän“ von Thom Lutz
Wann: 4./9./24./25. November 2018
Wo: Theater Basel, Schauspielhaus, Elisabethenstr. 16, 4051 Basel
Web: www.theater-basel.ch