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Im Gespräch: Die Schriftstellerin Susanne Fritz

Einzelne im Mahlstrom der Geschichte

Bevor sich Susanne Fritz (*1964) auf das literarische Schreiben konzentrierte, arbeitete sie als Regieassistentin und Regisseurin an Theatern in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Ihre Romane, Erzählunge und Essays basieren auf ihrer eigenen Biographie, konsequent eingebettet in geschichtliche und kulturelle Zusammenhänge ein. Cornelia Frenkel befragte Susannne Fritz zu ihrem neuesten Buch „Wie kommt der Krieg ins Kind“.

Die Schriftstellerin Susanne Fritz. ©Burkhard Riegels

Kultur Joker: Der Sinn der Literatur liege nicht nur darin, Inhalte zu vermitteln, sondern das Erzählen aufrechtzuerhalten, weil Menschen Geschichten brauchen, um überleben zu können und ihr Leben als sinnvoll zu empfinden, hat Peter Bichsel einmal gesagt. Mit Ihrem Buch „Wie kommt der Krieg ins Kind“ halten Sie das Erzählen aufrecht, obwohl Ihnen dies abverlangt hat, ein familiäres Schweigegebot zu übertreten. Was hat Sie zu diesem Schritt bewegt?

Susanne Fritz: Das Erzählen aufrecht erhalten, wie schön von Peter Bichsel formuliert! Doch auch Tabus sind Teil unseres Miteinanders. Schweigen, ein Geheimnis zu hüten verbindet Menschen mitunter stärker als zu sprechen. Ich versuche es einmal so zu sagen: Die Zeit war reif für diese Erzählung. Nach dem Tod meiner Mutter, mit dem Verklingen ihrer Stimme wuchs in mir das Bedürfnis, ihre Geschichte festzuhalten. Die Jahre ihrer Gefangenschaft als junges Mädchen, ihr Schicksal als Zwangsarbeiterin, hatten weitreichende Folgen für unser Familienleben, für meine Entwicklung, auch für meine künstlerische Arbeit. Indem ich den Schmerz meiner Mutter, heute würde man von Traumatisierung sprechen, aber auch ihre Lebensstrategie ergründe, lerne ich viel über mich selbst.

Kultur Joker: Ihre Mutter hat als Kind psychische und physische Gewalt erlitten, war aber dankbar, dass sie überleben durfte. Sie war vierzehn, als sie 1945 für vier Jahre in das Arbeitslager Potulice verbracht wurde. Der Grund: Sie hatte 1939, gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern, die „Deutsche Volksliste“ im vom NS-System annektierten polnischen Wartheland unterschrieben. Was hat Sie an diesem Schicksal am meisten schockiert?

Susanne Fritz: Mit der Gefangenschaft unserer Mutter waren wir Kinder mehr oder weniger von klein auf vertraut. Sie erzählte oft davon, meist in witzigen Anekdoten, lachte. Auch das Lager war Teil ihrer Heimat, ihrer Sehnsucht – es waren ja die Jahre ihrer Jugend, die Zeit, in der sie sich selbst entdeckte, die anderen, das Leben, Freundschaft! Das Wort Glatze gehört zu meinem Grundwortschatz. In diesem Wort deutete sich das Grauen an, ein bodenloser Abgrund. Der Schock kam zeitlich versetzt, im polnischen Staatsarchiv in Bydgoszcz/Bromberg. Als ich ihren Fingerabdruck sah, den Abdruck ihres linken Zeigefingers als gefangenes Kind. Rohheit und Brutalität sprangen mich an. Eine panische Angst. Nicht von außen, nein, aus tiefster Seele. Durch die Recherchen kam der Verstand dazu, das historische Wissen. Die Brutalität und Grausamkeit des NS-Systems, die ihrer Internierung und anschließenden Vertreibung aus Polen vorausgingen, schockieren mich immer wieder aufs Neue.

Kultur Joker: Um zu verstehen, wo Sie herkommen, mussten Sie die Geschichte Ihrer Familie, die vom deutsch-polnischen Verhältnis untrennbar ist, über zwei Weltkriege hinweg erforschen. Dabei wird ersichtlich, dass die einzelnen Akteure in den makro-historischen Konflikten stetig instrumentalisiert wurden, aber auch kurzzeitig zu den Gewinnern gehörten. Gab es Handlungsspielräume und wurden diese genutzt?

