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Theater | Juni 2019 | von Annette Hoffmann

Amir Reza Koohestani inszeniert Arnold Weskers „Die Küche“ am Theater Freiburg

Was am Abend übrig bleibt

Es gibt Gerichte, denen man den Aufwand nicht ansieht und solche, die ganz ohne Aufwand was her machen. Was das über Amir Reza Koohestanis Inszenierung von Arnold Weskers Stück „Die Küche“ sagt? Nichts – außer, dass man manchmal die Relation zwischen Aufwand und Ergebnis thematisieren sollte.

© Birgit Hupfeld

Lukhanyo Bele. Henry Meyer, Lukas Hupfeld, Stefanie Mrachacz, Martin Hohner und Hartmut Stanke in “Die Küche” am Theater Freiburg.

Und auf der Bühne des Kleinen Hauses ist der Einsatz wirklich hoch. Nicht nur, dass 18 Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne stehen – als Weskers Drama 1959 uraufgeführt wurde, müssen die Ensembles irgendwie noch größer gewesen sein ‒, nein, Mitra Nadjmabadi hat auch eine halbwegs funktionstüchtige Küche eingebaut.

Das Chrom glänzt noch ein bisschen, doch über die Jahre hat sich ein Patinafilm auf alles gelegt. Irgendwo hängen nur halb aufregende Pin-ups, an den beiden Sitzecken ein deutlich sichtbares Rauchen-verboten-Schild, an das sich jedoch niemand hält und jeden Tag wird das Tagesmenü hoch oben auf der Stirnseite der Küche von Maggie (Anja Schweitzer) erst weggewischt und dann neu geschrieben. Es gibt dabei gewisse Wiederholungen und nicht immer stimmt das, was auf der Karte steht mit dem überein, was auf dem Teller landet. Seezunge? Das geht auch billiger.

Diese Küche ist ein Großbetrieb mit über Tausend Essen pro Tag, da ist die Fluktuation hoch und das Konfliktpotential ebenso, zumal Chefkoch Alfredo (Hartmut Stanke) es eher ruhig angehen lässt. Doch was wird hier eigentlich erzählt? Ein Koch (Martin Hohner) hat Liebeskummer. Es ist nicht das erste Mal, dass seine Kollegin Monique (Janna Horstmann) ein Kind von ihm abtreibt.

Er stellt sich eine kleine Familie vor, sie wird sich am Ende von ihm trennen und gemeinsam mit ihrem Mann wegziehen. Als hätte er es nicht geahnt, schlägt Peter die Küche zu Kleinholz und greift damit derart in den Betrieb ein, dass dieser für einen halben Tag stillsteht. Am nächsten Tag ist er weg, eine neue Köchin fängt an und Maggie wird wieder auf die Leiter steigen, um das Menü aufzuschreiben.

Man darf mutmaßen, dass es nicht das erste Mal ist, dass hier jemand ausrastet. Hat doch am Tag zuvor mit Kevin (Lukhanyo Bele) auch ein neuer Koch angefangen. Mehr ist nicht und das knapp 100 Minuten. Sieht man davon ab, dass Weskers Stück eine antikapitalistische Stoßrichtung hat und als Mikrokosmos einer multiethnischen Gemeinschaft für die Welt schlechthin steht. Bereits ein Blick in das Programmheft zeigt dies, indem jede Rolle mit ihrer Funktion – Gebratenes, Suppen + Eier, Grill, Besitzer – genannt wird. So sehen Hierarchien aus.

Großbritannien hat ein anderes Verhältnis zu seiner Arbeiterklasse. Weskers führt mit „Die Küche“ in die Vor-Thatcher-Ära, doch von internationaler Solidarität oder nur Kollegialität ist in dieser Arbeitswelt nur wenig zu spüren. Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bekommen die deutschen Köche sehr viel Hass zu spüren, als Hans (Thieß Brammer) ausgerechnet beim jüdischen Patissier (Henry Meyer) sich Rückendeckung holen will, ahnt man, warum dies so ist.

Die Frauen machen alles ein bisschen geschmeidiger, tragen Bleistiftröcke und Pfennigabsätze. In Deutschland ist die Beziehung zur workingclass nicht derart emotional, so dass vieles in Weskers Stück ins Leere läuft. Auch wenn die Inszenierung performative Elemente hat, so wird etwa das Kochen pantomimisch dargestellt und der allgegenwärtige Zeitdruck zu einer Percussionsession, gibt es nicht eben viel, dass einen hier über diverse Längen und diese stupende Ereignislosigkeit hinweghilft.

 

Was: „Die Küche“
Wann: 4./ 9./19. und 23. Juni 2019
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus, Bertoldstr. 46, 79098 Freiburg
Web: www.theater.freiburg.de