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Tanz | September 2019 | von Renate Killmann

Die „Kunst der Fuge“ am Theater Oldenburg

Atmosphärisch gedeutet und quicklebendig!

„Jedes fertige Werk ist eine Anmerkung zu einer früheren Leistung und zu etwas, das kommen wird.“ Was bedeutet dieser Ausspruch Luciano Berios in Bezug auf ein letztes großes Werk im Leben eines Künstlers? Auf diese Spurensuche begibt sich Joachim-Ernst Berendt in seinem Buch „Hinübergehen“, das sich mit dem Zauber des Spätwerks berühmter Komponisten beschäftigt.

Nicol Omezzolli und Lester René González Álvarez „Canon alla Ottava“© Stephan Walzl

Nicol Omezzolli und Lester René González Álvarez „Canon alla Ottava“

Warum berühren letzte Werke oft so unmittelbar, werden regelrecht zu Hits, die immer wieder gespielt und choreografiert werden? Diese Werke klingen anders, als die vorherigen. Ist es dieser Verweis auf die Ewigkeit, auf die Transzendenz allen Seins, der die Menschen so berührt und den sie in jedem Ton mitzuhören meinen?
In Antoine Jullys Interpretation der „Kunst der Fuge“ am Oldenburger Theater kommt dieser Aspekt der Unendlichkeit und Transzendenz am ehesten im Bühnenbild zum Ausdruck, das der Choreograph zusammen mit seinem Bühnenbildner Georgias Kollos entwickelte: Ein breites Band – wie ein unendliches Notenpapier – quer über die Bühne gespannt, symbolisiert den ewigen Fluss der Musik. Wie von magischer Hand geschrieben fließt die 4. Zeile des imaginären Notenpapiers während der 1. Fuge langsam, in blauer Farbe über das Blatt. Später folgen weitere Projektionen in schwarzer Tinte oder in kaleidoskopartig verlaufenden Farben immer weiter sich fortbewegend. – Doch zum Tanz: der Choreograph Antoine Jully verzichtet vollkommen auf das nähere Eingehen auf den Notentext, versucht nicht, die Struktur der Musik, die aufeinanderfolgenden Themen, die sich in den Fugen „jagenden“ Stimmen choreographisch sichtbar zu machen. Vielmehr deutet er die Musik atmosphärisch, lässt sich von den wechselnden Klangfarben der Instrumente inspirieren und „jagt“ statt dessen die Tänzer in schneller Folge mit Soli, Duetten und Gruppenformationen über die Bühne. Das alles sehr gekonnt: eine quicklebendige Interpretation, die so gar nichts von Weltabschied hat, sondern im Gegenteil ganz im Hier und Jetzt sich immer weiter fort bewegt. Jullys freie Musikalität findet Ausdruck in kleinen Schüttel- oder Trippelbewegungen, die manchmal überdreht und ­witzig daherkommen, immer aber mit der Leichtigkeit eines Choreographen, der sich die Freiheit nimmt, mit dieser bis ins Kleinste durchstrukturierten Musik einfach spielerisch umzugehen!
Dabei wird er unterstützt von einer sehr interessanten Konzeption der Musik: einer musikalischen Adaption für viele verschiedene Instrumente und ja, auch für Stimme (!) des Sängers und Tontechnikers – Tonkünstlers müsste man sagen – Gunnar Brandt-Si­gurdsson. Er präsentiert die Fugen J.S. Bachs im Wechsel von Cembalo, Orgel, Streichquartett, Streichorchester und eben auch mit Stimme, deren Arrangement er selbst vorgenommen hat. Die 1./5./9. Fuge und einen Kanon hat er selbst und zwar jede Stimme zunächst einzeln aufgenommen und dann alle zusammen gemischt. Erinnernd an den Scat-Gesang von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong verblüfft diese Musik mit einer fast jazzigen Heiterkeit, die von Antoine Jully kongenial und humorvoll umgesetzt wird.
Sehr schön hier das Duett von Nicol Omezzolli und Lester René González Álvarez. Beeindruckend auch die beiden Tänzerinnen Laura Cristea und Caetana Silva Dias, die von dem gewaltigen Orgelklang fast erdrückt werden oder Teele Ude, die in mehreren Duetten mit ihrer fantastischen Tanztechnik beeindruckt.
Schreiben für die Ewigkeit, tanzen im Hier und Jetzt – ein origineller Tanzabend mit hohem Anspruch und mit stürmischem Applaus bedacht!

Renate Killmann