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Kultur | Januar 2017 | von Redaktion

„Nationalsozialismus in Freiburg“ – Ausstellung im Augustinermuseum

Die Spitze des Eisbergs

Die unter Federführung des Historikers Robert Neisen und einem gewichtigen Beirat entstandene Ausstellung „Nationalsozialismus in Freiburg“ stützt sich auf zahlreiche Bücher, Veröffentlichungen des Stadtarchivs sowie Recherchen aus der Zivilgesellschaft. Hinzu kommen Bilder und historische Gegenstände, z.B. das antisemitische Kinderbuch „Der Giftpilz“ (1938) oder die Aktentasche des unbeugsamen Freiburger Sozialdemokraten Stefan Meier, der Stadtrat sowie Reichstagsabgeordneter in Berlin war und im März 1933 zu den 94 Mutigen gehörte, die gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis stimmten. 1944 wurde er im KZ Mauthausen ermordet.

Foto von Nazis bei einer Kundgebung auf dem Freiburger Münsterplatz 1939

Freiburger Nazis beim NSDAP-Kreisparteitag 1939 auf dem Münsterplatz (Schenkung E. Fehrenbach © Städtische Museen Freiburg/ Augustinermuseum)

Zum Ausstellungskonzept

Gegliedert ist die Schau in drei Bereiche: „Hoffnung und Krise“, „Heilsversprechen – Einschluss in die Volksgemeinschaft“ und „Gewalt – Ausschluss aus der Volksgemeinschaft und Krieg nach außen“. Anfangs geht es um den verheißungsvollen Aufbruch in der Weimarer Republik, als Frauen und Arbeitnehmer Rechte erhielten, in Kunst, Musik, Mode und Lebensstil neue Ideen auf den Plan traten, während gleichzeitig die Folgen von Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg schwelten – Inflation, Arbeitslosigkeit und autoritäre Denkweisen schwächten den jungen Staat.

Der zweite und dritte Teil der Ausstellung thematisiert den Aufstieg der Nazis, verbunden mit falschen Heilsversprechen, gewalttätiger Verfolgung sogenannter „Volksfeinde“, Enteignung der Juden – während ganz Europa Zug um Zug mit Konzentrationslagern, Zwangsarbeit und brutalsten Kriegen überzogen wurde. Die „Gleichschaltung“ soll relativ reibungslos verlaufen sein, die Beamtenschaft agierte im Sinne der NS-Politik, keine Bremse wirkte mehr. Karl Bender, Freiburgs demokratischer Bürgermeister, war zum Rücktritt genötigt und wurde am 11. April 1933 durch NSDAP-Kreisleiter Franz Kerber ersetzt, mit ihm regierten SS und Gauleiter Robert Wagner.

Am 21. April übernahm Martin Heidegger das Rektorat der Universität; Zentrumsmilieu und Katholizismus erklärten zunächst ihre Bereitschaft im neuen Staat mitzuarbeiten. Am 2. Mai wurden Gewerkschaften und Betriebsräte verboten – das totalitäre Gefolgschaftsprinzip beherrschte nun die soziale Dynamik. Wie begeistert und verblendet man sein konnte, lässt sich am Fotoalbum eines SA-Mannes nachvollziehen. Aufschlussreich ist des Weiteren ein Stadtplanungs-Modell von 1938, auf dem die Synagoge, schon bevor sie am 9. November 1938 brannte, nicht mehr vorhanden ist. Für Stadtbaumeister Joseph Schlippe stand sie einem geradlinigen Boulevard im Wege, der für wirkungsvoll einschüchternde Aufmärsche gebraucht wurde. Auf die hysterische Propagandamaschine der Nazis und den Führerkult weisen ein Filmschneidetisch sowie eine Hitlerbüste.

Exemplarische Biographien – Täter, Widerstandskämpfer, Opfer

Durch die Mitte der Ausstellungsräume zieht sich eine bankartige Konstruktion, welche 30 Personen, Täter, Widerstandskämpfer und Opfer – mittels Kurzbiographien sowie Fotos – präsentiert. Auch Zuschauer und „Bystander“, direkte und indirekte Kollaborateure, geraten abwechselnd in den Blick, wenn die Schicksale von Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten, Zeugen Jehovas, Euthanasieopfer, Homosexuellen, Sinti und Roma dargestellt werden; mitunter veranschaulichen Gegenstände ihre Geschichte, z.B. ein „Spieltisch“ der Familie Schwarz, den die Nazis – wie anderes jüdische Hab und Gut – nach deren Deportation im Oktober 1940 versteigert hatten. Angesprochen werden auch Fluchten und Auswanderungen, zwar gelungen, aber trotzdem bitter, etwa die von Max Mayer, Käthe Vordtriede oder der Gebrüder Bier. Selbstverständlich wird Gertrud Luckner porträtiert, die sich durch Hilfsaktionen und Beistand für Verfolgte hervorgetan hat. Die mehr oder weniger offene Opposition gegen das NS-Regime wird zudem anhand von Heinz Bollinger, der in Kontakt zur „Weißen Rose“ stand, thematisiert sowie an Walter Eucken.

