NachhaltigVision

Deserteure: Kriegsdienstverweigerung gestern und heute

Kriege gibt es in der Geschichte der Menschheit (leider) oft genug, heute zudem wieder in Europa. Die geneigte Leserin könnte mit Recht fragen, was ein Beitrag zur Verweigerung der Teilnahme am Krieg mit der Überschrift „Vision“ dieser Seite zu tun haben soll. Aber ich meine, ganz persönlich und sehr ernsthaft, dass die Beschäftigung mit solchen Phänomenen und der Versuch, sie historisch in einen Rahmen zu stellen, vielleicht doch auch informieren und helfen kann, für die Zukunft zu lernen. Das mag etwas verzweifelt klingen, ist aber durchaus mit dem ‚Blick nach vorn‘ formuliert.

In der Antike
Die Schau zurück ins alte Griechenland führt zuerst auf Thersites, eine randständige Figur in Homers Epos Ilias (um 700 vor Christus) über die mythischen Kämpfe der Griechen vor Troja. Der fiktionale Akteur wandte sich, so Homer, gegen Agamemnon und Achilleus, die Führer des griechischen Heeres, zweifelte die Erfolgsaussicht des gesamten kriegerischen Unternehmens an und rief zum Abbruch des Krieges auf. Thersites wird als nicht-adlig charakterisiert, sein Geschrei sei „zügellos“ gewesen, als „körperlich hässlich“ und „missgebildet“ sowie „töricht“ trat er hervor. Odysseus demütigt ihn öffentlicher Rede, Achill bringt ihn um.
Ein zweiter Befund weist in das 4. Jahrhundert vor Christus: Der athenische Politiker Lykurg wendet sich in einer Gerichtsrede gegen einen Leókrates. Diesem wird 330 vor Christus der Prozess gemacht, weil selbiger acht Jahre zuvor bei der Schlacht von Chaironeia (zwischen Athen und den Makedonen) sich selbst und seine Familie durch die Fahnenflucht ‘gen Rhodos in Sicherheit gebracht hat. Lykurg setzte sich mit seiner Forderung der Todesstrafe aber nicht durch, die Stimmengleichheit der Richter bedeutete Freispruch.

Skurrile Denkmäler
Überhaupt, so ist es, blieben Deserteure – verständlicherweise – in der Überlieferung, historisch oder literarisch oder kunsthistorisch, stets eine wenig beachtete Erscheinung. Darüber wurde halt nicht ‚berichtet‘. Und die jeweiligen Staatsordnungen, ob mehr oder weniger demokratisch, halten jedenfalls ohnehin das Gewaltmonopol, also auch in militärischen Fragen. Die Zahlen der Verweigerer im Ersten Weltkrieg sind, soweit bekannt, sehr gering; kaum anders im Zweiten Weltkrieg (mit Ausnahme von Großbritannien), in Deutschland war Todesstrafe angeordnet. Das Recht der Kriegsdienstverweigerung wurde dann 1949 im Grundgesetz verankert. Im Nachhinein etwas skurril wirkt die geschichtliche Korrektur bei einigen Denkmälern für Opfer der NS-Militärjustiz, wo gelegentlich auch (wie am Hamburger Dammtor, 2015) an die Deserteure erinnert wird – verstörend auch die gewaltige Potsdamer Marmor- skulptur „für die unbekannten Deserteure“ (1989).
1954 schrieb der französische Schriftsteller Boris Vian das Chanson „Le Déserteur“ als Protest gegen die Kolonialkriege seines Landes (Indochina, Algerien):

„Man schickt mir da, gebt acht
Die Militärpapiere
Daß ich in den Krieg marschiere
Und das vor Mittwoch nacht.

Verehrter Präsident
Das werde ich nicht machen
Das wäre ja zum Lachen
Ich hab kein Kriegstalent.

Sei´s Euch auch zum Verdruß
Ihr könnt mir´s nicht befehlen
Ich will´s Euch nicht verhehlen
Daß ich desertieren muß.“

Der Text wurde hernach in mehrere Sprachen übertragen, das Lied vielfach auf die Bühne gebracht, so von Ester Ofarim, Joan Baez, Dieter Süverkrüp, Wolf Biermann. Die Beteiligung der USA am Vietnamkrieg, die Debatten über die Wehrpflicht und andere Anlässe boten die historische Folie für die Adaption.

Die Gegenwart
Die Kriegsdienstverweigerung ist 2011 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als Menschenrecht anerkannt worden. Die internationale Praxis spiegelt dies freilich nicht, etwa in der Türkei, wo das Recht derzeit nicht akzeptiert wird. Generell ist indes zu unterscheiden zwischen der Verweigerung vor und im Krieg. Seit Februar 2022 haben etwa 5.400 russische Männer im Alter zwischen 18 und 45 Jahren in Deutschland Asylanträge gestellt. Nur ein Bruchteil von ihnen wurde anerkannt. Und: „Über 70.000 Migrant*innen aus Russland befinden sich in Georgien.“ Analoge Probleme gibt es aktuell beim Schutz für Verweiger*innen aus Belarus und der Ukraine (wobei letzteren der Aufenthaltsstatus in Deutschland leichter zugesprochen wird). Zwangsläufig kommen Meldungen über Kriegsdienstverweigerungen derzeit vermehrt auch aus Israel.
Die 1993 gegründete Organisation „Connection e.V.“ erhielt 2024 den „Bremer Friedenspreis“ und vor wenigen Wochen erst den „Helga-und-Werner-Friedenspreis“ der Freiburger „INTA-Stiftung“. Die Initiative „setzt sich aktiv für ein umfassendes Recht auf Kriegsdienstverweigerung ein und versteht sich selbst als internationales Netzwerk in den Themenfeldern Kriegsdienstverweigerung und Desertion.“
Sind Kriegsdienstverweigerer und Deserteure nicht eigentlich Helden? Eine womöglich obsolete Frage – jedenfalls sind sie, offenbar in allen Gesellschaften an den Rand gedrängt. Der Freiburger Kultursoziologe Ulrich Bröckling bleibt in der gegenwärtigen deutschen Debatte skeptisch: „Olaf Scholz, Robert Habeck, der Sänger Campino und andere Promis haben schon zu Protokoll gegeben, sie würden heute nicht mehr den Kriegsdienst verweigern. Ich hoffe mal, dass in der Generation, die gegebenenfalls einberufen würde, viele das anders sehen.“

Bildquellen

  • Abb. 1: Lithographie, 1820, 17 x 12 cm: Die fünf verurteilten Meuterer der Flensburger Brigg „L‘Esperance“ nach Vollstreckung des Todesurteils. Auf der Reise von Hamburg nach Messina hatten sie am 26.11.1817 den Kapitän und seinen Sohn, den Obersteuermann, über Bord geworfen. Ungerechtigkeit und Tätlichkeiten seitens des Kapitäns sowie eine insgesamt mangelhafte Verpflegung waren ursächlich für die Meuterei. Nach drei Jahren im Zuchthaus wurde in Flensburg 1820 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung das Todesurteil vollstreckt. Um Nachahmer abzuschrecken erschienen seinerzeit mehrere Schriften und Illustrationen.: [Quelle: Flensburger Schifffahrtsmuseum]