Am Theater Freiburg wurde Viktor Jerofejews Romanadaption „Der große Kopnik“ uraufgeführt

Wie sie da so auf den Stufen liegen, muss man an jene denken, die in Sergej Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“ erschossen werden. Doch bei der Stadt Odessa hat man mittlerweile anderes im Kopf und im Theater Freiburg erheben sich nicht zaristische Soldaten über den Treppenansatz, sondern zwei Beine, die in derben Stiefeln stecken. Sie stehen auf einem weißen Podest, wie hier überhaupt erst einmal alles weiß ist, sie könnten zu einem riesigen Gartenzwerg gehören, oder doch etwa zu Stalin oder zumindest zum großen Gopnik. Die Menschen jedoch, die da wie tot liegen, haben es wieder einmal nicht geschafft. Das russische Volk ließ sich Anfang des 20. Jahrhunderts von zaristischen Soldaten erschießen und jetzt vom großen Gopnik für seinen Krieg einspannen.
Viktor Jerofejew gehört zu jenen, die schon früh vor der Aggression Russlands gegen die Ukraine gewarnt haben. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk vor zwei Jahren sagte er: „Ich hab’s gefühlt, ich hab’s gerochen und ich war erschrocken darüber“. Recht zu haben, ist manchmal nicht komfortabel. Am Theater Freiburg war nun die Uraufführung von Jerofejews 600 Seiten-Roman zu sehen, den der im Berliner Exil lebende Schriftsteller als Auftragswerk für das Theater Freiburg für die Bühne adaptiert hat (Übersetzung: Beate Rausch). In Eike Weinreichs Inszenierung hat Jerofejew im Autor (Thieß Brammer) einen Stellvertreter auf der Bühne, der einerseits versucht Putin aus der Geschichte der Grausamkeiten und Despoten herzuleiten, andererseits die Zerstörung der Zivilgesellschaft und des Anstands konstatiert. Dieses Gesellschaftspanorama hat Bettina Meyer als stimmigen Bilderbogen auf die Drehbühne im Großen Haus gesetzt. Die Treppe, das Wohnzimmer im Elternhaus des Autors mit seiner Bildergalerie von Tolstoi bis Zwetajewa, Achmatowa und Tschechow, dem zaristisch inspirierten Arbeitszimmer des großen Gopnik lösen sich mit einer Leere ab. Es sind die Rückseiten dieses Potemkinschen Dorfes und damit der eigentliche Lebensraum des großen Gopnik, diesem Hinterhofschläger der Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks.
Es gibt Zitate wie die Vergewaltigungsfantasie der Ukraine und die Klage über den Untergang der Sowjetunion, die sich eindeutig Putin zuordnen lassen. Doch Martin Hohner gibt sich akkurat gescheitelt und mitunter ein bisschen verkniffen, als jemand, der gerne vom russischen Birkenwind schwadroniert, doch vor allem das Groteske an „Der große Gopnik“ ausspielt. Nicht zuletzt in Gegenwart seines Idols Stalin, mit dem er sauniert. Aggression ist hier immer wohlwollend ein Zeichen von Männlichkeit. Tatsächlich lastet das Gewicht der Gegenwart, die vielen Toten, die Gewalt und Grausamkeit und diese wirklich sehr schlechte Prognose für die russische Gesellschaft auf dem Ensemble mitunter wie Blei. Laura Palacios (mit Ährenzopf, aber einiger Radikalität) und Holger Kunkel (zeigt sich dieser Inszenierung als außergewöhnlich wandlungsfähig) bilden die Brücke zu einer gewalttätigen Vergangenheit. Tatsächlich ist der Stalinismus Blaupause für vieles in der Gegenwart. Während Antonis Antoniadis den „gutmütigen Deutschen“ gibt, der zu gerne an so etwas wie die russische Seele glaubt und den eigenen Vorteil sieht. Die größte Freiheit hat Janna Horstmann als Schwester O., die mal als Dame im Pelz, mal in Pink und auch einmal als Vulva mit Kussmund auf dem Kopf für den großen Gopnik eine ständige Störung ist. Diese Figur, irgendwo zwischen Autonomie und Todeserotik, dürfte so ganz nach dem Geschmack von Viktor Jerofejew sein. Mitunter finden sich sehr berührende Bilder, wenn etwa das Ensemble immer wieder tot zu Boden sinkt, so schnell, dass die Opposition, ihm nicht mehr auf die Beine helfen kann. Doch angesichts der Gegenwart wirkt die Inszenierung oft wie erstarrt.

Weitere Vorstellungen: 17. Mai, 27. Juni und 2. und 10. Juli, Großes Haus, Theater Freiburg.

Bildquellen

  • Laura Palacios, Janna Horstmann, Martin Müller-Reisinger, Thieß Brammer, Raban Bieling und die Statisterie des Theater Freiburg: Foto: Laura Nickel