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„Die Sache Makropulos“ am Theater Freiburg

Vera Nemirova inszeniert Leos Janáceks Oper mit Katerina Hebelková als Primadonna

Der Zeiger auf dem großen Zifferblatt steht still. Die Zeit ist angehalten für die Operndiva Emilia Marty, die, weil sie als Kind von ihrem Vater ein Lebenselixier zu trinken bekam, inzwischen 337 Jahre zählt: In Leos Janáceks Oper „Die Sache Makropulos“ am Freiburger Theater verkörpert die tschechische Mezzosopranistin Katerina Hebelková die Primadonna. Und macht aus der geheimnisvollen Figur eine sinnliche, selbstbewusste, von den Männern begehrte Frau, die ihr zerbrechliches Inneres mit dem Glanz des Erfolgs schützt.

Foto von Opernsängerin Katerina Hebelková als Primadonna, sie sitzt vor einem großen Ziffernblatt und schminkt sich

Katerina Hebelková in Leos Janáceks Oper „Die Sache Makropulos“ – zu sehen bis Mitte Januar im Theater Freiburg © Maurice Korbel


Eigentlich kommt die Vorgeschichte in der Oper erst nach und nach ans Licht. Regisseurin Vera Nemirova geht einen anderen Weg und lässt zur langen Ouvertüre einen Stammbaum auf den Vorhang projizieren, der die hochkomplexen Verwandtschaftsverhältnisse aufzeichnet.
Die präzisen, akkuraten Linien sind auch musikalisch zu hören. Gerhard Markson seziert am Pult des Philharmonischen Orchesters Freiburg regelrecht die Partitur, holt Nebenstimmen heraus und sorgt vor allem für einen steten Fluss, der trotz der vielen Tempowechsel und Generalpausen nie gefährdet ist. Die vielen Repetitionen, die durch die einzelnen Register wandern, laufen wie ein Uhrwerk. Ein Rädchen greift ins andere. Besonders die Blechbläser bestechen durch leichten Tonansatz und helle Farben. Transparent ist das und schwebend, rhythmisch präzise und dennoch kantabel. Jeder Melodiepartikel wird vom Orchester gepflegt, jede Phrase mit Vibrato gewärmt. Nur wenn es in den Streichern in hohe Lagen geht, kommt es mitunter zu Intonationseintrübungen.

Die Kanzlei von Rechtsanwalt Kolenatý, dem Andrei Yvan mit konturiertem Bass ein klares Profil verleiht, hat Bühnenbildner Jens Kilian zu einem kafkaesken Büro mit tief hängenden Lampen und seelenlosen Schreibtischen gemacht. Assistent Vítek (hell timbriert: Roberto Gionfriddo) stöbert in Akten. Albert Gregor, dem Michael Bedjai mit seinem in der Höhe leuchtenden Tenor die notwendige Dringlichkeit verleiht, wartet verzweifelt auf die Klärung der Erbschaft.

Das Männergeplänkel wirkt wie ein Vorspiel zum ersten Auftritt von Emilia Marty, die mit Sonnenbrille, Hut und Stola ganz als elegante, unnahbare Diva daherkommt (Kostüme: Marie-Luise Strandt). Katerina Hebelková rückt die Figur mit ihrer darstellerischen Präsenz und der gesanglichen Expressivität von Beginn an in den Mittelpunkt. Dass die Partie etwas hoch für sie liegt, merkt man nur in ganz wenigen, angestrengten Momenten. Im zweiten Akt wird die Sängerin in ihrer Garderobe gezeigt. Um an die Formel für das Lebenselixier zu kommen, verführt sie hier den jungen Janek (berührend: Christoph Waltle), bevor sein Vater Jaroslav Prus ihn brutal zu Boden schmeißt. Juan Oroczo verkörpert den Prozessgegner von Albert Gregor als geilen Mafiaboss mit Nelke im Knopfloch und Stock in der Hand, mit dem er Emilia Marty zwischen die Beine stößt. Nemirovas Inszenierung erzählt hier auf beklemmende Weise von sexistischer Gewalt und männlichem Voyeurismus.

Das Philharmonische Orchester verschärft den Ton. Und dreht im dritten Akt weiter an der Schraube, wenn Katerina Hebelková die Titelfigur noch stärker in den Vordergrund spielt und ihre Umgebung mit hochexpressiven Tönen über die Vergangenheit aufklärt. Am Ende verbrennt ihre junge Kollegin Krista, nuanciert interpretiert von Susana Schnell, die wieder entdeckte Formel. Nun kann Emilia Marty endlich sterben. Zu den hymnischen Klängen aus dem Orchestergraben geht sie ins Licht. Und die Zeiger der Uhr beginnen sich zu drehen.

Weitere Vorstellungen: 1./3./ 9./18./23. Dezember sowie 6./18. Januar.

Georg Rudiger