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Kultour | Oktober 2018 | von Peter Frömmig

Mythos und Wirklichkeit revolutionärer Zeiten

Die 1968er-Bewegung und ihre Folgen

Zum 50. Mal jährt sich in diesem Jahr der Höhepunkt einer Studentenbewegung, die unter dem Schlagwort „Achtundsechzig“ kursiert. Ein Synonym für alles, was die Welt damals bewegte und zu einem Gesellschaftswandel auf vielen Ebenen führte.

© Stadtarchiv Karlsruhe

Demonstration der politischen Hochschulgruppen gegen die zweite Lesung des Notstandsgesetzes im Bundestag Mai 1968 in Karlsruhe.

Einer der Impulse der Jugendbewegung in der frühen BRD war die Besetzung wichtiger Ämter und Positionen durch ehemalige Nationalsozialisten. Hinzu kam ein Klima der Intoleranz und Spießigkeit in der Gesellschaft und eine Stagnation der Politik, die mit dem „Wirtschaftswunder“ einher ging. Die 1960er Jahre waren zweifellos eine der prägenden Epochen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Über das Für und Wider scheiden sich bis heute die Geister. Es lohnt sich, auch über das Jahr 1968 hinaus zu denken, das Davor und Danach zu betrachten, den Mythos von der Wirklichkeit zu unterscheiden.

Am Rande des Wirtschaftswunders kam es zu politischen Gruppierungen, die sich kritisch gegen den „Konsumwahn“ wendeten. Als Ursprung der Studentenunruhen gelten die Schwabinger Krawalle von 1962. In der Kommerzialisierung sah man ein Angriffsziel, die Konsumgesellschaft wurde mit Unterdrückung gleichgesetzt. Die Studenten wollten sich frei machen von Konventionen und bürgerlichen Zwängen, aber gleichzeitig den vom Warenangebot betäubten Konsumenten aufrütteln.

Einer ihrer Vordenker war der Sozialphilosoph Herbert Marcuse, der auf die faschistische Kehrseite der Wohlstandsgesellschaft hinwies. Es sei nämlich gerade der Wohlstand, der zu Bewusstseinsverlust, zur Duldung von Gewalt und weltweiter Ungerechtigkeit führe – eine Feststellung, die sich leider bis heute zunehmend bewahrheitet. Die Protestierenden beriefen sich auf ein Recht zum Widerstand. Angriffsziel war besonders die „Bild“-Zeitung, die Schriftstellern wie Heinrich Böll und Günter Grass eine faschistische Sprache vorwarfen.

Der Faschismusvorwurf kam von beiden Seiten. Polizeiliche Staatsgewalt versuchte die aufmüpfigen Studenten im Stile von SS-Trupps mit Schlagstöcken mundtot zu machen. Unter den Festgenommenen bei den Schwabinger Krawallen befand sich Andreas Baader, Jahre später am Kaufhausbrand in Frankfurt beteiligt. Ein Angriff auf das Symbol der Konsumgesellschaft, später von der RAF weitergeführt mit der Exekution einiger ihrer Vertreter. Schon in den frühen Schriften von Ulrike Meinhoff findet sich der Begriff „Konsumterror“. Und bereits Anfang 1960 hatten niederländische „Provos“ proklamiert: „Wir leben in einer geschichtslosen Einheitsgesellschaft. Verhalten und Konsum werden uns vorgeschrieben. Das Provotariat verabscheut den versklavten Konsumenten.“ Aber dass die linken Gruppierungen von

Anfang an auf gewaltsamen Umsturz aus waren, kann man nicht behaupten. Selbst Ulrike Meinhoff ging es in ihren vorrevolutionären Jahren zunächst ganz konkret um Fragen der Bildung, des öffentlichen Nahverkehrs, um die Forderung für eine reinere Luft. Das ist frappierend nah an unserer heutigen Wirklichkeit. Die damalige massive Kritik am Konsumverhalten führte in eine ökologische Richtung, die nicht mit Gewalt vorangetrieben wurde, sondern ein Umdenken in der Politik anstrebte und an die allgemeine Moral appellierte.

