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Theater | November 2018 | von Friederike Zimmermann

„1917 – Russisch Roulette“ am Theater der Immoralisten: Ein Muss

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Wie vermittelt man das komplexe Geschehen im Ersten Weltkrieg mit seinen zahlreichen widerstreitenden Akteuren und Interessen in einer 90-minütigen Theaterinszenierung? Im besten Fall so, wie es das Freiburger Theater der Immoralisten in seinem neuen Stück „1917 – Russisch Roulette“ tut. Ein ganz großer Wurf.

© Manuel Kreitmeier

Florian Wetter als Lenin in „1917 – Russisch Roulette“ im Freiburger Theater der Immoralisten.

Dieses Spiel war offenbar nicht zu gewinnen: Europa, um 1917. Die Menschen waren vom Krieg zermürbt, die Fronten verhärtet. Man hoffte auf Frieden. Tatsächlich zeichnete sich im Osten Europas zunächst ein Ende des Krieges ab. Doch dann sollte die Russische Revolution einen Flächenbrand verursachen, der nichts als graue Asche zurückließ…

Welch paradoxe Entwicklungen die Geschichte doch manchmal nimmt. Und wie wenig braucht es zuweilen, um aus einer allgemeinen Friedenssehnsucht ein Inferno zu entfachen.

Das ist auch heute so. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Man sollte es einfach nie vergessen. Dafür ersannen die Immoralisten im zweiten Teil ihrer Weltkriegstrilogie ein probates Mittel, das tragische Geschichte mit Humor zu paaren versteht: Deren Adaption ins Heute. Wir, die Zuschauer, befinden uns nämlich inmitten einer Gameshow, vor uns eine schwarze Wand mit roten und grauen Kreisen, ganz im Stil von Dalli-Dalli & Co. (Bühnenkonstruktion: Markus Wassmer).

Ein quirliger Moderator (James Foggin) stellt zunächst seine Assistentin Tatjana vor (endlich wieder dabei: Anna Tomicsek), um dann die Kandidaten aufzurufen. Wer nun solche à la Otto-Waalkes erwartet, zuckt unwillkürlich zusammen: Drei gesetzte Herren in historischer Uniform und Anzug betreten mit tiefernster Miene die Bühne. Sie sind niemand geringerer als Zar Nikolaus (Jochen Kruß), Pawel N. Miljukov (Markus Schlüter) und – Lenin (Florian Wetter).

In Vorfreude bestückt der Moderator die Pistolentrommel. Das russische Roulette – die Fragenrunde – beginnt; und damit der Überlebenskampf. Die Kandidaten werden gelöchert, warum sie 1917 wie gehandelt haben. Das treibt den ein oder anderen verzweifelt in die Enge. Immer wieder stellt sich die Entscheidung zwischen Rücktritt oder Selbsttötung. Der Zar ist weg, seinen Platz am Kandidatenpult nimmt Alexander Parvus (Daniel Leers) ein. Miljukov geht, Kerenski (Jochen Kruß) kommt und so fort.

Mit jeder neuen Runde hüllt sich Assistentin Tatjana in ein neues Gewand – erst rot, dann grün, dann einheitsgrau… Doch anstelle einer fröhlichen Show-Zwischenmelodie weht einem jedes Mal die traurige Schwermut der gemarterten russischen Seele entgegen (Sound: Florian Wetter).

Nur einer behauptet sich, wenn auch manchmal nur knapp: Lenin. „Scheiße“, sagt er dann. „Alles nur Scheiße!“ In dem Moment hat man kurz das Gefühl in einer der allabendlichen Talkrunden zu sitzen, zu der ein AfD-ler eingeladen wurde. Nun, ob rechts oder links – das tut hier ohnehin nichts zur Sache. Was gleichgeblieben ist, ist die Rolle des Volkes, ist unsere Rolle: Das wird uns bewusst, wenn wir für einen Moment dem Sog der Claqueure unterliegen und ohne weiter nachzudenken in den Begrüßungs-Beifall für Stalin einstimmen.

Mit ihrem neuen Stück gelang den Immoralisten ein ganz großer Wurf. Die Weltgeschichte wird in einem Studio verhandelt, das Publikum ist Teil der Inszenierung (Regie, Bühne und Kostüm: Manuel Kreitmeier). Wie fein ist das denn! Kein bisschen müde wird man in dieser 90-minütigen Inszenierung ohne Pause, was neben der genialen Regie-Idee vor allem dem hervorragenden Spiel sämtlicher Akteure, die zum Teil Mehrfachrollen mit einer Unmenge an Text übernahmen, geschuldet ist.

Diese originelle und dabei so eindrückliche Geschichtsstunde möchte man wirklich jedem empfehlen. Besser kann man dies komplexe Geschehen um 1917 nicht vermitteln.

Was: Schauspiel: „1917 – Russisch Roulette“
Wann: Bis 15. Dezember. Do-Sa, 20 Uhr
Wo: Theater der Immoralisten
Web: www.immoralisten.de