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Kultour | Oktober 2019 | von Cornelia Frenkel

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse

Gute Bücher – neu oder neu aufgelegt

Ein Mensch möchte er werden, keine Funktion sein. Freude an Besitz ist ihm fremd: „Er wollte ja nur mitlieben, mithelfen, Glück zu schaffen und schönes Dasein.“ So denkt der Protagonist in „Der Kramladen des Glücks“ (1913), dem soeben neu aufgelegten Roman von Franz Hessel. Dass er nicht zielgerichtet sei und keinen Beruf anstrebe, hält man Gustav Behrendt vor. Doch die Welt interessiert ihn unbedingt. Bei einem Spaziergang durch winklige Gassen in Basel entdeckt er einen „Spezereiladen“ und ist fasziniert von all den unnützen Dingen, die dort zu sehen sind. Ähnlich beeindruckt ihn später eine Gemischtwarenhandlung, in der Walnüsse, Äpfel und Feigen neben einem Holzkreisel lagern. Solche Vielfalt versetzt ihn in seine Kindheit zurück, eine Zeit ohne Pläne und Absichten. „Der Kramladen des Glücks“ folgt zwar den Stationen des klassischen Bildungsromans – Kindheit, Jugend, frühes Erwachsenenalter -, aber der Held, den die sinnliche Liebe zunehmend seelisch erschüttert, arbeitet sich an nichts ab, sondern eignet sich die Welt offen und staunend an, als sei er ein Fremder. Auch wenn das Buch, soeben neu ediert, keine Autobiographie ist, erkennen wir hier die Haltung des Flaneurs Franz Hessel.

© Promo

Annie Ernaux. Die Jahre. Suhrkamp Verlag

 

Tomi Ungerer war ein unabhängiger Geist, worauf bereits der Titel seines Buches weist: „Die Gedanken sind frei. Meine Kindheit im Elsass“. An dessen Inhalt sind nicht nur die erzählten Erlebnisse eines hellsichtigen Heranwachsenden bedeutend, sondern insbesondere die naiven Zeichnungen, die er in dieser Zeit angefertigt hat. Er ist neun Jahre alt, als 1940 das Elsass besetzt wird und seine französischsprachigen Lehrer durch deutsche ersetzt werden; aus Jean-Thomas, Tomi genannt, wird Hans oder Johann, der in der Schule nun in Sütterlinschrift schreiben muss und einen Juden malen. Warum soll er aber nicht zur HJ und mitreißende Nazilieder singen? Schließlich haben die Besatzer für das Kind auch sympathische Seiten. Ungerer betreibt keine Schwarzweißmalerei, da er weder Vichy-Franzose noch Nazi-Deutscher war, erfährt er sich frei von Schuld und kann Scherze treiben.
Drei zentrale Werke der französischen Autorin Annie Ernaux, „Die Jahre“, „Erinnerungen eines Mädchens“ und „Der Platz“ wurden ins Deutsche übersetzt und seither oft getadelt oder gepriesen; z.B. sagt Jürgen Habermas über „Die Jahre“: „Die ethnologische Beschreibung ihrer gewissermaßen depersonalisierten Lebensgeschichte im Spiegel der französischen Zeit- und Gesellschaftsgeschichte, davon bin ich ganz hingerissen.“ Annie Ernaux zeigt sich als genaue Beobachterin ihrer Erfahrungen, ruft die Bedingungen des weiblichen Erwachsenwerdens in den 1950er Jahren ins Gedächtnis und erkundet in „Der Platz“ den auf ihrem Vater lastenden Überlebensdruck und den gesellschaftlichen Aufstieg ihrer Eltern, der ihr jedoch die Chance eröffnet, weiterzukommen. Dabei entfernt sie sich von ihrem Milieu, so wie ihre Literatur weit über persönliche Fakten hinausgeht.
Mit den spezifischen Prägungen einer ganzen Generation in Deutschland befasst sich die Studie von Sabine Bode „Nachkriegskinder. Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter.“ Sie führt zahllose Biographien an, die krasse Herkunftsgeschichten verarbeiten, geprägt von Schwarzer Pädagogik. Durchweg hatte eine durch Nazizeit und Krieg markierte Elterngeneration äußerste Mühe, eine Sprache für das zu finden, was sie plagte, unfrei und gewalttätig machte. Das Ansprechen von Vergangenheit führte – in den im Buch beleuchteten Familien – stetig zu Ärger und Streit, Nachdenken galt als unerwünscht und war suspekt; Trunksucht, Kindesmissbrauch und Prügel für „schwererziehbare Kinder“ waren alltäglich. Sabine Bodes Sachbuch weist auf transgenerationelle Traumata, die kontinuierlich auch in der deutschen Gegenwartsliteratur auftauchen.
So setzt sich etwa Andreas Maier in „Die Familie“ mit den Abgründen einer deutschen Kleinfamilie auseinander, geprägt von Unrecht und Verleugnung der NS-Zeit. In Maiers siebtem Teil seiner sogenannten „Ortsumgehung“, die stetig nach Friedberg in der Wetterau führt, zerrt der Erzähler auf geradezu atemlose Weise Verdrängtes zu Tage und entlarvt, mittels knapper, präzise geschriebener Szenen und Dialoge, Zug um Zug einen Familienmythos, dem er selbst aufgesessen war. Nicht etwa steht sein Elternhaus auf einem von jeher ererbten Grundstück, vielmehr wurde dieses einer jüdischen Familie günstig „abgenommen“. Auf die Profitorientierung ihrer Eltern, auf Zwist und Ungesagtes, die unter der Familienoberfläche brodeln, reagieren die Kinder dieser „Schweigekinder“ mit wilden Ausbruchs- und Fluchtversuchen, die für den Zerfall der Idylle sorgen. Wie lakonisch dies festgestellt wird, das macht den Autor Andreas Maier herausragend.

Die ostdeutsche Variante des Dramas findet sich in Ines Geipels „Mein Bruder, der Osten und der Hass“; mit diesem faktengesättigten Bericht bricht Geipel das „toxische Schweigen“ auf, mit dem die Stasi-Tätigkeit ihres Vaters sowie die SS-Vergangenheit ihrer beiden Großväter verhüllt und vernebelt wurde. Geipel verbindet ihre biographische Reflexion mit Studien zu den von der SED-Diktatur auferlegten Zwängen, zu deren antifaschistischen Konstruktionen sowie ihrer Verharmlosung rechtslastiger Milieus. Geibels sprachgewaltige Aufdeckungsschrift leistet einen genauen Blick auf die politischen und psychologischen Wirkungsmechanismen der DDR-Gesellschaft, er unbequem ist, aber sehr hilfreich beim Verstehen heutiger Probleme sein kann.

● Franz Hessel. Der Kramladen des Glücks. Nachwort von Manfred Flügge. Lilienfeld Verlag 2019
● Tomi Ungerer. Die Gedanken sind frei. Meine Kindheit im Elsass. Diogenes 2018
● Annie Ernaux. Die Jahre. Erinnerungen eines Mädchens. Der Platz. Suhrkamp Verlag 2018-19
● Sabine Bode. Nachkriegskinder. Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter. Klett-Cotta 2019
● Andreas Maier. Die Familie. Suhrkamp 2019
● Ines Geipel. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Klett-Cotta 2019

Cornelia Frenkel