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Archen bauen für das Gedächtnis: Und dem Vergessen widersprechen

Die Geschichte der NS-Diktatur wirkt bis heute auf vielfältige Weise in Gesellschaft und Familie hinein, drängt auf Auseinandersetzung, erfordert eine entsprechende Gedenkstättenarbeit und Dokumentationszentren sowie Veröffentlichungen. Für diese Notwendigkeit engagiert sich der Wallstein Verlag. Verleger Thedel v. Wallmoden hat sein Wirken einmal als „Bau von Archen“ bezeichnet, wobei das Bild der Arche für „eine kulturelle Integrationsleistung“ steht, eine „Verständigung auf eine kulturelle Substanz, mit dem Ziel, die Stürme gemeinsam zu überdauern“. Dass er dabei Neues wagt, zeigt sich etwa an der Edition von Ruth Klügers Buch „weiter leben. Eine Jugend“. Wie es dazu kam, dass die ungewöhnliche Geschichte der in den USA lebenden Literaturwissenschaftlerin und Holocaust-Überlebenden publiziert wurde und überraschend erfolgreich war, lässt sich in dem wundersamen Band „Wir bauen Archen. Essays und Reden“ erfahren.
Obwohl ein Denkmal etwas darstellen will und zur Ansicht bietet, wird kaum sichtbar, was es bewirkt. Zu diesbezüglichen Fragen versammelt eine Schriftenreihe im Auftrag der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratie-Geschichte (GEDG) unter dem Titel „Nichts ist so unsichtbar wie ein Denkmal ‹für Ernst Thälmann›. Zur Geschichte eines ambivalenten Erinnerungsortes“ verschiedene Texte. Behandelt wird u.a. eine Debatte, die sich um eine von der GEDG und dem „Weimarer Republik e. V.“ initiierte Kunstaktion dreht, nämlich die Verhüllung des Weimarer Thälmann-Denkmals im Jahr 2021; es war einst im Auftrag der SED von dem sowjetischen Bildhauer Kerbel geschaffen worden, was die Künstler der DDR damals beleidigt, weil sie ausgegrenzt blieben. Nach der Wende sollte es abgerissen werden, aber schließlich entfernte man nur einige Bronzestelen mit Propaganda-Inschriften; doch es bleibt ein Ärgernis, da häufig beschmutzt und mit Graffiti übersät. Seine Existenz gibt u.a. zu bedenken, dass das, was auf Sockeln hervorgehoben wird, im Laufe der Zeit zum Teil der Kulisse gehört; dieses Schicksal ereilt auch eine für die Erinnerungskultur der DDR so prominente Figur wie der im NS ermordete KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann. Der Band „Nichts ist so unsichtbar wie ein Denkmal“, für den Robert Musil das Motto liefert, lädt zur Hinterfragung von Denkmälern und Helden ein.
Zum Thema „NS-Verfolgung nach der Befreiung. Ausgrenzungserfahrung und Neubeginn“ hat die „Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte“ einen Textband unter der Leitung von Alyn Beßmann herausgegeben, der auf die Nachkriegserfahrungen von NS-Verfolgten aus West- und Osteuropa blickt. Deren Rückkehr in ein „normales“ Leben war nach der Befreiung 1944/45 mehr als mühsam. Sie mussten unwirtliche Wege durch das zerstörte Europa ertragen, waren von Krankheit und Entbehrungen gezeichnet, standen vor unzähligen Schwierigkeiten – und hatten doch die Hoffnung nicht verloren. Sie mussten entscheiden, ob sie in ihr Herkunftsland zurück wollten oder konnten, bzw. auswandern oder in der Emigration verbleiben? War das soziale Umfeld bereit, sich mit der Verfolgungserfahrung auseinanderzusetzen, begegnete ihnen neue Ausgrenzung? Erhielten die überlebenden Frauen und Männer Unterstützung, wo konnten sie sich äußern? Ihre Erfahrungen in Deutschland, Frankreich, Israel, Italien, Österreich, Sowjetunion und Tschechoslowakei stellten sich unterschiedlich dar, waren abhängig von Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Verfolgungsumständen. Ungewiss blieb ihre Existenz, eine Zumutung ihr Leben in DP-Camps (Lager für „displaced person“) und zweite Stigmatisierung. U.a. befasst sich hier Christine Eckel mit den Herausforderungen, vor denen ehemalige Deportierte in Frankreich standen, nicht alle verfügten über die psychischen oder sozialen Ressourcen, um mit einer Verwaltung umzugehen, die ihre Anträge bearbeitete. Bis zum Rückzug der NS-Truppen im Sommer 1944 waren aus Frankreich über 165.000 Personen in Konzentrations- und Vernichtungslager sowie in deutsche Haftanstalten verschleppt worden.

