InterviewKunst

Neudefinition der Kunst: Im Gespräch mit Ulrike Rosenbach, Künstlerin

Vorausgeschickt sei, dass wir uns persönlich kennen: durch den Gabriele Münter Preis (GMP), mit dem du 2004 ausgezeichnet worden bist – nur einer deiner vielen Preise –, durch unsere Jury-Tätigkeit zum GMP 2007 und später in deiner Zeit als GEDOK-Präsidentin durch gemeinsame ehrenamtliche Arbeit im Vorstand der IGBK in Berlin.
Deine Einzelausstellung im ZKM (Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe) war eine große Retrospektive aus Anlass deines 80. Geburtstages und ein Ereignis für das Publikum. Gezeigt werden über 120 Werke – darunter mehr als 70 Videos und große installative Arbeiten. Darüber wurde im Kultur Joker in der Septemberausgabe bereits berichtet – mit biografischen Einzelheiten und äußeren Entwicklungen bis zu deiner Hochschulkarriere als Rektorin in Saarbrücken.
Diese „Lebenswerkschau“ vermittelt die große Reputation, die du als Künstlerin mit deinen Arbeiten seit den 1970er Jahren international erworben hast. Damals bewegten weltweit Künstler­innen die Gesellschaft und brachten mit neuen Themen ihren Teil an der Geschichte der Kunst ein. Diese Feministische Avantgarde hast du als Person und mit deinen Werken prominent mitgeprägt. Das Gespräch führte Susanne Meier-Faust.

Kultur Joker: Der Einsatz des eigenen Körpers wurde für viele Künstlerinnen der Feministischen Avantgarde das Mittel der Wahl – welche Gründe waren für dich als Bildhauerin wichtig oder ausschlaggebend und führten zu welchen Ergebnissen?

Ulrike Rosenbach: Der Einsatz des eigenen Körpers ist ja Voraussetzung für die Ausführung einer Aktion. Außerdem gab es in der Periode der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts ja die amerikanische Popart und die ersten sogenannten Happenings von Claas Oldenburg oder Alan Kaprow. Es wurden in der künstlerischen Plastik Objekte für den eigenen Körper geschaffen, neue Materialien ausprobiert und in der Klasse von Joseph Beuys gab es genügend künstlerischen Freiraum für diese neue Periode des künstlerischen Schaffens – eine sehr wichtige Zeit, in der die Gesellschaft nicht nur mit den gesellschaftlich-politischen Anfragen der Student:innen konfrontiert war, sondern auch mit dem neuen Freiheitsanspruch der Künstler:innen, die akademischen Grenzen ästhetischer Definitionen zu sprengen.

Kultur Joker: War der Schritt von der Zeichnung und Fotografie zu zeitbasierten Arbeiten wie der Video-Aufnahme und der Performance zwangsläufig und was war für dich der Unterschied zum Happening der 1960er Jahre oder zur Aktionskunst der 1970er Jahre? Gab es für dich diesen fließenden Übergang zwischen Kunst und Leben, von dem immer wieder im Kontext von Fluxus, Aktions- und Performancekunst die Rede ist? Sahst du dich damals als Aktionskünstlerin?

Rosenbach: Ich hatte zu der Zeit eine Serie von Objekten für den eigenen Körper in Arbeit, die ich aus neuen ungewöhnlichen Materialien fertigte und natürlich auch am Körper sehen wollte: die „Haubenobjekte“. Ich ließ sie auf meinem Kopf wie Modeobjekte fotografieren und schließlich wollte ich in Aktion Bewegungen damit festhalten. Ich erstand eine einfache analoge Videoausrüstung und die Arbeit mit der Videokamera wurde immer mehr zum Zeugen meiner Körperbewegungen, meiner kleinen Aktionen. Da ich Studentin von Joseph Beuys war und natürlich interessiert an seinen Aktionen und dem Umgang mit Materialien in der Aktion, war das mein Ansatz, um eigene Aktionen zu machen. Der Unterschied zu den Happenings der Pop Art Künstler lag darin, dass bei Happenings das Publikum an der Gestaltung mitwirken soll, also sozusagen die erste „participation art“, so der heutige Begriff. Daran hatte ich schon deswegen kein Interesse, weil ich gerne minimalistisch und konzeptuell arbeite, also mit strengerer ästhetischer Formgebung, an der ich als Bildhauerin interessiert war.

