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Kunst | Oktober 2018 | von Annette Hoffmann

Mitten im Bildrätsel

陰府 (Shady Mansion) – Ausstellung von Amy Lien und Enzo Camacho im Kunstverein Freiburg

Als Künstlerin trägt Amy Lien ihren Teil dazu bei, dass die Lower East Side mehr und mehr gentrifiziert wird, schließlich ist zeitgenössische Kunst ein Faktor, der ein Viertel aufwertet. Als Künstlerin kann sie jedoch derartige Prozesse auch öffentlich machen und ihnen eine Form geben, die Vorgänge in New York nach Freiburg transportiert.

Wer derzeit den Kunstverein Freiburg betritt, wird sich in einem Irrtum wähnen. Kunst ist hier einmal nicht taghell ausgeleuchtet, die schummrigen Lichtverhältnisse sind wesentlicher Teil der Arbeit. Daher sieht man erst nach einer Weile seltsame, kahle Bäumchen, die die Lichtspots von Parabolschirmen in der schwarz abgehängten Decke erhalten. Die New Yorkerin und der in Berlin lebende Enzo Camacho haben ein Zukunftsprojekt in einen jenseitigen Raum verwandelt und womöglich so erst seinen Charakter enthüllt.

New York-Reisende kennen die High Line, 2009 wurde der erste Teil der ehemaligen Güterzugtrasse der Bevölkerung als öffentlicher Park übergeben. Fünf Jahre später wurde die gesamte Hochbahn zurückgebaut. Seitdem ist das Areal nicht nur eine Touristenattraktion, es hat auch dazu beigetragen, dass dort die Mieten gestiegen sind und hochpreisiger Wohnraum entstand. Mit der Lowline ist derzeit in New York ein ähnliches Projekt im Gespräch. Eine unterirdische Straßenbahnstation mitsamt Wendeschleife soll in eine Mischung aus Botanischem Garten, Food Hall und Mall verwandelt werden.

Der Aufwand ist hoch, soll doch das Licht durch aufwändige technische Konstruktionen in den Untergrund geleitet werden, so dass die Pflanzen Photosynthese machen können. Teure Immobilienprojekte im Umfeld der Lowline in der Lower East Side – Amy Liens Viertel – lassen nicht auf sich warten.

Fünf Hochhäuser mit Luxuswohnungen sind in Planung, „One Manhattan Square“ wird bereits gebaut. „Shady Mansion“, die Rauminstallation von Amy Lien und Enzo Camacho, hat die Idee der Lowline bereits jetzt als Jenseitsfantasie und vielschichtiges Bilderrätsel umgesetzt. Die kargen Bäumchen, die aus mehreren Ästen zusammengesetzt sind und in Keramikständern stecken, haben ihre Form so genannten Geldbäumen entliehen, die in China im Altertum den Toten mit ins Jenseits mitgegeben wurden.

„Shady Mansion“, was sich mit schattigem Herrenhaus übersetzen ließe, ist nichts anderes als eine euphemistische Bezeichnung für die Hölle. Geldscheine sind manchmal den toten Ästchen angeheftet, doch auch Papierblumen, Hirse- oder Maiskolben, seltsame Keramikköpfe, die auf kleinen Stäbchen stecken. Man muss diese kleinen Arrangements und Szenen zusammen mit den handschriftlichen Zetteln daneben lesen.

Es sind Kampagnensprüche von Renderings, mit denen die Wohnungen vermarktet werden, oder Bedenken der Anwohner, dass der billige Nudelladen schließen könnte oder dass die Solarzellen keinen Strom mehr produzieren, wenn der Schatten der Blöcke auf sie fällt. Bekrönt sind diese Bäumchen jeweils durch Modelle der projektierten Häuser. Die Füße jedoch sind Figuren des japanischen Animes „Pom Poko“, der erzählt, wie Marderhunde sich vergeblich gegen die Zerstörung ihres Lebensraumes wehren.

Der Kampf um bezahlbaren Wohnraum wird in „Shady Mansion“ gleich auf mehreren Ebenen erzählt und poetisiert. Amy Lien und Enzo Camacho, 1987 und 1985 geboren, sind mit der Globalisierung aufgewachsen. Und so bleibt Freiburg auch in ihrer Installation nicht außen vor. Über sechs Wochen machten sie sich vertraut mit der Stadt, die international mit dem Label „Green City“ für sich wirbt. Sie waren auf dem Feldberg, im Frauenhofer Institut für Solare Energiesysteme und im Stadtteil Vauban.

Die Recherchen sind nicht allein in die technische Konstruktion geflossen, viele der Objekte, mit denen die Bäumchen bestückt sind, stammen von hier. Dass auch in Freiburg über bezahlbaren Wohnraum diskutiert wird, wissen sie. Es ist ein Unterton der Arbeit, die über das Sichtbare hinaus ein großartiges Erzählgebilde ist. Man kann es zum Anlass nehmen, über Städte, Kapitalismus und Gemeinsinn nachzudenken.

Auch, wenn am 28. September ein Symposium mit dem Titel „Recht auf Stadt“ stattfindet, aber nicht nur dann.

Was: Ausstellung “Shady Mansion” von Amy Lien & Enzo Camacho
Wann: Bis 28. Oktober 2018. Di-So 12-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr
Wo: Kunstverein Freiburg, Dreisamstr. 21, 79098 Freiburg
Web: www.kunstvereinfreiburg.de