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Interview | Oktober 2019 | von Cornelia Frenkel

Im Gespräch: Heiko Wegmann, Sozialwissenschaftler aus Freiburg

Freiburgs Bezug zum Kolonialismus

Die Erforschung des Bezugs der Stadt Freiburg zum Kolonialismus verdankt sich ganz wesentlich den Anstößen und Aktivitäten des Sozialwissenschaftlers Heiko Wegmann. Seit 2005 recherchiert er zur lokalen Historie des Kolonialismus und hat jetzt ein gewichtiges Buch veröffentlicht, das die Zusammenhänge zwischen dem Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika und der lokalen Kolonialbewegung am Beispiel des Offiziers Max Knecht aufzeigt, der hier zwischen 1925 und 1936 eine wichtige Rolle spielte. Wegmann hat zudem an der Studie und Bestandsaufnahme „Freiburg und der Kolonialismus“ des Stadtarchivs mitgewirkt und die Website www.freiburg-postkolonial.de gegründet, die der kolonialen Vergangenheit sowie Denkmustern, die in gegenwärtigen Macht- und Handelsstrukturen fortwirken, auf der Spur ist. Zur Thematik ist eine Sonderausstellung im Augustinermuseum geplant. Unsere Mitarbeiterin Cornelia Frenkel hat Heiko Wegmann befragt.

© Patrick Kunkel

Der Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann


Kultur Joker: Die Bedeutung von Kolonialideologien für die deutsche Geschichte sowie für Freiburg ist bislang eher als Randphänomen behandelt worden. Wie wurden Sie darauf aufmerksam und wo haben Sie Ihr Quellenmaterial gefunden?

Heiko Wegmann: Ich bin 2004 u.a. durch ein Buch und Gedenkveranstaltungen aufgerüttelt worden, die an den Krieg im heutigen Namibia zwischen Herero und Nama einerseits und den Deutschen andererseits erinnerten. Bei der Zeitschrift „iz3w“, bei der ich damals arbeitete, haben wir auch zwei Themenschwerpunkte zum deutschen Kolonialismus herausgebracht. Dabei ging es oftmals um langfristige Auswirkungen der Kolonialherrschaft und die Vergangenheitspolitik seit deren Ende. In Leer wurde damals z.B. gerade eine Bundeswehr-Spezialeinheit für weltweite Einsätze aufgebaut – ihre Kaserne war nach dem Kolonialgeneral Paul von Lettow-Vorbeck benannt. Sollte das Gedenken an den Antidemokraten Lettow-Vorbeck wirklich traditionsbildend sein? Ich wollte dann wissen, wie die Beziehungen Freiburgs zum Kolonialismus waren. Das war sehr schwierig, weil es dazu kaum Quellen und Forschung gab. Ich sah mir die beiden Akten der Stadtverwaltung zur Kolonialgesellschaft im Stadtarchiv an. Als ich da feststellte, dass während der Nazizeit eine reichsweite Kolonialtagung in Freiburg stattgefunden hatte, wusste ich, dass ich weiter recherchieren ‚musste‘. So etwas kommt ja nicht aus dem Nichts und mich überraschte der zeitlich-politische Kontext.

Kultur Joker: In den Freiburger Kolonialvereinen versammelten sich verschiedene Milieus. Was kennzeichnet ihre Denkmuster?

Heiko Wegmann: Ich würde zunächst sagen, dass alle Milieus auf eine Art kolonial beeinflusst waren, denn die ganze Welt war ja kolonial strukturiert. Zum Vergleich: Als Konsumenten stehen wir heute auch in Beziehung zu ausgebeuteten Näherinnen in Bangladesch, ohne dass das eine (deutsche) Kolonie wäre. Sich aber vor, während und nach der Periode der formellen deutschen Kolonialherrschaft (1884 bis zum 1. Weltkrieg) in prokolonialen Vereinen zu organisieren, war etwas Besonderes. Die Anführer und Mitglieder dieser Vereine kamen vorwiegend aus dem protestantischen bürgerlich-liberalen bzw. -nationalen Milieu. Da trafen sich Unternehmer wie der Handelskammerpräsident Julius Mez, die Bildungselite wie Prof. Dr. August Gruber oder eben Offiziere wie Max Knecht. Sie wollten Wirtschaft, Macht und Ansehen des Deutschen Reiches mehren. Die Frage, was die Kolonisierten dazu sagten, war völlig nachrangig; teilweise wurde das Machtstreben aber mit einer welthistorischen „Zivilisierungsmission“ der Europäer flankiert. Im katholischen Spektrum gab es das auch, aber man schaute eher auf die Kosten, kritisierte „Auswüchse“ und dachte stärker an christliche Missionierung. Die geringste Zustimmung zum Kolonialprojekt gab es im Arbeitermilieu.