Susanne Fritz: Ja, das deutsch-polnische Verhältnis ist wahrhaft ein verrücktes, vertracktes. Großvater Georg ist in seinem kurzen Leben nicht einmal umgezogen, hat immer im selben Haus und zugleich in drei höchst unterschiedlichen Staaten gelebt, zweimal die Nationalität gewechselt, in zwei Weltkriegen gekämpft und vier Uniformen getragen. Hatte er die Wahl? Er hatte drei Kinder, eine schwerkranke, pflegebedürftige Frau und mehrere Angestellte, Polen und Deutsche, mit seiner kleinen Bäckerei zu ernähren. Viel Raum für freie Entscheidung war da vermutlich nicht. Er war pflichtbewusst, fleißig, hat sich mit den wechselnden Herrschaftsverhältnissen arrangiert. Während des Krieges und der deutschen Besatzung florierte sein Betrieb, u.a. weil er ein RAD-Lager belieferte. Er behielt seine polnischen Angestellten, lebte mit ihnen unter einem Dach in einem kleinen Haus. Überliefert ist, dass er – trotz offiziellen Verbots – weiterhin polnisch mit ihnen sprach, trat aber 1941 der NSDAP bei und wurde ein Jahr später zur Schutzpolizei eingezogen. Natürlich gehe ich im Buch auch der Frage nach seiner möglichen schuldhaften Verstrickung nach, frage mich, ob er seine kleine Machtposition nutzte, um zu helfen. Eine Antwort darauf habe ich nicht. Das persönliche, politische und moralische Dilemma, in dem meine Vorfahren lebten, hat mich tief bewegt.

Kultur Joker: Obwohl Ihre Mutter als junges Mädchen aus dem Lager schrieb „Wenn es doch endlich so weit wäre, dass wir uns alles erzählen könnten“, lebte sie dann zeitlebens defensiv, in der Angst, ihre schambehaftete Geschichte könne ans Licht kommen. In Ihrem Buch holen Sie die nicht erzählte Geschichte Ihrer Mutter gewissermaßen stellvertretend nach. Erfüllen Sie eventuell einen unbewussten Auftrag?

Susanne Fritz: Wer hätte ihre Geschichte hören wollen? Als Flüchtling und Vertriebene war sie in ihrer Zufallsheimat im Schwarzwald schon fremd und verdächtig genug. Meine Mutter reagierte zwar auf meine schriftstellerische Tätigkeit mit extremer Ablehnung und Angst, hat aber selbst Briefe aus dem Lager und ein Tagebuch hinterlassen. Es ging ihr also durchaus darum, eine Spur zu ihrer Geschichte zu hinterlassen. Für uns Kinder ein großer Schatz! Zugleich sind es wichtige zeithistorische Dokumente, die ich mit größtmöglicher Diskretion im Buch zur Sprache bringe. Inzwischen kenne ich einige Zeitzeugen, die darunter leiden, dass ihre Erfahrung als deutsche Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in der öffentlichen Wahrnehmung nicht vorkommt. Sie selbst verschwiegen ihr Schicksal aus Scham, aber auch aus Angst, dass man ihnen nicht glaubte oder ihnen eine Mitschuld an ihrem Unglück gab. Oft kamen diese Vorwürfe von ihren eigenen Kindern. Nach dem Motto, wenn du oder deine Eltern nichts verbrochen hätten, hätte man dich auch nicht jahrelang eingesperrt. In der DDR mussten sie ihr Schicksal gut möglichst verbergen. Auch ihnen wollte ich eine Stimme geben.

Kultur Joker: Sie haben den mutigen Weg eingeschlagen, Heikles und Tabuisiertes zur Sprache zu bringen, dem Trauma ihrer Mutter und dessen Auswirkungen auf Sie selbst konsequent nachzugehen. Fühlen Sie sich danach freier?

Susanne Fritz (lacht): Sich durch Kunst zu befreien, ist ein Mythos, sagt der Philosoph Boris Groys. Wer Freiheit sucht, sollte lieber Drogen nehmen, Sex haben, Verbrechen begehen. Nein, im Ernst. In den Jahren der Arbeit am Buch fühlte ich mich alles andere als frei. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum tu ich mir das an? Was gehen mich all diese Menschen an, die ich nie persönlich kennengelernt habe und denen ich, wie im Fall der Nazis und Kriegsverbrecher Greiser oder Reinefath, Frank oder Himmler, nie freiwillig hätte begegnen wollen? Trotzdem musste ich mich ausgiebig mit ihnen beschäftigen. Ich habe mir die Freiheit genommen, verstehen zu wollen, aber zudem über eigene Verletzungen und Ängste zu sprechen. Das ist kein einmaliger „Befreiungsakt“. Doch ja, diese Lust und Notwendigkeit, Tabuisiertes und Unsägliches zur Sprache zu bringen, hält an. Hinterfragen, formulieren, gestalten – das ist schön und wirkt durchaus befreiend, hoffentlich auch auf andere, die das Buch lesen.

