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Mutiges Dokustück „Die Ehemaligen“ des Seniorentheaters „die methusalems“ mit früheren BewohnerInnen des Waisenhauses Freiburg-Günterstal

Den Vorhang des Schweigens zerrissen

Der Hintergrund
In den Jahren 2013/14 war eine von dem Historiker Dirk Schindelbeck erarbeitete zweibändige Chronik des bis 1975 von Nonnen des Vinzentinerordens geführten Waisenhauses in Freiburg-Günterstal erschienen. Sie stützte sich neben den historischen Fakten primär auf zahlreiche Befragungen und Aussagen von Zeitzeugen und dabei vor allem auf jene von ehemaligen Heimkindern. Es entstand ein authentisches Bild der teils haarsträubenden und zutiefst menschenverachtenden Zustände, die während und nach dem zweiten Weltkrieg bis hoch in die siebziger Jahre in dieser katholischen Heimerziehungsanstalt herrschten. Diese umfangreiche Dokumentation war von der Freiburger Waisenhausstiftung als Auftakt einer systematischen und kritischen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit in Auftrag gegeben worden.

Der Weg zum Stück
Bei einem Gespräch zwischen Dirk Schindelbeck und dem Freiburger Regisseur Veit Balthasar Arlt entstand die Idee, aus dem vorhandenen reichhaltigen Doku-Material ein Theaterstück zu entwickeln. Arlt wandte sich an die Seniorentheatergruppe „die methusalems“, mit der er bereits 2018 das biografische Dokustück „Ich weiß, was du 68 getan hast“ inszeniert hatte und traf dort auf starkes Interesse. Ebenso bei der Freiburger Waisenhausstiftung. Deren Fachbereichsleiter der Kinder- und Jugendhilfe Helmut Roemer vermittelte Kontakte zu ehemaligen Heimkindern. In einem über zwei Jahre andauernden behutsamen Prozess des gegenseitigen Kennenlernens zwischen den „Ehemaligen“ (so auch der Titel des Stücks) und den methusalems kristallisierte sich eine Kerntruppe aus jeweils sechs DarstellerInnen aus beiden Gruppen heraus. Im Nachhinein charakterisiert Veit Arlt dieses Zusammenwachsen als das erfolgreiche Entstehen einer Art „verspäteter Freundschaft“, sowohl auf privater Ebene, wie bei der Erarbeitung des Stücks und letztlich auch auf der Bühne.

Bei der Premiere am 4. März konnte man vorab einiges über den fragilen Verlauf dieser so ungewöhnlichen wie positiven Vorgeschichte erfahren. Erst sie hat ermöglicht, dass die bislang eher schweigsamen Betroffenen – zum Teil das erste Mal und dann gleich auf offener Bühne – mit theatralischen Mitteln über ihr Erlebtes sprechen konnten. Viel mehr darüber ist in dem sehr sorgfältig editierten Programmheft nachzulesen.

Heide Cerny, Barbara Motz, Ricarda d’Heureuse-Harosky, Beatrice Soranno, Gerburg Rüsing

Die Inszenierung
Zu Beginn der Aufführung wuseln die DarstellerInnen nacheinander über die offene Bühne. Die Kostüme lassen sie deutlich als Kinder erkennen. Ihre ruhelosen Wege kreuzen sich permanent, ohne jegliche Kontaktaufnahme miteinander. Zusätzlich behindern herumliegende große Steine das gegenseitige Vorbeikommen. Der Bühnenboden ist nahezu schwarz gehalten und von einem Wirrwarr weißer Schlangenlinien durchzogen. All dies verstärkt das Durcheinander. In Abständen verharren Einzelne, verschieben die Steinbrocken und stoßen pantomimisch gequälte, stille Schreie aus. Allmählich entstehen wortlose Interaktionen – ein Ball hilft dabei. Dann mutiert die Pantomime zu lautstarken Anklagen: Erlittene Schmähungen durch Schwestern, Pfarrer oder das Hauspersonal, sexueller Missbrauch im Kellergewölbe, erzwungenes Hineinstopfen übriggelassenen Essens oder von Erbrochenem, Bloßstellen und Bestrafen nach Bettnässen, Angsteinjagen bei kleineren Kindern durch Horrorgeschichten von der bösen Bollimaus und vieles mehr brechen förmlich aus den Betroffenen. Aus dem Stakkato der Anklagen formt sich das Schreckensbild eines systematischen Einschüchterungs- und Bestrafungssystems.
Allmählich erfährt man auch mehr über die Erlebnisse, Biografien und Verarbeitungsstrategien einzelner Heimkinder. Ein nicht vorhandener Vater wird als Spielzeugfabrikant erfunden, einer tut einfach so, als ob er glücklich wäre, einer wird mit einem Koffer mit ein paar Klamotten und 35 Mark in eine Kochlehre entlassen. Ein anderer sammelt Altmetall, aber die Schwester Oberin kassiert das erhaltene Geld vom Schrotthöker.
Gleichwohl gab es auch Lichtblicke. Zum Beispiel Schwester Gretel, die einem Mädchen das Lesen beibrachte oder einen Jugendrichter, der kleinere Straftaten verständnisvoll bewertete, nur Bewährungsstrafen verhängte und bei der Vermittlung von Lehrstellen half. Parallel zum Spielgeschehen unterstrichen auf eine große Leinwand geworfene Videoprojektionen und Originalfotos die Authentizität des Geschilderten. An keinem Punkt der Inszenierung wird deutlich, wer von den DarstellerInnen nun Ehemaliger oder methusalem ist, wer sein persönliches Erleben offenbart oder für andere spricht, wenn einem das eigene Wort versagt. Vielmehr übernehmen methusalems Teile der einzelnen Biografien der Ehemaligen und diese auch Rollen von Nonnen, Pfarrer oder Mütter der Heimkinder.
Das Stück „Die Ehemaligen“ ist ein auf allen Ebenen gelungenes Projekt dokumentarischen Theaters. Es ist selten, dass die übliche „als ob-Situation“ im Theater auf so gekonnte und fundierte Weise überwunden und mit der Wirklichkeit verschmolzen wird wie in dieser Inszenierung mitsamt ihrer Vorgeschichte. Entsprechend nachhaltig ist der Eindruck beim Zuschauenden. Dem Stück sind noch viele Aufführungen zu wünschen.

Die nächsten Termine: 23./30. März und 1. April um 20 Uhr und 26. März um 19 Uhr im Kleinen Haus des Theater Freiburg. theater.freiburg.de

Bildquellen

  • Heide Cerny, Barbara Motz, Ricarda d’Heureuse-Harosky, Beatrice Soranno, Gerburg Rüsing: Foto: Laura Nickel
  • Andreas Hoppe, Gerburg Rüsing: Foto: Laura Nickel