Kultur Joker: Der von Ihnen erforschte Max Knecht war ab 1905 als Oberleutnant im Maji-Maji-Krieg in Ostafrika (heute Tansania) aktiv und u.a. für Hinrichtungen von Afrikanern mitverantwortlich, die gegen die deutsche Kolonialherrschaft gekämpft hatten. Später engagierte er sich in Freiburg für die Kolonialbewegung. Wie darf man sich seinen Geisteszustand vorstellen?

Heiko Wegmann: Schon Zeitgenossen debattierten darüber, wer eigentlich in die Kolonien ging, insbesondere auch beim Militär. Ich zeige, dass Knecht keine Schulden, Ehren- oder sonstige Probleme am Hals hatte. Es war also keine Flucht. Er war vielmehr von einem starken Nationalismus angetrieben, den er über alles stellte. Die Hinrichtungen nahm er – soweit wir wissen – „mit reinem Gewissen“ vor: Er tat dies nicht wie andere im Zuge von z.T. persönlich motivierten Exzessen – man denke an den „Hänge-Peters“ genannten Carl Peters –, sondern weil sich die Afrikaner gegen die deutsche Herrschaft erhoben hatten. Christliche Missionierung war für ihn, im Gegensatz zu anderen Offizieren, überhaupt kein Wert. Die Bevölkerung konnte für ihn so bleiben wie sie war, solange sie sich den deutschen Interessen unterordnete und arbeitete; aber Widerstand musste mit allen Mitteln gebrochen werden. Es ist lehrreich zu lesen, wie er sich im Tagebuch mit der Kolonialkritik des SPD-Führers August Bebel auseinandersetzte, während er auf „Strafexpedition“ war. Er war geradezu stolz darauf, Hunderte Hütten im Namen des „deutschen Ansehens“ abgebrannt zu haben. Da ging es aus seiner Sicht um eine ebenso logische wie nötige Vergeltung, nicht um Exzesse. Stolz war er gleichzeitig auf seinen Wegebau, auf Anpflanzungen usw.

Kultur Joker: In Ihrem Buch zeigen Sie, dass es durchaus Kolonialoffiziere in Ostafrika gab, die eine kritische Einstellung entwickelten, etwa Hans Paasche, der im Ersten Weltkrieg Pazifist wurde. Ein Einzelfall?

Heiko Wegmann: Ich lote im Buch das Spektrum der Haltungen unter Offizieren aus. Dadurch wird klarer, wie der Einzelne mit seinen Spielräumen umging. Bei einigen Fragen gab es Unterschiede in den Haltungen, etwa wie weit sie sich auf die lokalen Verhältnisse eingelassen haben. Ein Offizier, der schon lange in Deutsch-Ostafrika war, regte sich z.B. über Arroganz, Einfältigkeit und Rassismus – insbesondere der frisch in die Kolonie Gekommenen – auf. Aber die Offenheit hatte deutliche Grenzen und hielt ihn nicht davon ab, im Zweifelsfall hart draufzuhauen. Hans Paasche war leider eine Ausnahme. Sein innerer Wandel brach auch erst Jahre nach seinem Einsatz im Maji-Maji-Krieg und den Versuchen, eine private koloniale Existenz aufzubauen, durch.

Kultur Joker: Wodurch wurde die Biographie von Max Knecht geprägt, was prädestinierte ihn zum Kolonialoffizier?

Heiko Wegmann: Zunächst einmal waren sein Vater und sein Onkel badische Berufsoffiziere, das prägte seine Kindheit. Er wuchs weitgehend im 1871 annektierten Elsass auf. Für die Bewerbung in den Kolonialdienst kam ein Bündel an Motivationen zusammen: eine männlich-militärische Abenteuerlust, gespeist durch Abenteuerromane und Reise­erzählungen, höherer Sold, Aussicht auf Orden usw. Und als die deutsche Öffentlichkeit die deutsche Ehre 1900 durch die Ermordung des deutschen Gesandten in China angegriffen sah, bewarb er sich erfolglos für die Expeditionstruppe, die in den sogenannten „Boxerkrieg“ zog. Prädestiniert für den Kolonialdienst waren nur die Wenigsten, etwa Hans Hudemann, der sich von seinem Freiburger Infanterie-Regiment zum Seminar für orientalische Sprachen in Berlin beurlauben ließ, um sich vorzubereiten. Aber Knecht, der Swahili erst auf dem Dampfer nach Deutsch-Ostafrika zu lernen begann, hatte etwas Vorbildliches aus Sicht des Militärs: Er konnte sich sowohl in Hierarchien einordnen, als auch als Führer eines entlegenen Postens weitgehend autonom agieren, ohne außer Kontrolle zu geraten und größenwahnsinnig zu werden. Er genoss zwar seine Macht und Tätigkeiten in der Kolonie, sowohl zerstörende als auch aufbauende, richtete sich aber streng danach aus, was er für vorbildlich und legitim hielt.

