Voralpen- und andere Helden

Das Theater Basel in der Spielzeit 2009/10
Schwanensee - Das Theater Basel in der Spielzeit 2009/10

Ein angeschnittenes Testbild steht dem neuen Saisonprogramm des Theater Basel voran. So als ob Theater in der Sendepause des Fernsehens stattfände. Entworfen wurde das neue Programmheft von Studierenden der Hochschule für Gestaltung und Kunst der Fachhochschule Nordwestschweiz. Eine durchaus programmatische Kooperation, schließlich will Georges Delnon der jungen Generation in der Saison 2009/10 angesichts der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche Stimme und Raum im Basler Theater geben: „Großzügig. Ihnen die Chance einräumen, es besser zu machen oder treffender gesagt, anders zu scheitern“, soweit seine Begrüßungsworte.

In der Oper jedoch, auf der Delnons eigentliches Augenmerk liegt, war wohl kein Raum. Viele alte Meister werden an dieser Spielzeit mitwirken. So wird Wolfgang Rihms Musiktheater „Drei Frauen“ zu sehen sein, bei dem der Basler Intendant selbst Regie führen wird. Auch wenn der (Arbeits)Titel ein wenig in die Irre führt, Rihms „Drei Frauen“ gehen nicht auf Robert Musil zurück, der Komponist hat vielmehr Szenen aus Werken von Nietzsche, Botho Strauss und Heinrich von Kleist zusammengeführt, die das weibliche Opfer in den Mittelpunkt stellen. Um dieses geht es auch in Giacomo Puccinis Tragödie „Madame Butterfly“. Mit der Inszenierung der 1970 geborenen Jetske Mijnssen wird das Theater Basel auch in die neue Saison starten. „La Grande-Duchesse de Gérolstein“ kreist zwar auch um die Tragik einer verlassenen Frau, doch ironisiert es das Thema und zeigt zugleich eine Phase des gesellschaftlichen Übergangs. Christoph Marthaler kehrt an das Theater Basel zurück, um Offenbachs Operette zu inszenieren. Tatsächlich gibt es eine Art Marthaler-Schwerpunkt in dieser Saison, wird er doch auch „Wüstenbuch“ nach einem Libretto von Beat Furrer und Händl Klaus einrichten und auch im Schauspiel ist er präsent, wenn auch nur in der Musik in Nikola Weisses Weihnachtsfarce „Der Messias“, die 1988 in Basel uraufgeführt wurde.

Ein Wiedersehen wird es auch mit der Ästhetik von Calixto Bieito geben, der nach Alan Bergs „Lulu“ in der kommenden Spielzeit „Aus einem Totenhaus“ von Leos Janacek auf die Große Bühne bringen wird. Leichtere Kost versprechen die Regiearbeiten von Tom Ryser, dessen bisherige Inszenierungen „Hair“ und „Sekretärinnen“ wiederaufgenommen werden, sein neuester Liederabend feiert ein untergegangenes Basel, in dem aber noch gesungen und getanzt wird. So schlimm kann es also nicht werden. Ein Musiktheaterprojekt mit dem Opernstudio OperAvenir wird von Jurate Vansk inszeniert, während Elmar Goerden, Intendant von Bochum, Mozarts „Le Nozze di Figaro“ und Jan Bosse das mythologische Verwirrspiel „La Calisto“ einrichten werden. Seine Inszenierung des „L’Orfeo“ wird ebenfalls eine Wiederaufnahme erleben. Musikalisch bildet die konzertante Aufführung von Verdis „Messa da Requiem“ den Abschluss der Saison.

Das Schauspiel befasst sich unter dem Stichwort der „splendid isolation“ mit der Schweiz als Utopie. Doch allzu national wird das Thema nicht aufgegriffen. So wird Schauspieldirektor Elias Perrig Tracy Letts klaustrophobisches Drama „Eine Familie“ inszenieren, das wohl auch als Zustandsbeschreibung der USA verstanden werden kann und Margareth Obexer greift in „Das Geisterschiff“ das Unglück von 300 afrikanischen Flüchtlingen auf, die 1996 vor Sizilien kenterten. Ein Stoff für ein antikes Drama wie die „Herakles-Trilogie“ von Armin Petras nach Euripides und Sophokles.

Neben Marcel Luxingers Voralpen-Heldenstoff „Tell the truth“ sowie dem Liederabend von Peter Licht „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ und der skandinavischen Misanthropie nach Matias Faldbakkens „Final Girl“ steht aber auch viel klassischer Theaterstoff auf dem Spielplan. Etwa Ionescos „Die kahle Sängerin“, die vom ehemaligen Leiter des Theater Basel Werner Düggelin inszeniert wird und Schillers „Räuber“ sowie Shakespeares „Richard III“, bei dem Michael Simon Regie führt. Als Schweizer Erstaufführung wird die Interpretation Alexander Nerlichs von Robert Woelfls „Jekyll und Hyde“ auf der Kleinen Bühne zu sehen sein und auch Dennis Kellys „DNA“ – Elias Perrig wird es mit Jugendlichen und dem Ensemble einstudieren – wurde bislang noch nicht in der Schweiz gespielt. „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ verspricht die Regiearbeit von Corinna von Rad nach einem Roman von Christian Kracht. Als Weihnachtsmärchen gibt man in Basel Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“, was Marguerite Duras und Yann Andrea Steiner, die im Mittelpunkt von „Falsche Namen“ stehen, ganz gewiss nicht haben. Für das Frühjahr ist eine Stadtraumintervention mit Hofmann & Lindholm geplant.
In die Stadt hat sich auch Richard Wherlock mit dem Abend „Milk and Honey“ aufgemacht, an dem der Basler Jazzmusiker George Gruntz und die Sängerin Erika Stucky beteiligt sind. Große Stoffe greift der Leiter des Balletts Basel mit „Carmen“ und seiner Choreografie „Swan Lake“ auf, die bereits in der letzten Saison zu sehen war. Die neue Tanz-Spielzeit eröffnet jedoch der Abend „Crescendi“, der aus drei verschiedenen Stücken besteht, die Richard Wherlock, Johan Inger und Rami Be’er choreografiert haben.

Beginn der Spielzeit: 10. September.
Infos: www.theater-basel.ch

Annette Hoffmann

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