Von Regenwetter, trocknen Schleichern, Lichtgestalten und geschundenen Kreaturen (Lektüretipps)

Keine Überlängen oder Aufzählungen rauben einem hier die Geduld. In seinem Tagebuch, das als ebenso wichtig gilt wie die sonderbare Geschichte „Rotfuchs“, notierte Jules Renard (1864-1910) einmal: „Manche Leute sind so langweilig, dass man mit ihnen in fünf Minuten einen ganzen Tag verliert“. In seinem kurzen 46-jährigen Leben hat er 54 Hefte gefüllt, manches wurde von seiner Frau entsorgt und der Erstherausgeber Henri Bachelin redigierte sie bereits „stark“. Nun hat Nikolaus Heidelbach Teile der geistreichen Notate ausgewählt und illustriert: „Nicht so laut, bitte! Wenn Sie die Wahrheit sagen, schreien Sie immer so“, heißt das Buch. Alltagsbeobachtungen stehen hier neben Aphorismen, literarischen Miniaturen, Naturbeschreibungen, moralischen Reflexionen und manchmal Plattitüden. Was charakterisiert sie? Jules Renard war zu Lebzeiten ein gefürchteter Kritiker, der seine Mitbürger:innen und die literarisch-künstlerischen Kreise in Paris, in denen er sich bewegte, mit spitzer Feder bedachte. Mal witzig, mal melancholisch und oft sarkastisch: „Drei Schritte auf die Straße, und ich werde unerträglich. Zum Glück gehe ich nicht oft aus“. Beckett, Sartre und Gide waren von Renards Tagebüchern begeistert, es fällt nicht schwer, ihnen zuzustimmen.

Von Ralf Rothmann (*1953) sind uns eindrucksvolle Romane und Erzählungen bekannt, nun gibt er mit „Theorie des Regens“ Einblick in seine stetige Entwicklung als sensibler Beobachter. Das Buch enthält Notizen aus fünfzig Jahren, Momentaufnahmen und karge Kommentare, die sein Aufwachsen im Ruhrgebiet und der deutschen Nachkriegsatmosphäre betreffen. Er betätigt sich etwa als Koch oder Bauarbeiter, zieht dann nach West-Berlin, hat erste Erfolge als Autor, reist ausgedehnt, nach Südamerika, die USA und immer wieder Paris. Zumutungen und Mangelerfahrungen stehen neben Liebe und Erfreulichem sowie Bezügen zur literarischen Tradition. Deutlich wird Rothmanns Distanz zur Mehrheitsgesellschaft, sein bewusstes, behutsames Verhältnis zur Sprache und zum Schreiben, das in allem einen Ort der Ruhe und Selbstbeobachtung schafft: „Immer habe ich den Regen geliebt – solange ich nicht nass wurde. Die Welt ist friedlicher, wenn es regnet, still sitze ich am Fenster und höre zu, wie der Wolkenbruch das Laub der Linde, die Postkästen und die leeren Flaschen hinter dem Bistrot zum Klingen bringt. (…) ich blicke durch die Tropfen auf der Fensterscheibe wie durch winzige, schnell zerlaufende Prismen auf mein Leben.“ Ein leiser und ansprechender Text.
Mit bedenklicher Verspätung erscheint ein Tagebuch der Fotografin Dora Kallmus (1881-1963), die in Wien und Paris bekannt wurde, wo sie Persönlichkeiten von Gustav Klimt über Josephine Baker bis Pablo Picasso porträtierte. 1940, nach der Okkupation Frankreichs, musste sie in den Süden Frankreichs fliehen und lebte rund drei Jahre in einem Bergdorf in der Ardèche, führte Tagebuch und schrieb Essays; das wollte sie nach dem Krieg veröffentlichen, fand aber keinen Verlag. Die Autorin Eva Geber hat nun den Nachlass von Kallmus aufgearbeitet und begleitet die Edition „Madame d’Ora. Tagebücher aus dem Exil“ mit einem erläuternden Text sowie Zeit- und Polizeidokumenten. Daraus ergibt sich das Bild einer Frau, die trotz Not und Gefahr nicht bereit war, sich und ihre Würde aufzugeben. D’Oras Aufzeichnungen machen anschaulich, wie sich ein Mensch unter der Bedrohung des NS-Systems und der damit verbundenen Ohnmacht verändert – und lassen einen nachdenklich zurück.
Literarische Werke richten auf unsere scheinbar vertraute Welt jeweils ein pointiertes Auge. Das zeigt der Philologe Peter von Matt (*1937) mit seinem spitzfindigen Sachbuch „Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten“. Noch in den unscheinbarsten Details eines Textes entdeckt er Wesentliches: Woher kommt die Lust an der Verschwendung? Wie funktioniert Dummheit? Wie entstehen Familiengeheimnisse? Anschauungsmaterial dazu bieten ihm Werke von Shakespeare, Goethe und Chamisso ebenso wie die „Zauberflöte“ oder der „Struwwelpeter“. Von Matt vermittelt zudem, dass sich Wissenschaft und Erzählen ergänzen. Dies ist nicht zu resümieren, das Vergnügen ist die Lektüre.

Jules Renard. Aus dem Tagebuch. „Nicht so laut, bitte! Wenn Sie die Wahrheit sagen, schreien Sie immer so“. Illustriert von Nikolaus Heidelbach. Kampa Verlag 2022
Ralf Rothmann. Theorie des Regens. Suhrkamp 2023
MADAME D’ORA. Tagebücher aus dem Exil. Eva Gerber (Hg.). mandelbaum verlag 2023
Peter von Matt. Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten. Die Möglichkeiten der Literatur. Hanser 2023

Bildquellen

  • Lektüretipps zum Herbst und Winter: Collage im Verlag erstellt
  • Lektüretipps zum Herbst und Winter: Foto: Polina Zimmerman via pexels