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Literatur | April 2019 | von Peter Frömmig

Thilo Krause erhält den Peter-Huchel-Preis 2019

Vom Leuchten der einfachen Dinge

Der renommierte Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik, jeweils verliehen für eine „herausragende Neuerscheinung“ des Vorjahres, geht 2019 an Thilo Krause. Sein Buch unter dem Titel „Was wir reden, wenn es gewittert“ erschien im Hanser Verlag, der sich schon lange verdient gemacht hat um deutschsprachige und internationale Dichtung.

© Yvonne Böhler

Peter-Huchel-Preisträger 2019: Thilo Krause.

Der 1977 in Dresden geborene Thilo Krause lebt mit seiner Familie in Zürich, wo er als Wirtschaftsingenieur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule promovierte und heute beim Elektrizitätswerk der Stadt Zürich im Bereich der Energieforschung tätig ist. Seit 2005 tritt Krause mit seiner Lyrik hervor und wurde bald schon als eine besondere Stimme erkannt. Er schreibt anspruchsvoll und doch nahbar, unaufgeregt und klar, seine Sujets sind gewöhnlich und finden doch zu einem überraschenden Leuchten.

„Was wir reden, wenn es gewittert“ ist sein dritter Gedichtband. Es beginnt mit einem Frühstück in der Familie, mit „den Kindern / die perlen in ihrem Leben / wie die Blasen in der Wasserflasche / die offen auf dem Küchentisch steht.“ Selbst bei einem solchen alltäglichen Vorgang wird schon deutlich, dass es hier um den Mehrwert des Erlebens durch gesteigerte Wahrnehmung geht: „Salzig von der Nacht / taumeln wir einander zu / ein stundenlanges Wiedersehen. / Quittengelee, während die Sonne / sich durch den Reif brennt / die Schatten zu ticken beginnen.“

Dem Lyriker Thilo Krause gelingt es fast beiläufig, einfache Dinge und Begebenheiten auf erhellende Weise zur Sprache zu bringen, greifbar zu machen. Auch um sie zu durchdringen, um ihre verborgene Komplexität aufscheinen zu lassen. Es ist der konzentrierte Blick bei innerer Ruhe, eine stetige Aufnahmebereitschaft, die es ihm ermöglicht, Signale aus der inneren und äußeren Welt aufzunehmen, komprimiert zur Sprache zu bringen und zu Gedichten zu formen. „Legte ein Ohr an die Außenseite des Tags. / Schloss die Augen und sah“, heißt es in dem Gedicht „Schreiben“.

An anderer Stelle: „Ich taste mich / am Morgen entlang. / Ein Blinder mit einem Stock aus Worten.“ Und weiter: „Es war das Gras, das Antwort gab / als ich zu sprechen begann.“ In manchen Versen kommt ein Vorgehen im Schreiben, ein poetisches Programm deutlicher zum Ausdruck: „Ich glaube an die Dinge / die mich umgeben. // Ich glaube an die Strömung / hell hinter den Steinen im Bach.“

Immer wieder ist es das in den Tag hinausgehen, sind es die Wege zur Arbeit und durch den Alltag, an den Stadtrand und durch die Natur, auf die der Leser sachte mitgenommen wird: „Ich gehe Felder ab / folge Schnörkeln von Unkraut und Benzin… dass es an mir ist, nach diesen Dingen zu sehen.“ Besondere Aufmerksamkeit wird den Vögeln geschenkt, „Tauben unter der Autobahnbrücke“, die „Kreuzgänge im Offenen / von einem Reiher durchschritten“. Oder: „Manchmal duckt sich ein Reiher / unter die zerborstene Kiefer / harrt aus in seiner Zeit.“

Daneben die Spuren, die Menschen hinterlassen. „Dies ist meine Zeit: Joghurtbecher, Flaschen, halbe Orangen. / Vorstadt. Ein paar ewige Dinge /Geschichten im Schaum / gehen und gehen / nicht unter.“ Die Wirklichkeit, Natur sowie städtisches Leben werden multiperspektivisch, synergetisch und dabei sehr behutsam wahrgenommen. Alles gehört zusammen, nichts wird trübe vermengt oder verkompliziert durch artistischen Überschwang.

Auch Nachbarschaftliches, Zwischenmenschliches findet Eingang in die Gedichte, die nie ins Sentimentale abgleiten. „Am Ausgang der Unterführung / sitzt der Antiquar mit seinen Büchern. / Kiste für Kiste ans Licht gehoben / das achtlos auch die Tauben streift. /…/ Und du, Nachbar / der du vor mir über die Brücke läufst // und trägst / was du tragen musst.“ Aber es geht auch auf längere Reisen, mit Frau und Kindern, wie in dem Kapitel „Sardische Notizen“.