Kultur Joker: Wie ließen sich die Auswirkungen beschreiben, die Ihre Familienherkunft auf Ihre Existenz hatte und hat?

Susanne Fritz: Manchmal frage ich mich, was hätte sich für mich verändert, wäre ich in einer vielleicht weniger belasteten Familie aufgewachsen, ohne all diese biographischen Brüche. Doch anders gesehen: Diese Brüche sind allgegenwärtig, sie sind längst Teil unserer Identität und haben mich für die historischen und politischen Zusammenhänge sensibilisiert. Durch die Beschäftigung mit dem deutsch-polnischen Verhältnis und die Auswirkungen auf meine Familie ist mir deutlich geworden, wie sehr jeder einzelne von uns von den gesellschaftlichen Bedingungen abhängt. Unsere freiheitlich demokratische Grundordnung ist unendlich kostbar, die Öffnung Deutschlands zu Europa und umgekehrt ein riesiges Geschenk, und die Beziehungen zu unseren großen Nachbarländern Polen und Frankreich gilt es täglich zu pflegen und zu vertiefen. Für den Dialog mit Polen wird leider viel zu wenig getan, dabei verbindet Berlin und Warschau unendlich viel.

Kultur Joker: Wenn es um die Frage der NS-Vergangenheit geht, so teilen viele Deutsche, laut einer Umfrage, die Überzeugung „Opa war kein Nazi“ (Buchtitel von Harald Welzer). Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, unter ihren Vorfahren seien keine „Täter des Zweiten Weltkrieges“ gewesen, vielmehr hätten diese Opfern geholfen und seien selbst Opfer.

Susanne Fritz: Das historische Erbe und die persönliche Gegenwart zusammenzudenken erfordert eine gewisse Anstrengung, da fühlt man sich schnell überfordert. Mir kommt es ein bisschen so vor, als hätten wir gesellschaftlich diese Anstrengung ausgelagert, delegiert: Ob die einerseits wichtige und vorbildliche, aber auch recht grobkörnige, überritualisierte deutsche Erinnerungskultur dazu beigetragen hat, dass offenbar immer mehr Menschen die Rollen ihrer eigenen Familien verkennen und zu beschönigen versuchen? Viele geben sich überdrüssig, sagen, jetzt ist’s doch mal genug, wissen aber eigentlich nichts, und wollen auch nichts wissen. In der AfD wird aus dieser Haltung eine politische Forderung. Die deutsche Schuld ad Acta legen, umschreiben zur Heldengeschichte, zum kitschigen Rührstück! Opfer- und Täterschaft gehören im Nationalsozialismus zusammen, Expansion, Krieg und Vernichtung waren die erklärten Ziele. Schuld, Scham und eigenes Leid sind in der deutschen Geschichte heillos miteinander verquickt, ein psychologisches Desaster.

Kultur Joker: Wie war der diesbezügliche Tenor in Ihrer Familie?

Susanne Fritz: Meine Eltern waren unglücklich mit der deutschen Geschichte, auch der Nachkriegsgeschichte, der Wiederbewaffnung Deutschlands. Als Kinder und Jugendliche waren sie von Hitler fasziniert, schwärmten von den Sommerlagern der Hitlerjugend. Die Frage der Mitwisser- oder gar Mittäterschaft unserer „Opas“ war kein Thema, wurde in einer Art Schwebe gehalten, „eher kein Nazi“, „eher nicht in der Partei.“ Heute weiß ich es ein bisschen besser, dank erhaltener Parteibücher im Bundesarchiv Berlin. Ich kann nur dazu ermuntern, es ist gar nicht so schwer, etwas mehr über seine Ahnen zu lernen. Die Vergangenheit lebt in uns. Wenn wir uns selbst ein bisschen besser kennenlernen und begreifen wollen, kommen wir nicht an ihr vorbei. Der Wahrheit ein Stückchen näherkommen, macht das eigene Leben heller und ehrlicher. Sie fragten mich vorhin danach: Und damit freier.

Kultur Joker: F. C. Delius hat in seinem Buch „Die Zukunft der Schönheit“ eine Idee vom Schönen verteidigt, die „nichts beschönigt, nicht flieht vor dem Schrecklichen und Lügen nicht verkleistert“. Ihr Buch entspricht m.E. dieser Vorstellung. Ich bedanke mich für das Gespräch.

Susanne Fritz. Wie kommt der Krieg ins Kind. Wallstein-Verlag 2018
Kaltenherberg. Geschichten auf der Schwelle, Erzählungen und Hörbuch. Klöpfer & Meyer 2012
Die Hitze ließ nur die Dinge. Klöpfer & Meyer 2009
Heimarbeit. Klöpfer & Meyer 2007

www.susannefritz.de