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Theater | Februar 2019 | von Annette Hoffmann

„Hotel Strindberg“ am Theater Basel hat Schwächen, aber ein grandioses Ensemble

Lauter Kammerspiele

Irgendwann im Verlauf von Simon Stones Inszenierung – es wird so in der Mitte sein – beschreibt eine der Figuren, was wir bis dahin schon eine Weile machen: Leuten zuschauen, wie sie ihr Leben leben. Das „Hotel Strindberg“ auf der Großen Bühne des Theater Basel erfüllt dafür alle Voraussetzungen.

© Sandra Then

Max Rothbart, Aenne Schwarz, Michael Wächter, Franziska Hackl, Martin Wuttke, Caroline Peters, Simon Zagermann, Roland Koch in “Hotel Strindberg” am Theater Basel.

So als hätte es nie Diskussionen um die vierte Wand im Theater gegeben, hat Alice Babidge die Hoteletagen mit einer Glasfront versehen. Dank Mikroports verstehen wir dennoch jedes Wort. Die Guckkastenbühne setzt sich aus mehreren kleinen zusammen, nach jeder Pause, es gibt bei einer Länge von über vier Stunden zwei, sind es andere drei Stockwerke. Und so durchmessen wir das Hotel von seinen obersten Zimmern bis hin zum etwas schäbigen Foyer und dem Frühstücksraum. Verändert sich der Fokus, wird es hier leiser, dort lauter und jeder geht seinen Handlungen nach.

Es mag sich nicht mit den eigenen Erfahrungen decken, doch zumindest im Film, in Literatur und auf der Bühne befinden sich Menschen im Hotel in unentwegten Ausnahmesituationen. Hier ist eine junge Frau schwanger und drängt ihren Geliebten, sich von seiner Frau zu trennen, dort hat sich ein mittelaltes Paar in Strindbergscher Manier in gegenseitigen Demütigungen verbissen. Viel Gerede, große Leere und grausame Manipulationen.

Das Hotelzimmer, auch wenn es im besten Fall eine Suite ist, kennt wie das Kammerspiel keinen Ausweg. Er würde auch allenfalls in das Treppenhaus führen. Zu den Dramen um Seitensprünge und andere Affären, ungeklärten Vaterschaften läuft in Basel Netflix als Dauerrauschen. Es ist ein durchaus ironischer Wink, schließlich wurde Simon Stone schon des Öfteren als Regisseur der Netflix-Generation bezeichnet.

Die Pausen sind in dieser Koproduktion des Theater Basel mit dem Wiener Burgtheater, wo „Hotel Strindberg“ vor gut einem Jahr uraufgeführt wurde, Zäsuren. Danach darf man sich jedes Mal ein bisschen tiefer in diesem Spiegelkabinett Strindbergscher Figuren, oder doch im Kopf des Autors selbst, wähnen. Der Bühnenautor (Michael Wächter), dem schon lange kein Stück mehr glücken will, gönnt sich noch ein Tinder-Date bevor er seine Frau (Aenne Schwarz) am Unterzeichnen der Scheidungsunterlagen hindern will. Es kommt zu diversen Wortgeplänkel, Rangeleien, einer Vergewaltigung, am Ende ist die Frau tot.

Der Autor jedoch greint im Treppenhaus und rückt nur sehr sukzessive mit der Wahrheit heraus. Bis zum Ende des Abends wird er sie noch in diversen Verkörperungen vor sich sehen, als Gespenst, dann als junge Geliebte des alternden Musikers (Martin Wuttke). Natürlich schauen wir in „Hotel Strindberg“ nicht Menschen beim Leben zu. Stone hat diesmal nicht eigentlich ein Stück überschrieben, sondern einen Theaterabend aus Motiven aus Strindbergs Dramen kompiliert und man glaubt darin auch Züge des Autors selbst zu erkennen. Das Hotel ist ein Durchlauferhitzer, jeder Restaurantbesuch wird zur Szene, jede Auseinandersetzung hinterlässt Schiffbrüchige. Im dritten Teil fühlt man sich dann gänzlich in einem Alptraumspiel.

Doch Michael Wächter wurde 2017 nicht grundlos für seine Rolle in Stones „Drei Schwestern“ mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis ausgezeichnet und Caroline Peters 2018 von Theater heute für ihre Rollen in „Hotel Strindberg“ zur Schauspielerin des Jahres gekürt. Stone denkt an seine Darsteller. Insbesondere Peters ist die Bühne bereitet und sie weiß sie zu füllen, sei es als illusionslose Gattin, deren Trost vergiftet ist, als zynische Unternehmerin, die ohne Skrupel mit ihrem Schwiegersohn eine Affäre beginnt oder als totkranke Frau, ihre Variationsbreite ist beeindruckend.

Für das Menschliche steht an diesem Abend weniger das Stück als ein großartiges Ensemble von Basler und Wiener Schauspielerinnen und Schauspielern ein. Und das wird man selbst auf die Länge des Abends nicht müde.

 

Was: Schauspiel “Hotel Strindberg” von Simon Stone nach August Strindberg
Wann: 1./16. Februar, 18./20. und 29. März
Wo: Theater Basel, Großes Bühne, Elisabethenstrasse 16, 4051 Basel
Web: www.theater-basel.ch