Theater

Vom Knüllenden zum Knüller: Im Theater Basel feierte „Molière – der eingebildete Tote“ eine furiose Uraufführung

Neun Schläge mit dem Heroldstab kündigen die Vorstellung von „Der eingebildete Kranke“ an. Es wird eine besondere werden, nicht nur, weil sie als Spiel im Spiel von Antú Romero Nunes am Theater Basel inszeniert ist. Das Publikum von „Molière – der eingebildete Tote“ erlebt den Autor selbst in der Rolle des Argan und es wird sein letzter Auftritt sein. Er wird noch auf der Bühne sterben, was im Anschluss, schließlich hat Nona Fernández ziemlich frei nach Molière eine Komödie geschrieben, zu einigen Verwicklungen führt.
Doch noch thront Argan (Jörg Pohl) als eingebildeter Kranker auf seinem Toilettenstuhl und listet seine Ausgaben für Ärzte der letzten Wochen auf. Für die diversen Einläufe und Klistiere kommt einiges zusammen. Ob es sich lohnt? Es kommt wirklich einiges zusammen und bis in die letzte Ecke. Kein Wunder, dass es auf der Großen Bühne in Basel derart schmuddelig aussieht. Die orientalisch gemusterte Tapete überzieht ein zarter Film Scheiße, ebenso den Rock von Toinette (Barbara Colceriu), muss sie doch hinter ihrem Herrn hinterherputzen. Und auch die Treppe zu einer Art Brücke, die rechts in einer Rutsche mündet, sah sicher schon mal appetitlicher aus (Bühne: Matthias Koch). Nunes‘ kostet das alles aus, auch dass Molière zwar ein außerordentliches Talent war, doch als Toter eben eine ganz gewöhnliche Leiche ist – und als Schauspielerleiche nicht in geweihte Erde darf. Nach drei Tagen kommen seiner trauernden Truppe nicht nur die Erinnerungen hoch. Es wird gekotzt, gekackt und gefurzt. Fast wünschte man sich die Zeiten zurück als auf Theaterbühnen noch Blut und Sperma spritzte und man fragt sich, ob dies etwas über unsere krisengeschüttelte Gegenwart aussagt oder ob Nunes‘ sich einfach einen etwas kindlichen Spaß macht, aus dem er ziemlich viel Slapstick herausholt. Da muss man durch.
Und um ganz elementare Bedürfnisse geht es in „Molière – der eingebildete Tote“ auch. Als er noch unter den Lebenden weilt, stellt sich Argan auf Anraten von Toinette tot, um die Liebe seiner Frau (Vera Flück) und seiner Tochter Angélique (Gala Othero Winter) auf die Probe zu stellen. Erst recht wird Molières Ableben zum Liebes- und Treuebeweis, denn Monsieur Baron (Jan Bluthardt) ist auf mehr als auf die goldene Uhr des Schauspielers aus, er will die Frau, die Truppe und überhaupt die Rechte an den Stücken. Molière, da er einige Probleme mit dem Totsein hat, wohnt all dem bei, wiedervereint mit Madeleine (Annika Meier, die ein bisschen wie der Joker und ein bisschen wie die Addams Family in Weiß aussieht). Im Diesseits hatte er sie noch für ihre Tochter verlassen. Madeleine ist da nicht nachtragend und so versuchen die beiden – unsichtbar für die Lebenden – die Geschicke zu beeinflussen. Juliette (Vera Flück), La Grange (Sven Schelker), La Thorillère (Thomas Niehaus) haben mal mehr, mal weniger, abhängig von ihrer Klugheit oder ihrem Alkohollevel, den Durchblick, was mit der Truppe gerade passiert. Denn im größten Rausch sind die Toten sehr wohl wahrnehmbar und so ist die Inszenierung auch ein Dionysos-Dienst.
Das wäre in etwa der ziemlich burleske Handlungsaufbau, der genug Stoff für zweieinhalb Stunden Theater gibt. Getragen wird dies durch ein durchweg grandioses Ensemble, allen voran die Gegenspieler Molière und Baron. Ist Molière, was das Toilettenpapier angeht, ein „Knüllender“, legt Baron noch eins drauf, und nennt sich einfach einen „Knüller“. Von solcher Art sind die Scherze, egal, man muss es lieben angesichts der ungestümen Spielfreude und des genauen komödiantischen Timings. Denn trotz allem Slapstick ist ja nicht zu übersehen, dass „Molière – der eingebildete Tote“ eine Liebeserklärung im historischen Kostüm an das Theater ist, aber auch eine Allegorie auf es und ein Plädoyer für Dramen mit mehr als einem Handlungsstrang.

Weitere Vorstellungen: 25. Mai, 3./12./22. Juni auf der Großen Bühne im Theater Basel. Tickets: www.theater-basel.ch

Bildquellen

  • „Molière – der eingebildete Tote“ – von Nona Fernández nach Molière Schauspiel: Foto: Lucia Hunziker