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Kunst | September 2018 | von Cornelia Frenkel

„Corpus Baselitz“ – Ausstellung im Musée Unterlinden in Colmar

Von der Hinfälligkeit

Nur keine schönen Bilder malen, das wollte er von Anfang an nicht und dabei bleibt es auch im Alter – es darf zudem gerne ein wenig obszön sein. Mit erstmals gezeigten Arbeiten aus den Jahren 2014–2017 widmet das Musée Unterlinden dem Maler, Grafiker und Bildhauer Georg Baselitz (*1938) anlässlich seines 80. Geburtstags die Ausstellung „Corpus Baselitz“. Sie spitzt zu, was kürzlich eine Retrospektive mit Schlüsselwerken aus den letzten sechs Jahrzehnten in Riehen präsentierte.

Georg Baselitz: "Ach Rosa, ach rosa" (Ausschnitt).© Littkemann

Georg Baselitz: „Ach Rosa, ach rosa“ (Ausschnitt).

In Colmar sind rund 70 Malereien, Zeichnungen und Skulpturen aus den letzten Jahren zu sehen, sie befassen sich mit dem Altern, indem der Künstler den eigenen Körper in Form von Bildern befragt; mitunter ist ihm eine weibliche Figur beigesellt.

Gleichzeitig rekurriert Baselitz auf seine Lehrmeister, darunter Dubuffet, Michaux, Duchamp und Picabia, aber auch auf Grünewald und Baldung Grien – sie alle malten „hässlich“ (wie er); aber Baselitz hat sie nicht nachgeahmt, sondern in neue Kompositionen überführt und dabei eine ganz eigene figurative Bildsprache entwickelt. Denn er sah sich gezwungen, „alles in Frage zu stellen“, nämlich hineingeboren „in eine zerstörte Gesellschaft (…), in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk (…).“

Für Georg Baselitz ist die taktile Qualität des Kunstwerks wesentlich, teils scheint er sie durch seine Technik des Farbauftrags zu erreichen; so wirken die im Musée Unterlinden gezeigten Körpergestalten fast greifbar zerfasert, transparent, in Auflösung begriffen. Der Betrachter hinterfragt sein eigenes Sehen, nicht zuletzt weil Baselitz‘ Bilder bekanntlich immer auf dem Kopf stehen, was mitunter komische Effekte erzeugt, etwa in der mit Tuschfeder und Aquarell gezeichneten Serie „Bitte kommen Sie nach vorn“ (2014), „Zweimal Treppe runter“ und „Abgang mit Marcel“ (2016).

Derzeit hat Baselitz erklärtermaßen eine Vorliebe für schwarze Bilder, wofür „Schnell die zehnte Nacht abwärts“ ein Beispiel ist sowie die pechschwarzen Skulpturen „Zero Mobil“ und „Zero Dom“, trügerisch sehen sie aus wie verkohltes Holz, bestehen aber aus Metall.

Der menschliche Körper ist im letzten Stadium wenig ansehnlich, er schrumpft, verbiegt sich und hat eine morbide Aura, die Baselitz ungeschönt zu erfassen sucht, mit seinem extremen Realismus, der vor dem unerträglich langsamen Vergehen die Augen nicht verschließt. Doch gibt es zweifellos ein Leben vor dem Tod, worauf er nicht zuletzt durch das Moment der Wiederholung und Variation der Motive hinweist; dieses ruft uns zudem in Erinnerung, dass der Lebensprozess nicht einfach (mechanisch) weitergeht, sondern Körper und Geist vor immer neue Herausforderungen stellt.

Zur Ausstellung ist ein kundiger Katalog erschienen, doch nichts kann den Besuch vor Ort ersetzen – er lässt einen in eine Atmosphäre eintauchen.


Was:
Ausstellung „Corpus Baselitz“ von Georg Baselitz
Wann: bis 29. Oktober 2018. Mo+Mi-So 9-18 Uhr, Do 10-20 Uhr
Wo: Musée Unterlinden, 1 Rue des Unterlinden, 68000 Colmar
Web: www.musee-unterlinden.com