Ein Abstand zum Alltag: „Der Sommer ist groß, eine Art Durst / nur vom Schauen gestillt.“ Es ist eine andere Färbung davon, was es heißt, am Leben zu sein: „Hier wachsen uns die Träume / voll mit Kapern, mit Ornamenten.“ Und: „Das Meer der Kinder / erscheint in den Intarsien um den Spiegel …“ Und da sind die einfachen Freuden, im Meer zu baden, die doch wieder auf ungewöhnliche Art Ausdruck finden: „Ich – den Wellen überlassen / halb blind vom Salz. // Sie – dabei, sich voranzupumpen / hinter sich blasse Girlanden // mit den Samen / einer schlaflosen Nacht.“

Es ist wie im richtigen Leben immer ein Vor und Zurück, eine Bewegung zwischen Nähe und Ferne, zwischen Gegenwart und Gedächtnis. Wechselwirkungen wie in dem Gedicht „Geschichten“, einem der schönsten des Bandes, das den Weg des Vaters mit dem Kinderwagen beschreibt: „Während wir liefen / warst du im Wagen / mit der geschenkten Lampe beschäftigt / ihrem Kegel, der begann deutlicher zu zeichnen: / Stümpfe, Strauchwerk / mit fliehenden Schatten. / Du suchtest Wolf oder Fuchs oder Bär. / Wir erzählten / richteten den Kegel voraus oder zurück. / Geschichten, um uns kurz zu erkennen gegen die Nacht.“

Gegen Ende des Buches führen die Wege des Dichters zurück zu den Orten der eigenen Kindheit in Dresden. Ein Kapitel umfasst „Beiläufige Reste Welt“ vergangener Tage, die noch einmal aufscheinen. Erinnerungen an das Leben in der „Zone“, an „Profane Erweckung“, an die Frisöse vom „Salon Wolf“ aus der Jugendzeit. Ein Porträt in Gedichtform, das man nicht vergisst. Im Baggersee beim Mount Klamott „wagt sie sich hinaus“, und „Abends kehrt sie die letzten Wellen Haare zusammen / glättet das Ge­kräusel. Mühelos / kommt sie voran, Zug um Zug / über der glänzenden Fläche des Linoleums“.

Eines der Gedichte im letzten Kapitel des Buches heißt „Ich zeige den Kindern die Stadt, wo ich geboren bin“ – und genau darum geht es hier. Um seine Eltern: „Ich traf euch / als ich wegging. / Ich begann euch zu sehen / von fern.“ Um seine Schule: „Vorplatz. / Die Sonne zieht / die Uhren in den Kieferzapfen auf. / Frühling. Die Jahre / ticken leise.“ Knapp zusammengefasst werden die Jahre, und leben doch auf, lassen die „Lotlinie der Kindheit“ erkennen. Wie die Erinnerung an das Holzfeuer in Großmutters Garten, die in Silberpapier gewickelten Kartoffeln, an denen sich der Junge die Finger verbrannte.

In „Meine Elbe, deine Elbe“, das letzte Gedicht des Bandes, kehrt Thilo Krause beim Wannenbad seines kleinen Kindes in wechselnden, hin und her schwappenden Bildern wieder ins Hier und Jetzt zurück: „Und sitze / neben der Wanne / später / der Kleine am Baden. / Sein Körper so weiß, so fern / dem Kind / das ich war. / Kleiner / ganz er selbst / mit seinen schrumpeligen Händen, Füßen / wenn ich ihn heraushebe / ihn trocken reibe. / Eine Weile noch / schwebt er hier: in der Zeit / vor der Zeit.“ Dankbar legt der Leser das Buch zur Seite.

Die Preisverleihung findet am 3. April, dem Geburtstag des Dichters Peter Huchel, im Stubenhaus in Staufen statt. Hier lebte Huchel nach seiner Ausweisung aus der DDR bis 1981, und hier befindet sich auch sein Grab. Ihm zu Ehren wurde der Preis vom Südwestrundfunk und vom Land Baden-Württemberg gestiftet.

Thilo Krause: Was wir reden, wenn es gewittert. Gedichte. München (Edition Lyrik Kabinett – Carl Hanser Verlag) 2018. 128 Seiten. 18 Euro.