Berlin und der „rote Rudi“

Das Aufbegehren gegen herrschende autoritäre Verhältnisse bestimmte das Lebensgefühl der Jugend. Die Studentenbewegung in der BRD wandte sich aber nicht nur gegen die hiesige politische Lage, sondern auch gegen die in der ganzen Welt. Schon 1960 hatten in den Südstaaten der USA die Sit-ins gegen Rassendiskriminierung begonnen, startete in England eine Kampagne für nukleare Abrüstung, folgte in Deutschland der erste Ostermarsch gegen Stationierung von Atomraketen.

Nach dem ersten Flächenbombardement in Südvietnam durch die USA, kam es in Berkley zu heftigen Studentenunruhen. Der Protest gegen den Vietnamkrieg zog international weite Kreise. An der Universität Frankfurt am Main fand der Kongress „Vietnam – Analyse eines Exempels“ statt. Bei einer Vietnamdemonstration in Berlin wurde 1966 das Amerikahaus mit Eiern beworfen.

Im gleichen Jahr fordert Rudi Dutschke während einer Vietnam-Woche zur Außerparlamentarischen Opposition (APO) auf. Und 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg während des Schahbesuchs erschossen. Nicht von einem „faschistischen Bullen“, wie wir heute wissen, sondern von dem eingeschleusten Stasi-IM Karl-Heinz Kurras. Was 1968 mit dem Aufstand in Berlin kulminierte, hatte sich also schon in den Jahren zuvor angebahnt. Was auffällt, ist die Gleichzeitigkeit vieler Ereignisse: man denke nur an den „Prager Frühling“, die „Mai-Revolte“ in Paris, den Widerstand an Orten bei uns und weltweit.

Sit-in während einer studentischen Demonstration im Mai 1968 in Karlsruhe.

Hatte sich der Protest der Studenten zuerst gegen die Bildungsinstitutionen mit ihren alten Strukturen gerichtet, verlagerte er sich immer mehr auf die Straße und auf andere Probleme. Nach dem Tod von Benno Ohnesorg, dem Inkrafttreten der Notstandsgesetze, erreichte der Widerstand eine neue Eskalationsstufe. Rudi Dutschke propagierte öffentlich den Systemsturz, notfalls mit Gewalt.

Seine seltsam gestelzte Ausdrucksweise, ein Philosophendeutsch, stand ganz im Gegensatz zum Studentenjargon („Wer zweimal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment“). Der SDS-Wortführer machte starken Eindruck durch sein Charisma, aber vieles was er vortrug, war nicht allen verständlich. Zeitzeugen, die 1968 beim großen Vietnamkongress an der Freien Universität in Berlin dabei waren, als Dutschke seine berühmt gewordene Revolutionsrede hielt, lästerten „über seinen hohen Ton, den beseligenden Singsang“, der an eine Erweckungspredigt erinnert habe.

Der damalige Berliner AStA-Vorsitzende Knut Nevermann sagte 2017 auf einer Podiumsdiskussion der FU, der Vietnam-Kongress habe einen Rausch ausgelöst, der alle erfasst habe, es seien anschließend 15 000 Demonstranten euphorisiert durch die Straßen Westberlins gezogen. Der Tübinger Universitätsprofessor Bernd Jürgen Warneke schreibt in seinem Buch „Mein 68 begann 65“: „Auch ich hatte in diesen frühen Bewegungsjahren das Gefühl, einen ganzen Galeerenvorrat an Fesseln zu sprengen.“

Einschneidend war das Attentat auf Rudi Dutschke durch den Hilfsarbeiter Josef Bachmann. Nach seiner Festnahme fand man bei ihm die „Deutsche Nationalzeitung“, die unter der Schlagzeile „Stoppt den roten Rudi“ fünf Porträtfotos von Dutschke zeigte. In Axel Springer wurde der Schuldige ausgemacht, die Blockade des Springer-Hochhauses beschlossen. Bei den Osterunruhen kam es zu den größten Straßenschlachten, die die BRD bis dahin gesehen hatte: Barrikaden wurden aufgebaut, Pflastersteine flogen, Springer-Zeitungen wurden verbrannt.