Kultur Joker: Knecht hat dafür gesorgt, dass in Freiburg 1935 eine Reichskolonialtagung und eine Kolonialausstellung stattgefunden haben. Ging seine vorherige Laufbahn nahtlos in sein Engagement für den Nationalsozialismus über?

Heiko Wegmann: Die Frage, wie sich sein Verhältnis zum Nationalsozialismus entwickelt hat, hat mich sehr beschäftigt. Er gehörte als Stadtverordneter bis zu deren Auflösung 1933 der Deutschen Volkspartei an und nicht der NSDAP. Er war vielfältig mit dem lokalen „Establishment“ verwoben. Geradlinigkeit und Prinzipientreue waren ihm sehr wichtig. Wie konnte er nun diesen Systemwechsel befürworten? Der Schlüssel liegt darin, dass er nicht von einem auf den anderen Tag zum kompletten Nationalsozialisten wurde, sondern große Hoffnungen auf die gemeinsamen Schnittmengen legte. Das war geradezu typisch für Vertreter der alten Eliten. Knecht erstrebte die „Wiederauferstehung“ der deutschen Nation aus den Krisen seit dem verlorenen Weltkrieg. Als Führer des Deutschen Offiziersbundes und des Breisgau-Kriegerverbandes setzte er sich bereits seit Jahren für die Wiederaufrüstung ein. Hitler begann diese ab 1935 und Knecht stieg 1936 zum Führer des Landesverbandes Baden des Reichskriegerbundes auf; 1935 wurde er Leiter der Reichskolonialtagung in Freiburg, auf die er lange hingearbeitet hatte – anfangs mit Unterstützung des Oberbürgermeisters Bender von der katholischen Zentrumspartei, dann mit Unterstützung des NSDAP-Kreisleiters und Oberbürgermeisters Kerber.

Kultur Joker: Auf welche Schwierigkeiten sind Sie bei Ihren Forschungen gestoßen?

Heiko Wegmann: Schwierig war die Quellenlage. Ich wollte ja über einen Multifunktionär schreiben, den damals in der Region fast jeder kannte und der bestimmte Themen quasi zum Anfassen repräsentierte. Vom Rang her war er aber in der Kolonie nicht maßgebend und sicher bewirkte auch der Bruch 1945, dass sich lange niemand mit ihm beschäftigt hat. Außerdem kam ich lange Zeit nicht an wesentliche Quellen, die im Privatbesitz waren, die ich aber nunmehr präsentieren kann.

Kultur Joker: Auch die Stadtverwaltung unterstützte das Kolonialwesen. Die Sammlung des städtischen Museums für Natur- und Völkerkunde verdankt sich sowohl Militärs wie auch forschenden Professoren. Wie weit ist die Provenienz der Sammlung bekannt?

Heiko Wegmann: Das ehemalige „Museum für Völkerkunde“, heute Teil des „Museums Natur und Mensch“, hat 1995 einen wichtigen Sammelband herausgegeben, in dem es auch um Kolonialismus, koloniale Provenienzen von Objekten und Sammler ging. Zu seinem 125jährigen Jubiläum wird das Museum 2020 sicher Neues präsentieren. Und mein Kollege Markus Himmelsbach arbeitet an seiner Dissertation „Kolonialismus in der Provinz – Die Stadt Freiburg und ihr Völkerkundemuseum“. Sie wird den Kenntnisstand erheblich erweitern.

Kultur Joker: Haben sich mittlerweile Aufschlüsse zu den beiden Schädeln ergeben, vermutlich Relikte aus der Kolonialzeit, die Ihnen kürzlich anonym zugesendet wurden?

Heiko Wegmann: Die Recherchen gehen voran. Bei dem höchstwahrscheinlich aus Australien stammenden Schädel gibt es eine konkrete Spur zu einer deutschen Sammlerin. Aber es lässt sich leider noch nichts Sicheres sagen. Wichtig wäre m.E. die Einrichtung einer bundesweiten Clearing-Stelle. Sie müsste Informationen über alle Sammlungen bündeln und Ansprechpartnerin für Herkunftsgemeinschaften wie auch für rückgabewillige Privatleute sein. Mein Büroschrank ist nicht der geeignete Aufbewahrungsort.

Kultur Joker: Wir bedanken uns für Ihre Ausführungen.

 

● Freiburg und der Kolonialismus. Vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus. Bernd-Stefan Grewe, Markus Himmelsbach, Johannes Theisen und Heiko Wegmann. Veröffentlichungen aus dem Archiv der Stadt Freiburg im Breisgau Nr. 42, 188 S., Abb. Freiburg 2018

● Heiko Wegmann. Vom Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika zur Kolonialbewegung in Freiburg. Der Offizier und badische Veteranenführer Max Knecht (1874-1954). Rombach Verlag 2019