Theater

Nicht so hoch hinaus: Am Theater Freiburg hat Leonid Andrejews „Hinauf zu den Sternen“ als deutsche Erstaufführung auf die Bühne gebracht

Ziemlich windig hier oben. Es ist kein gewöhnlicher Sturm, der um das Observatorium von Sergej Nikolajewitsch Ternowski (Michael Witte) weht. Es ist der Wind der Veränderung. Seine Frau Inna (Marie Goyette), sein Sohn Petja (Nico Dorigatti) sowie die wissenschaftlichen Mitarbeiter Lunz (Antonis Antoniadis) und Shitow (Henry Meyer) erzeugen ihn selbst. Während sie auf einer künstlichen Grassode vor dem Mikro stehen und mit ihren Stimmen, einer Säge und einem Glöckchen die Anweisungen des Assistenten Pollak (Moritz Peschke) umsetzen, machen andere Geschichte. Unten im Tal tobt der Kampf zwischen Revolution und Restauration. Ternowski zieht es vor die Sterne zu beobachten. Seit zwölf Jahren wohnt er mit seiner Familie in diesem Wolkenkuckucksheim. Es ist ein hoch symbolischer Rückzug von Politik und Gegenwart nachdem er Repressionen des Systems zu spüren bekam. In „Hinauf zu den Sternen“ (übers. von Susanne Rödel) erzählt Leonid Andrejew auch einen Generationskonflikt. Während der Vater sich im gleichen Atemzug wie Galileo („Der Weg zu den Sternen ist immer blutgetränkt.“) nennt, wird sein Sohn Nikolaj zu einem Märtyrer, der erst von den zaristischen Kräften gefoltert wird, dann erbärmlich in deren Gefängnis verendet. In Nicolas Charaux‘ Inszenierung für das Kleine Haus des Theater Freiburg ist beides kein ernsthafter Anlass, das eine oder andere männliche Heldentum in Frage zu stellen.
Wie der Astronom so hat auch der Autor Erfahrungen mit der Staatsgewalt gemacht. Andrejew lebte seitdem er 1905 „Hinauf zu den Sternen“ beendet hatte, im Exil. Zuerst in Berlin, dann ab 1917 in Finnland, wo er 1919 stirbt. In Russland wurde er Zeuge der Ausschreitungen nach dem so genannten Blutsonntag im Januar 1905. Die Proteste wurden mit Terror erdrückt, es kam zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung. Andrejew selbst war zwei Monate inhaftiert. Nach der Uraufführung in Wien 1906 geriet „Hinauf zu den Sternen“ in Vergessenheit. Ein Schicksal, das der Autor weitgehend mit dem Stück teilte. Das Theater Freiburg hat nun dem französischen Regisseur Nicolas Charaux die deutsche Erstaufführung überlassen.
Den anfänglichen Verfremdungseffekt, das Stück als Hörspiel zu inszenieren, lässt Charaux zugunsten einer konventionellen Inszenierung fallen, auch wenn es Potenzial gehabt hätte. Denn auch die Parallelen zur Gegenwart ziehen nicht ganz. Der Krieg gegen die Ukraine ist eben kein Bürger-, sondern ein Angriffskrieg, man ahnte jedoch etwas von den Wiedergängern der russischen Geschichte. Charaux versucht es während der Dauer von gut 100 Minuten mit einer psychologischen Deutung, die jedoch nicht verfängt. Es will dem Freiburger Ensemble einfach nicht gelingen, den Figuren Leben einzuhauchen. Da ist vieles zu laut, zu übersteuert, was durch die Videoprojektionen noch verstärkt wird. Die Figuren bleiben farblos, da helfen weder der präkommunistische Chic – Catia Palminha hat für Inna Alexandrowna Ternowskja ein Kostüm im Tigerprint entworfen, für ihren Gatten hingegen einen Schlafrock (oder ist es doch ein Magiermantel?) – noch die grünliche Gesichtsfarbe. Sie löst sich je weiter die Inszenierung voranschreitet ab, so dass alle nach einer gewissen Zeit damit beschäftigt sind, sie sich in Fetzen abzuziehen. Ohne, dass man wüsste, was einem das sagen sollte. Sind die Zeiten der Restauration gezählt oder müssen die Menschen jetzt ganz ungeschützt sich der Sonne aussetzen? Es gibt einige dieser Ungereimtheiten und auch die Dramaturgie überzeugt nicht, wenn am Ende erst Marussja (Charlotte Will), Nikolajs Verlobte die Rachefantasie einer Stadt mit Namen Hinauf zu den Sternen im wilden Furor entwirft und dann auch noch wortreich Ternowski das Scheitern seines Lebensentwurfs beklagt. Von dieser Inszenierung jedenfalls wird kaum eine Wiederentdeckung von Leonid Andrejews ausgehen.

Weitere Vorstellungen: 19. und 31. März im Kleinen Haus des Theater Freiburg.

Bildquellen

  • (v.l.n.r.): Henry Meyer, Mara Widmann, Marie Goyette, Nico Dorigatti: Foto: Laura Nickel