Marek Dutschke, Sohn von Rudi Dutschke, äußerste sich im Mai dieses Jahres zu den Ereignissen: „Die Hochzeit der Studentenbewegung, die mit der Ermordung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 begann, und deren Ende nach dem Attentat auf meinen Vater am 11. April 1968 besiegelt war, dauerte nur sehr kurz. Was bleibt von Achtundsechzig ist deshalb keine einfache Frage. Für mich steht die Öffnung der Gesellschaft, die danach in Deutschland schrittchenweise einsetzte, sehr weit oben.“

Marek Dutschke nimmt an, dass sich unter den „antiautoritär politisierten“, wie beispielsweise Joschka Fischer und Gerhard Schröder, die nach 1968 den Marsch durch die Institutionen antraten, wahrscheinlich auch sein Vater befunden hätte. Rudi Dutschke starb 1979 in Aarhus, Dänemark, an den Spätfolgen des Attentats.

Nachwirkungen von 1968

Vieles war in Bewegung, ins Rutschen gekommen, was auch über den Tag hinaus wirkte. Nicht zu vergessen: Die Studentenbewegung westlicher Länder hatte wesentlichen Anteil am Wandel der öffentlichen Meinung über den Vietnamkrieg, was zu dessen Beendigung beitrug. Manches, was in den 1960er Jahren angestoßen wurde, beschleunigte, verstärkte und modifizierte sich langfristig in zahlreichen Bereichen der bundesdeutschen Gesellschaft.

Die neue, zunächst studentische Frauenbewegung, die aus 68er-Bewegung hervorging, war im Ansatz auch bedingt durch eine Antwort auf die männerdominierte SDS. Den Kriegsdienst zu verweigern und zugleich gehorsam vor dem Gesetz zu sein, schloss sich nicht mehr aus. Manches, was zuvor verfemt war, wurde normal. Die neue sexuelle Freiheit, befördert durch die Anti-Baby-Pille, führte auch zu einem moralischen Wandel, der u. a. bewirkte, dass nichteheliche Beziehungen nicht mehr geächtet wurden.

Die Homosexualität unter Erwachsenen stand nicht mehr unter Strafe, Schwangerschaftsabbruch kam durch die Fristenlösung aus den Grauzonen der Illegalität. In Betrieben wurden gesetzlich geregelte Mitbestimmung und mehr Rechte für Betriebräte und Vertrauensleute durchgesetzt. Es bildeten sich lokalpolitisch engagierte Bürgerinitiativen und überregionale Bündnisse wie die Ökologie- und Friedensbewegung. Protestdemonstrationen und Straßenblockaden fanden auch in bürgerlichen Kreisen der Bevölkerung Akzeptanz. Willi Brandts Diktum, mehr Demokratie zu wagen, war angekommen.

Buttons des Widerstands in der Ausstellung „Bewegt euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe“ im Stadtmuseum im Karlsruher Prinz-Max-Palais (Ausstellung bis  14. Oktober 2018).

Andererseits wurde der freiheitliche Lebensstil Jugendlicher, der sich äußerlich durch legere Kleidung und lange Haare ausdrückte und auch Ausdruck der Rock- und Pop-Kultur war, in den 1970er Jahren zu einem Trend in der Konsum- und Erlebnisgesellschaft. Den Jahren der Revolte folgte eine Ära der sich geographisch immer weiter ausbreitenden, die Lebenswelt immer stärker durchdringenden kapitalistischen Ordnung. Enttäuschend ist auch, dass die Forderungen nach gleichen Bildungschancen sich bis heute nicht durchgesetzt haben. Allerdings konnte sich eine antiautoritäre Haltung allmählich im alltäglichen Leben ausbreiten.

