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Interview | April 2019 | von Erich Krieger

Im Gespräch: Corinna Zimber, Gründerin des Freiburger Audiobuch Verlags

Literatur fürs Ohr

Im Jahr 1994 gründete Corinna Zimber den Freiburger Audiobuch Verlag und produziert und vertreibt erfolgreich zusammen mit dem später hinzugekommenen Mitinhaber Matern von Marschall ausschließlich Hörbücher. Erich Krieger sprach mit der Gründerin über Erfahrungen und Erlebnisse in den letzten 25 Jahren.

© Audiobuch

Corinna Zimber mit Verlagshund Bonnie.

Kultur Joker: Frau Zimber, welche Beweggründe veranlassten Sie, vor 25 Jahren den Einstieg in ein damals neues Medium zu wagen?

Corinna Zimber: Ganz neu war das Medium nicht. Es gab 1994 schon seit längerem die Deutsche Grammophon Gesellschaft und einige kleine Produzenten von sogenannten „sprechenden Büchern“, die aber noch auf Musikkassetten produziert wurden. Ich kam als völlig Fachfremde dazu. Ursprünglich hatte ich Klassische Archäologie in München und Berlin studiert und mir angewöhnt, mir auf den langen Fahrten von Freiburg dorthin Hörbücher oder von mir selbst aufgenommene Lesungen oder Hörspiele anzuhören. Nach meiner Promotion wollte ich in meinem Fach nicht auch noch habilitieren und hatte innerlich mit der Archäologie abgeschlossen. Warum also nicht das Hobby zum Beruf machen?

Kultur Joker: Wie muss man sich das vorstellen?

Corinna Zimber: Zunächst wollte ich einmal abschätzen, ob man im Hörbuchhandel überhaupt Geld verdienen kann und habe einen Versandhandel gegründet. Schon bald aber kamen erste Hörbuchaufnahmen dazu und ein Glücksfall. Die Bibliotheken in der ehemaligen DDR füllten damals ihr Repertoire an klassischer Literatur aus dem Westen in großem Umfang auf und waren auch auf der Suche nach neuen Medien. Das waren vor allem Videos, aber eben auch Hörbücher. Die erste große Bestellung kam von der Stadtbibliothek Halle mit einem Volumen von 15000 DM. Wundervoll, dachte ich, das Geschäft boomt ja. Tatsächlich ging es dann mühsamer weiter, aber immerhin war ich ermutigt, ins Verlagsgeschäft einzusteigen. Nach einigen Jahren, ich war damals in einer Vertriebsgemeinschaft mit dem Frankfurter Eichbaum Verlag, sah ich mich nach einem Vertriebs- und Marketing-Spezialisten um. Ich traf in Berlin meinen Schul- und Jugendfreund Matern von Marschall, der damals Vertriebschef des großen Berliner Wissenschaftsverlags De Gruyter war, und fragte ihn, ob er jemand geeigneten kenne. Er überlegte kurz und sagte: „Der sitzt gerade vor dir“. Er wollte sich sowieso verändern und auch wieder ins Badische zurück und so gründeten wir 2003 eine gleichberechtigte Geschäftsgemeinschaft und sind seitdem beide zu 50 Prozent am Audiobuch Verlag beteiligt. Aufgrund seines Bundestagsmandats für die CDU hat sich Matern von Marschall aktuell vom operativen Geschäft zurückgezogen, zuvor haben wir den Verlag dann zügig nach vorne gebracht und hatten einige große Erfolge.

Kultur Joker: Als da wären?

Corinna Zimber: Zum Beispiel der Thriller „Die Chemie des Todes“ von Simon Beckett, gesprochen von Johannes Steck. Beckett ist heute ein großer Erfolgsautor, dies war damals jedoch sein Debüt. Der Holtzbrinck-eigene Hörbuchverlag Argon hatte das Buch damals abgelehnt und wir hatten das Glück, die Rechte erwerben zu können. Becketts Erstling wurde ein großer Erfolg, der zu Rowohlt und damit zu Holtzbrinck gehörende Wunderlich Verlag verkaufte davon zwei Millionen Bücher. Unsere Hörbuchversion wurde ebenfalls zum Bestseller und wir erhielten zuerst eine goldene Schallplatte und schließlich auch eine aus Platin und das bedeutete 200000 verkaufte Exemplare. Das konnte niemand ahnen. Diese Produktion gehört bis heute zu unseren meistverkauften Titeln und solche Auflagenhöhen sind bei Hörbüchern höchst selten. Normale Auflagen bei Erstveröffentlichungen bewegen sich bei zwei- bis dreitausend, manchmal bis zu fünftausend. Der Erfolg hat auch dem Schauspieler Johannes Steck genützt, denn er suchte damals den Absprung aus der Fernsehserie „In aller Freundschaft“ und ist heute einer der begehrtesten Hörbuchsprecher überhaupt. Ein anderes Beispiel wäre Susanne Fröhlichs „Moppel-Ich“, ein Titel, den wir bis heute im digitalen Bereich sehr gut verkaufen.

