Organisiertes Chaos: Das Kunstmuseum Bern zeigt eine große Einzelschau mit Bildern und Installationen von Amy Sillman
Die Ausstellung hält, was der erste Eindruck verspricht – Farbe ist Bedingung der starken Malerei von Amy Sillman. Zugleich ist ein eigener Umgang mit Wänden und Räumen durch Farbe prägend. Wer die Berner Ausstellung betritt, ist auf der rechten Seite von einer zwei Stockwerke hohen Wandinstallation mit 298 Papierarbeiten von intensiver Farbigkeit umgeben. Quer durch den offenen Raum läuft ein langes Holzpult („Temporary Object“), das 41 UV-Drucke auf Aluminium präsentiert. Dazwischen hängen zwei Bilder: Das von Gelb und Grün geprägte im oberen Geschoss – gut sichtbar von der Treppe aus. Es hängt vor einer roten Wand, die den Hauptton der Wandinstallation rechts aufgreift. Das auf Erdgeschosshöhe vor Weiß gezeigte Bild ist exemplarisch für die vielschichtige Malerei mit kräftiger Farbwirkung – entwickelt aus starken Flächen und Linien – Linien, die eine Fläche als Kontur umgrenzen oder als senkrechte Zeichen Flächen organisieren oder ein Ornament bilden. Ein einzelnes Hochformat an der linken Wand der Eingangshalle lässt sich dann gleichfalls gut von der im Raum freistehenden Treppe aus betrachten. Auffallend ist, dass sich hier kaum noch von abstrakter oder figurativer Kunst sprechen lässt: Die Bilder stehen für beides. Eine Drehung weiter im Raum kommen dann die beiden Videos in den Blick und auf der breiten Wandfläche die Einführung zum Werk. Um diese zentrale Raumöffnung mit Treppe sind ringsum die eindrücklichen Bilder von Amy Sillman zu entdecken. Die Künstlerin (*1955 Detroit, lebt und arbeitet in New York City) war auf der 59. Biennale 2022 mit dem Werkensemble „Untitled“ (Frieze for Venice), 2021, vertreten, das auch in einem der Räume zu sehen ist. Hier sind nicht nur die Hochformate (Reminiszenz an Historienbilder) mit den darüber laufenden kleinen Querformaten (kleine Szenen von Ornamentik und Landschaft) zu sehen, sondern letztere sind auch noch auf ein blaues Band gesetzt, das diese beiden Register der Hängung wie eine Klammer überfängt. Dieser intensivblaue Farbton – dem Yves Klein-Blue ähnlich – prägt auch die gegenüberliegende untere Wandhälfte. Besonders ist, dass darauf nur ein einziges Bild gesetzt ist – aber so, dass ein Viertel des leichten Hochformates über die blaue Fläche hinausragt. Das Motiv dieses Bildes „Mouth“, 2011, ist selten reduziert gehalten: Eine blaue Gestalt – nur mit einem angewinkelt-aufgestellten Bein und einem Körperteil zu sehen, entlässt in ihrer Körpermitte aus dem zahnbewehrten Mund eine langestreckte blassrosa Form, die euterartig mit Penis und zwei Brüsten herabhängt. Die Baubo oder ähnlich mythenhafte Deutungen (Vagina Dentata) klingen an – die machtvoll-drohende Erscheinung des Weiblichen endet jedoch in einer androgynen Mischform. Der formelhaft konstruierte blaue Körper hebt sich – durch das Blau der Wand verstärkt – vor dem fleischfarben-blassrosa Grund zeichenhaft ab – nur rechts ist das Bild farbig markiert durch ein intensives Gelb: Rest einer mehrschichtig-untergründigen Gestaltung, die die Vielzahl der Farbbilder der Malerin charakterisiert. In einer – hier achtteiligen – Zeichnungsserie „Election Drawings“, 2016 (Kohle auf Papier) zeigt sich die mechanistische Figurenauffassung, die auch in anderen Bildern angedeutet ist („Pat“, 2017, „She/They, 2021): ein Bild des politisch reduzierten Menschen.
Beim Rundgang durch die Ausstellung wird deutlich, mit welcher malerischen Kraft Sillman zugange ist: In den Bildern leben die überlagerten Farbpartien untergründig weiter, die anfänglichen Gestaltungsideen werden zu ahnbarer Materie. Pinselstriche sind sichtbar, die von anderen Farbflächen überlagert und in kräftigen Konturen zu neuen Formen geführt werden. Ein Beispiel ist das titelgebende Bild „Oh, Clock“, 2023, das einerseits seine Konstruktion in einer Art Räderwerk an den Titel heranführt. Andererseits ist die Vielschichtigkeit als Kompression von Zeit und Raum aufgehoben: Motive sind durch fensterartige Partien zu sehen oder als Spiegelungen zu verstehen; rote Linien, von einer weißen Rundform mittig ausgehend, bilden das formale Gestänge der Zeitmessung. Aktivierende Formen mit schraffierten Flächen sorgen zusammen mit den kräftigen Farben für die Bewegung dieser „Zeitmaschine“.
In vielen der farbkräftigen Bilder mit ihrem lebendigen Untergrund erwächst ein organisiertes Chaos, in dem Flächen und Linien als Schichtungen interagieren und motivische Spuren legen. Farbleuchtende wie auch gedämpfte Tonlagen ergeben ausdrucksstarke Gemälde.
Eine weitere Schau im ersten Obergeschoss zeigt uns Amy Sillman im Umgang mit der Sammlung des Berner Kunstmuseums: In ganz ungewohnten Zusammenstellungen ergeben sich neue Beziehungen unter Werken, die sonst von ihren Eigenschaften, Gattung, Material und Entstehungszeit und den daraus üblich gewordenen Präsentationen her getrennt wahrgenommen werden. Völlig frei hat die Künstlerin durch farbige Wandzonen eine subjektiv erzählende Hängung geschaffen – von berühmten Bildern mit eigenen Werken. Das ist eine andere Form der Kuratierung der Kunst durch den Blick einer Künstlerin – es entsteht etwas unvermutet Neues – ob als Konfrontation oder Affinität.
Amy Sillman. Oh, Clock! Kunstmuseum Bern, Hodlerstraße 8 – 12, Bern. Di 10-20 Uhr, Mi – So 10-17 Uhr. Bis 02.02.25
Bildquellen
- Blick in die Ausstellung des Kunstmuseum Bern Foto: Dominique Uldry,: © Kunstmuseum Bern