Seit 1968 ist das Mauerwerk der Festung Obrigkeitsstaat zunehmend gebröckelt, hat rigides Ordnungsdenken im öffentlichen Leben an Dominanz verloren. „Die deutsche Bevölkerung hat das Misstrauen gegenüber jeglicher Form von Autorität verinnerlicht“, stellte bereits 1987 Renate Köcher vom Allensbacher Demoskopieinstitut fest, allerdings mit leiser Skepsis.

Die Folge des Autoritätsverlustes des Staates zeigt in diesen Tagen seine Schattenseiten. Nicht nur Polizisten auf gewöhnlicher Streife, selbst Sanitäter oder Feuerwehrleute werden bei ihrer Tätigkeit häufig behindert, verbal und tätlich angegriffen. War es damals eine lähmende Spießigkeit und Ordnungsstarre, ist es heute eine sich verbreitende Verrohung und Rücksichtslosigkeit (Beispiel: Hooligans, Straßenverkehr). Vielleicht hat auch das stärker geforderte Gebot der Moral in unserer Gesellschaft zu einer Abwehrreaktion geführt.

Gegenstimmen und Fazit

Für den Schweizer Publizisten Frank A. Mayer, der gern wider den Stachel löckt, ist eines der Resultate damaligen Umdenkens eine Moral, „die seit 50 Jahren jede freimütige und freisinnige Debatte behindert“. Auch Michael Weißenborn, ein in den 1960ern geborener Stuttgarter Journalist, beobachtet einen heutigen moralischen Rigorismus, der die Menschen ständig dazu anhält, ein „noch besserer Mensch“ zu werden, was eine der gravierenden Spätfolgen der linken 68er-Leitkultur sei. Das verführe dazu, ständig Werturteile abzugeben und Andersdenkende abzuwerten, Meinungsfreiheit zu unterdrücken.

Gegenseitige Gesinnungskontrolle ist inzwischen weit verbreitet, schnell ist man dabei, einen andern als Rassisten zu bezeichnen. Aus dem politischen Gegner wird so der unversöhnliche Feind. Was in Zeiten des Kalten Krieges die Kommunismusphobie war, ist heute die Angst vor der Rechtsaußenpartei AfD und einem reaktionären Nationalismus. Eine Umkehrung der Werte. Es ist schon soweit gekommen, dass Jörg Meuthen, Co-Chef der AfD, die immer mehr Zulauf bekommt, volltönend verkünden kann: „Die AfD ist die neue Konterrevolution!“ Das steht zwar noch dahin, aber gewiss ist diese Partei eine späte Rache der Ultrarechten in Deutschland nach 1968.

Verstärkt sind radikale politische Randgruppen entstanden, ist es zu sozialen Verwerfungen gekommen, weil die politische Mitte auf brennende aktuelle Fragen keine Antworten findet. Neben dem deutschen Antisemitismus, von links- wie von rechtsaußen, ist mit den Migranten aus muslimischen Ländern auch noch der eingefleischte Judenhass eingekehrt, was die Bundesregierung kaum zur Kenntnis nimmt.

Polarisierung ist immer eine Gefahr, die zu Spaltungen in der Gesellschaft führt. Die Schieflage ist groß, doch die deutsche Demokratie hat nach der Revolte von 1968, nach der „Bleiernen Zeit“ des RAF-Terrors und der missratenen Wiedervereinigung schon so manche Krise überstanden. Wenn auch nicht ohne Blessuren.

Demokratie ist nie etwas Statisches, Fertiges, Unantastbares, sondern ein fortwährender Prozess der Selbstbefragung und Korrektur, der Wandlung und Erneuerung.