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Ewelina Marciniaks „Ein Sommernachtstraum“ am Theater Freiburg

Von Kunst und Politik

Ewelina Marciniaks Inszenierung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ folgt der Schau- und der Denklust gleichermaßen. Das Ensemble zeigt, welches Potential in ihm steckt.

Laura Angelina Palacios, Janna Horstmann und Lukas Hupfeld in "Ein Sommernachtstraum" am Theater Freiburg. (© Birgit Hupfeld)

Laura Angelina Palacios, Janna Horstmann und Lukas Hupfeld in „Ein Sommernachtstraum“ am Theater Freiburg. (© Birgit Hupfeld)

„Ihr wollt ein fertiges Schauspiel?“, fragt Puck in die Runde der Vorsprechenden. Dabei deutet im Großen Haus nur wenig darauf hin, dass es gleich losgehen wird. Das Saallicht ist an und das Publikum unter Beobachtung. Die spielfreudige Laiengruppe nicht weniger, die mit ihrer Pyramus und Thisbe-Aufführung die Hochzeit von Theseus bereichern will. Aber noch streitet sich vorm geschlossenen Vorhang die bunte Truppe, die die streng gekleidete Regisseurin (Anja Schweitzer) umringt, um die Rollen. Und da gibt es Empfindlichkeiten, der eine will keinen Text, der andere alle Hauptrollen und Schnock (Angela Falkenhan) könnte „ganz gut“ eine Frau spielen, schließlich ist sie ja eine, muss dann aber den Löwen mimen.

Es gibt Gründe, dass Ewelina Marciniak das Vorsprechen der Handwerker in ihrer Freiburger Inszenierung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ als eine Art Vorspiel vorangestellt hat. Das Spiel im Spiel verweist auf den grundsätzlichen Kunstcharakter von Theater. Das Thema wird sich wie ein roter Faden durch die gut dreistündige Inszenierung der polnischen Regisseurin ziehen. Variiert wird es einerseits durch künstlerische Manifeste, die in die Spielvorlage (Magda Kupryjanowicz, Ewelina Marciniak und Michael Billenkamp) eingeflossen sind, andererseits durch lebende Bilder. Botticellis „Geburt der Venus“ ist das Vorbild für den Auftritt von Titania (Janna Horstmann) mitsamt Jakobsmuscheln sowie Wasserfläche. Es wird mit seiner opulenten Sinnlichkeit und Schönheit die Ästhetik der Inszenierung bestimmen (glänzend: Bühne, Kostüme und Light Design von Katarzyna Borkowska). Auch dies ist nicht grundlos gewählt, steht die Renaissance doch für Marciniak für den Moment, in dem etwas Archaisches wie die antike Liebesgöttin zur Kunst und zugleich zum Sinnbild der Kunst wird. Ihre Erotik ist immer schon sublimiert.

Symbolisch ist da auch, dass Zettel (Lukas Hupfeld) nicht in einen Esel verwandelt wird, sondern in einen balkanischen Kukeri, ein phallisches langhaariges Fellwesen, das sich mit Titania in der Muschel amüsiert. Es ist der archaische Wilde, der ihre schwärmerische Illusionsästhetik geduldig und verständnisvoll auf den Boden der Tatsachen holt. Ewelina Marciniaks Inszenierung folgt gleichermaßen der Schau- als auch der Denklust.

Doch das Athen Shakespeares ist kein Elysium, es wird vom Tyrannen Theseus (Henry Meyer) beherrscht, die patriarchalischen Strukturen setzen sich in den Familien fort. Da sind die Töchter Eigentum der Väter und ob sie noch Jungfrauen sind, wird ziemlich handgreiflich überprüft. Das Liebespaar Hermia (Rosa Thormeyer) und Lysander (Dominik Paul Weber) turteln auf einer der Muscheln. Die beiden sind frisch verliebt, wie auch Helena (Laura Angelina Palacios), doch Demetrius (Thieß Brammer) hat sich von ihr abgewandt und freit stattdessen um Hermia. Es könnte alles gut sein, hätte Hermias Vater Egeus (Michael Schmitter) nicht diese Ehe gegen die Neigung seiner Tochter arrangiert.

Das eigentliche Thema dieses „Ein Sommernachtstraum“ ist die Gewalt und dies so sehr, dass später die Verfolgung Helenas durch die beiden verzauberten jungen Männer so gar nichts Burleskes haben will. Es ist eine Gewalt gegen die Frauen – wie sich noch in der Tanzszene vor der Hochzeit zwischen Theseus und Titania zeigen wird, die nichts anderes als eine Unterwerfung ist. Aber es ist auch eine Gewalt gegen die Körper, die sich einmal in dieser besonderen Nacht ihre Freiheit nehmen, die Kleidung abwerfen und sich lustvoll ineinander verknäueln. Zu denken geben sollte, dass die athenischen Herrscherstrukturen sich auch im Paar Oberon und Titania spiegeln, die ebenfalls mit Henry Meyer und Janna Horstmann besetzt sind.

Das Komödiantische ist in Ewelina Marciniaks „Ein Sommernachtstraum“ vor allem dem Zwischenspiel der Handwerker zugeordnet. Da wird aus einem Zollstock der Mond und man macht sich über den Lärm von Toilettenspülungen Gedanken. Die Strukturen, auf denen die Macht in Athen baut, sind derart verderbt, dass einem das glückliche (?) Ende nur schal vorkommen kann. Der Kunst bleibt nicht viel mehr als dies zu bebildern. Die Inszenierung hat minimal Längen und es dann gegen Ende sehr eilig. Doch sie ist ein Statement und sie zeigt, welches Potential im Ensemble steckt.

Annette Hoffmann

Weitere Vorstellungen: 1./8. und 23. Februar im Großen Haus des Theater Freiburg.
Infos: www.theater.freiburg.de