Kultur Joker: Wie kommt denn der Audiobuch Verlag normalerweise an seine Titelrechte?

Corinna Zimber: Wie gesagt, fast jeder größere Buchverlag hat seinen eigenen für Hörbücher und denen werden die Top-Titel zuerst angeboten. Aber da bleibt immer noch etwas übrig. Solche Titel werden dann allgemein angeboten oder auf Auktionen verkauft. Konkret: Im Frühjahr erhalten wir das Programm der Buchverlage aus dem Herbst/Winter angeboten. Wir prüfen und entscheiden uns für die aus unserer Sicht interessanten Titel und machen dafür Angebote. Die machen andere auch und dann muss man sich eben überlegen, ob man weiter mitbietet. Mit den großen Hörbuchverlagen können wir oft nicht mithalten, aber wir haben uns doch schon gewisse Nischen erarbeitet, in denen wir bekannt sind. Da ist im Laufe der Jahre ein gutes Vertrauensverhältnis zu den Lizenzgebern gewachsen und wir arbeiten mit praktisch allen großen Verlagsgruppen zusammen.

Kultur Joker: Können Sie diese Nischen näher beschreiben?

Corinna Zimber: Wir haben uns auf Hörbücher für Erwachsene spezialisiert und speziell auf Belletristik. Da sind wir sehr breit gestreut. Da gibt es Thriller, Krimis, literarische Titel, historische Romane. Aber wir bringen auch immer wieder Unterhaltungstitel heraus, was man so allgemein hin Frauenunterhaltung nennt. Das sind unsere Schwerpunkte. Ein kleiner Bereich umfasst auch Sachtitel. In diesem Segment waren Stephen Hawkings „Der große Entwurf“ oder der Klassiker „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C.W.Ceram große Erfolge.

Kultur Joker: Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb ?

Corinna Zimber: Wir haben zwei Distributionswege. Der eine betrifft das physische Hörbuch, also die Audio- oder MP3-CD. Dieser entspricht dem klassischen Weg im Buchhandel, das heißt wir haben mit der LKG in Leipzig eine ganz normale Verlagsauslieferung. Wir haben darüber hinaus Vertreter, die in die Buchhandlungen gehen. Wir bereiten dies alles hier vor und bringen zum Beispiel eine Vorschau heraus mit den Titeln, die im kommenden Programm produziert werden sollen.
Der zweite Bereich ist der digitale Betrieb und hierbei müssen zwei Wege unterschieden werden: Da ist einmal der Download, mit anderen Worten der Kauf eines digitalen Hörbuchs. Und es gibt das Streaming, sozusagen die Leihe eines digitalen Hörbuchs über Streaming- Dienste wie Spotify oder Napster. Trotz Zuwächsen im digitalen Bereich in den letzten Jahren ist uns aber der physische Bereich nicht weggebrochen. Das ist ein besonderes Phänomen beim Hörbuch, dass wir diesen Bereich noch bewahren können und für uns auch aus wirtschaftlichen Gründen sehr wichtig. Am physischen Hörbuch verdienen wir mehr, denn die Download- und Streaming- Plattformen greifen sehr viel von der Wertschöpfung ab und man braucht deshalb im digitalen Bereich enorm hohe Stückzahlen, um eine Refinanzierung zu erreichen.

Kultur Joker: Gibt es beim Audiobuch Verlag bestimmte inhaltlich programmatische Spezialisierungen, Reihen oder Themenbereiche?

Corinna Zimber: Zunächst: Wir produzieren keine Hörspiele, also keine dramatisierten Formen mit verteilten Rollen, bei denen ein Buch die Vorlage sein kann. Wir produzieren Lesungen, reine Lesungen und dabei legen wir einen Schwerpunkt auf Krimis und Thriller. Wir verlegen solche Autoren wie den schon genannten Simon Beckett oder Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt oder Giulia Conti. Das ist sicher eine Spezialität von Audiobuch. Dann der Bereich Belletristik: Da haben wir im letzten Jahr zum Beispiel „Keyserlings Geheimnis“ von Klaus Modick herausgebracht. In aktuellen Programm ist es Peter Hoeg „Durch deine Augen“ oder wir bringen eine Neuinterpretation von Theodor Fontanes „Effie Briest“, aufgenommen mit Oliver Rohrbeck, bekannt vor allem durch die Sprecherrolle des Justus Jonas bei den „Drei Fragezeichen“.