Aus dem Täterbereich finden berüchtigte KZ-Ärzte Erwähnung, z.B. Waldemar Hoven und Eduard Krebsbach; Josef Mengele, Eugeniker in Auschwitz, der von dort aus seine Frau in Freiburg besuchte, wird nicht genannt. Definitiv mehr Information wäre nötig gewesen, um die verhängnisvolle Figur Robert Wagner sichtbar zu machen; seine Uniform-Mütze in einer Vitrine ist wenig aussagekräftig, Design scheint hier die Inhalte zu überlagern. Wagner, der als Reichsstatthalter das Elsass „judenfrei“ gemacht hatte, bevor im Oktober 1940 die badischen Juden nach Frankreich abgeschoben wurden, ist besonders wichtig, weil sich unsere europäischen Nachbarn mit der damaligen Täterschaft badischer Beamter im Elsass noch heute intensiv beschäftigen; etwa in der Gedenkstätte KZ Natzweiler-Struthof (struthof.fr).

An anderen Gedenkorten befasst man sich bekanntlich ebenfalls mit Schicksalen aus Freiburg, diesmal auf der Opferseite, etwa in Gurs (campgurs.com), Rivesaltes (memorialcamprivesaltes.eu) oder Sanary-sur-Mer, wo eine Gedenktafel Hans Arno Joachim verzeichnet, an den hier vor Ort nur ein Stolperstein erinnert. In der Ausstellung vermisst man die Odyssee von Robert Grumbach, der aus Gurs zurückkehrte und Ehrenbürger Freiburgs wurde; er steht für Viele, auch für die traumatischen Lebensläufe der zahlreich geretteten Kinder, die aber oft ihre Eltern verloren.

In der Ausstellung fehlen die Nachwirkungen der NS-Gewaltherrschaft

Eine temporäre Schau zur NS-Herrschaft in Freiburg ist ein Schritt, bietet aber nicht ausreichend Raum, um den Folgen des Gewaltsystems – die bis in die Gegenwart reichen – nachzugehen; weder die personale Kontinuität in der Nachkriegszeit, für die z.B. Joseph Schlippe steht, konnte ausreichend thematisiert werden, noch die Problematik der verschleppten Wiedergutmachung oder der heutigen Gedenkstättenarbeit in anderen Ländern. Vieles bleibt offen, nicht zuletzt fragt man sich, ob das religiöse Tafelbild von Martin Schaffner (15. Jh.), das in der Ausstellung zum Nachdenken über Gut und Böse anregen will, ein wirkungsvoller Impuls für ethische Überlegungen ist, die sich angesichts des Naziunrechts notwendig stellen. Im Prinzip kann nur eine zeitgeschichtliche Dauerausstellung mit integrierter Dokumentation und Bildungsarbeit diese schwierige Aufgabe nachhaltig für die nächsten Generationen übernehmen.

Die Raumtexte der Ausstellung (in drei Sprachen) werden durch Hörstationen, Filmsequenzen und Audioguides ergänzt; des Weiteren wird ein Katalog (Imhof Verlag 2016) geboten, der zum Weiterlesen einlädt, aber kein übersichtliches Inhaltsverzeichnis und Namensregister hat und in der Bibliographie wichtige Titel ausspart. Gewiss, es wird immer nur annähernd möglich sein, die Ungeheuerlichkeit der NS-Zeit dokumentarisch sichtbar zu machen.

Nationalsozialismus in Freiburg. Augustinermuseum. Geöffnet: Di – So 10 – 17 Uhr. Führungen und Begleitprogramm: www.freiburg.de/museen. Bis 7. Oktober 2017

Cornelia Frenkel

„Das Vergangene ist niemals tot, es ist nicht einmal vergangen.“
William Faulkner

„Geschichte soll nicht das Gewissen belasten,
sondern den Verstand erhellen.“
G. E. Lessing