„Zur Bedeutung von Überlebenden, Verfolgung von Minderheiten und Religiosität in den Lagern sowie zum Umgang nach 1945“ ist in der Reihe „Bergen-Belsen. Dokumente und Forschungen“ ein von Elke Gryglewski (Leiterin der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten und der Gedenkstätte Bergen-Belsen) herausgegebenes Kompendium erschienen; ihr eigener Beitrag „Der Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Gegenwart. Gedenkstätten als Lernorte“, der nur empfohlen werden kann, befasst sich differenziert mit Fragen zur Bildungsarbeit und Pädagogik an historischen Orten und „Tat-Orten“, sowie Problemstellungen zu „Zwangsbesuchen“ für Schüler:innen in KZ-Gedenkstätten, denen Läuterungsvorstellungen zugrunde liegen. Weitere Berichte aus Forschung und Praxis thematisieren die NS-Geschichte und ihre Folgen; so geht es etwa um die Bedeutung der Selbstzeugnisse Überlebender für Gedenkstättenarbeit und historische Forschung, die Unterdrückung von Minoritäten sowie religionsgeschichtliche Perspektiven auf die NS-Verfolgung. Der „Figur des Märtyrers in der frühen Nachkriegszeit“ widmet sich Insa Eschebachs Essay „Plötzensee“. Martina Staats und Susanne Urban beleuchten das jüdische Leben in Deutschland nach dem Holocaust; Lutz van Dijk setzt sich mit „Überleben – wofür? Der späte Mut des polnischen Paragraf-175-Häftlings »Stefan« Teofil Kosiński (1925 – 2003)“ mit dem Schicksal dieses Gezeichneten auseinander. Im Text „Wegen Weigerung seine Pflicht als Soldat zu tragen“ befasst sich Detlef Garbe mit der Exekution des Zeugen Jehovas August Dickmann im KZ Sachsenhausen 1939. Alle Beiträge geben Aufschlüsse zum KZ Bergen-Belsen: Das Lager wurde nach Beginn des Zweiten Weltkriegs von der Wehrmacht in Baracken beim Truppenübungsplatz Bergen für französische und belgische Kriegsgefangene eingerichtet und stetig vergrößert. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion werden bis zum Herbst 1941 mehr als 21.000 sowjetische Gefangene eingeliefert; allein bis April 1942 sterben 14.000 von ihnen an Hunger, Seuchen und Kälte. 1943 übernahm die SS einen Teil des Geländes als „Austauschlager“ für jüdische Häftlinge; ab Frühjahr 1944 werden weitere Häftlingsgruppen eingeliefert. Bei der Befreiung im April 1945 fanden britische Soldaten Tausende Leichen und todkranke Menschen. Insgesamt 52.000 KZ-Häftlinge aus Europa kamen hier zu Tode oder starben danach an den Folgen der Haft. Hier wurde 1945 ein Camp für polnische und jüdische Displaced Person eingerichtet, bis 1950 harrten dort zeitweilig bis zu 12.000 Holocaust-Überlebende. Von vielen „Dagebliebenen“ wurden sie als Eindringlinge angefeindet, waren mit (antisemitischen) Stereotypen konfrontiert und erfuhren Verachtung.

Die Erinnerung- und Gedenkstättenarbeit muss sich heutzutage selbstverständlich auch auf moderne Reproduktionstechniken und digitale Gedächtnisse stützen; dafür sensibilisiert uns eine Reihe von Beiträgen in dem Sammelband „Digital Memory. Neue Perspektiven der Erinnerungsarbeit“. Gefragt wird etwa, welche Chancen und Herausforderungen digitale Transformationsprozesse für die Gedenkstättenarbeit im 21. Jahrhundert bieten. Dazu werden Ansätze und Konzepte vorgestellt, die zur aktiven Gestaltung der neuen Hybridität beitragen könnten – und aus dem Zusammenwirken von Gedenkstätten an historischen Tatorten des NS und digitalen Welten entstehen. Diskutiert werden die Rahmenbedingungen digitaler Transformation im Zusammenspiel von digitalen Medien und historischem Lernen; zudem geht es um Repräsentationen des Holocaust in VR- und Computerspielen. Konkrete Anwendungsbeispiele stellt das Buch aus der Gedenkstättenarbeit vor, etwa Crowdsourcing-Kampagnen und interaktive Elemente in Ausstellungen. Thematisiert werden auch die Möglichkeiten von Social Media im Bildungsbereich, die (Un-)Angemessenheit von „Selfies“ in KZ-Gedenkstätten sowie die Entwicklung eines partizipativen Gedächtnisses. Neben Erfahrungen von Gedenkstätten kommen auf den Plan: „Digitalisierung der Arolsen Archives“, „Digitale Vermittlungselemente in der Dauerausstellung“ sowie Erinnerungsphänomene auf Instagram, TikTok und Twitter. Wer sich fragt, welche Möglichkeiten existieren, um historisches Wissen zu generieren und welche Anforderungen durch digitale Technologien entstehen, ist mit dieser Edition gut beraten. Denn als brennender Aspekt kommt überdies hinzu, wie wichtig die Analyse sozialer Medien ist, die deutlich macht, wie die Relativierung des Holocaust populäre Verbreitung findet und die Verzerrung historischer Fakten sich gerade in der Anonymität des interaktiven Webs ungehemmt artikulieren können. Wachsamkeit bleibt notwendig.

• Thedel v. Wallmoden. Wir bauen Archen. Essays und Reden. Ahrend, Thorsten u.a. (Hg.). Wallstein Verlag 2023
• Faludi, Christian/Zänker, Stefan (Hg.). Nichts ist so unsichtbar wie ein Denkmal (für Ernst Thälmann). Zur Geschichte eines ambivalenten Erinnerungsortes. Wallstein 2023
• NS- Verfolgte nach der Befreiung. Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung. Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte (Hg.). 03 / 2022. Wallstein
• Perspektiven der NS-Geschichte. E. Gryglewski (Hg.). Zur Bedeutung von Überlebenden, Verfolgung von Minderheiten und Religiosität in den Lagern sowie zum Umgang nach 1945. Reihe: Bergen-Belsen. Dokumente und Forschungen Bd.4. Wallstein 2023
• Digital Memory. Neue Perspektiven der Erinnerungsarbeit. Reihe: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung. Bd.4. Wallstein 2023

Bildquellen

  • Archen bauen für das Gedächtnis: Und dem Vergessen widersprechen: Foto: Guy via pixabay