Kultur Joker: Bei ihren Produktionen gibt es also nur einen Sprecher, der verschiedene Rollen interpretiert?

Corinna Zimber: Ja, aber hierbei muss man unterscheiden. Da gibt es das sogenannte Stimmen-Morphing, das heißt der Sprecher steigt in die verschiedenen Charaktere hinein, gibt ihnen unterschiedliche Stimmfarben. Es gibt aber auch den Typ des neutralen Erzählers, den die Hörbuch-Puristen bevorzugen, der nur leicht die verschiedenen Personen charakterisiert.

Kultur Joker: In 25 Jahren kann viel passieren. Gibt es für Sie ganz besondere Highlights oder Vorkommnisse in dieser langen Zeit?

Corinna Zimber: Außer der Reihe stand ganz klar die Becket-Produktion mit der Platin-Schallplatte. Man überreicht sie sich quasi selbst. Über den Steuerberater muss man nachweisen, dass man tatsächlich 200000 Exemplare verkauft hat und man bekommt dann per Schriftverkehr die Erlaubnis, sich mit dieser Auszeichnung zu schmücken, also da kommt niemand vorbei und überreicht etwas. Trotzdem war dies für uns eine große Freude.
Etwas Besonderes sind auch unsere Geschenk-Editionen, die wir in den jeweiligen Inhalten entsprechenden besonderen und wertigen Aufmachungen anbieten. Zum Beispiel den Hausschatz deutscher Balladen oder den Hausschatz deutscher Dichtung. Klingt vielleicht etwas altmodisch und war auch so gemeint. Die Anmutung der Verpackung erinnert an die Insel Taschenbücher aus den 20er-Jahren und darauf ist die Crème de la Crème der deutschen Sprecher vereint. Die Aufnahmen waren ein Riesenspaß. Es ist einfach grandios, wenn man miterlebt wie zum Beispiel Katharina Thalbach im Studio das Gedicht „Die Schnecke“ von Christian Morgenstern interpretiert.

Kultur Joker: Blick nach vorn: Was sind die nächsten Pläne?

Corinna Zimber: Wir arbeiten jetzt grade an unserem Herbstprogramm und das Frühjahrsprogramm läuft bereits. Einen Titel will ich besonders erwähnen, weil die Buchvorlage aus dem Freiburger Herder Verlag stammt und wir das Hörbuch in Kooperation mit Herder herausgeben. „Als der Wagen nicht kam“ von Paulus van Husen und Manfred Lütz, gesprochen von Frank Arnold, einem Träger des Deutschen Hörbuchpreises. Van Husens tagebuchartiger Text ist von seinem Großneffen, dem erfolgreichen Sachbuchautor Manfred Lütz herausgegeben worden. Er erzählt authentisch die Geschichte van Husens als Jurist mit christlichem Werte- und Weltbild, der als Richter in Berlin während der Nazizeit in innere und äußere Konflikte mit dem Regime geriet, nach dem Stauffenberg-Attentat verhaftet und ohne Beweise verurteilt und schließlich von den Russen befreit wurde.

Kultur Joker: Sie haben sich ihre Unabhängigkeit bewahrt. Geht das auf die Dauer?

Corinna Zimber: Ja, wir sind sowas wie der letzte Mohikaner der unabhängigen Hörbuchverlage. Früher gab es viele davon, aber es hat ein großer Konzentrationsprozess stattgefunden. Heute sind es die großen Buchverlage, die im eigenen Hörbuchsegment ihre Titel vermarkten. Wir sind meines Wissens der einzige Verlag relevanter Größe, der wirklich ein reiner Hörbuchverlag geblieben ist. Andere haben ihr Spektrum ausgeweitet, zum Beispiel als Agentur. Dies ist vielleicht für die Zukunft ein Vorteil, denn wir können den Lizenzgebern sagen: Wir machen euch eure Autoren nicht abspenstig und haben keine Hintergedanken in dieser Hinsicht.

Kultur Joker: Vielen Dank für das Gespräch und in diesem Sinne alles Gute für die nächsten 25 Jahre.