Kultur Joker: Mit deinem starken Bezug zum Rheinland, hattest du Kontakt mit dortigen Mitgliedern der Fluxusbewegung?

Rosenbach: Ich war in freundschaftlichem Kontakt mit den Künstlern der Fluxusbewegung, die nach Düsseldorf kamen und in Kontakt mit den Düsseldorfer Galerien Konrad Fischer (concept art) und Gerry Schum (Videokunst) standen, die damals mit maßgeblich waren für die Avantgarde des künstlerischen Lebens in Düsseldorf.

Kultur Joker: Welche Vorbilder in der Kunst gab es für dich damals? Gab es die überhaupt?

Rosenbach: Ich war vor allem von den Fluxus-Konzerten von Nam June Paik und Charlotte Moorman beeindruckt, ebenso wie von den Videoarbeiten der amerikanischen Künstler, die ich bei Gerry Schum kennenlernte. Das waren meine rheinischen Bezugspunkte neben dem internationalen feministischen Netzwerk, das eher in den USA oder auch Berlin zusammenlief.

Kultur Joker: War dir damals bewusst, dass die visuellen Techniken Film und Video als Medien noch nicht von der männlich geprägten Kunstszene dominiert oder „besetzt“ waren?

Rosenbach: Alles war Neuland, die Prämisse der Innovation war die absolute Voraussetzung für die künstlerische Arbeit der internationalen Szene. Innovative, also neue Form- und Farbgebung ist ja die Bestimmung einer Avangarde. Was nicht heißt, dass ich mir dessen bewusst war, eine solche Neudefinition der Kunst mitzuschaffen. Ich machte meine Arbeiten einfach immer mit dem Anspruch, dass es etwas Neues sein sollte und etwas, das mit mir zu tun haben musste, um die althergebrachten akademischen Gesetze in der Kunst infrage zu stellen.

Kultur Joker: Dank der technischen Möglichkeiten des ZKM mit Digitalisierung und Restaurierung verschafft die Schau mit Arbeiten der Jahre 1968/70 bis 2020 einen großartigen Einblick in dein Werk, das aber noch umfassender ist. Hättest du gerne weitere Arbeiten gezeigt, die auch zu den Marksteinen deines künstlerischen Werks gehören?

Rosenbach: Die Ausstellung im ZKM „Heute ist Morgen“ zeigte einen Überblick, aber nicht alle Werke. Der Themenkreis der Arbeiten um die Kinder, z. B. die große Medienarbeit „Im Palast der Neugeborenen“, ist nicht dabei, weil die dafür notwendigen Computer und sieben Videoprojektoren in anderen wichtigen Werken gebunden waren, technische Gründe also. Und die Medienplastik „Über den Tod“ zeige ich zur Zeit in der Ausstellung „Vom Körper zum Geist“ in der Galerie Gisela Clement in Bonn, zusammen mit der Rauminstallation „Schmelzprozesse“ aus dem Themenkreis der Arbeiten „Über die Engel“.

Kultur Joker: In deiner Schau im ZKM konnte das Publikum das eindrucksvolle „Re-Enactment“ deiner Performance „Die einsame Spaziergängerin“ von 1979 in deinem Beisein erleben. Wie hast du selbst das empfunden?

Blick in die Ausstellung im ZKM © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Felix Grünschloß

Rosenbach: Die Wiederaufführung meiner Medienperformance „Die einsame Spaziergängerin“ 1979 im Folkwang Museum in Essen ist wirklich wunderbar gelaufen. Die junge Tanzstudentin der Folkwang Universität der Künste hat klassisch gute Arbeit geleistet in dieser doch stark choreografierten Konzeptperformance. Dennoch war ich so aufgeregt, als hätte ich die Performance selbst ausgeführt, eine seltsame Beobachtung.

Kultur Joker: Eine deiner prägnantesten Arbeiten ist „Glauben Sie nicht, dass ich eine Amazone bin!“, in der du durch Überblendung mit dem Madonnenantlitz von Stefan Lochner im Akt der Durchbohrung mit Pfeilen ebenso dein Gesicht triffst. Mit dieser Inkunabel innerhalb deines Werks hast du einen neuen ikonographischen Akzent Kölner Kunstgeschichte gesetzt: Hast du die Lochner-Madonna aus einer Verbindung zu Köln gewählt?

Rosenbach: Ich habe 20 Jahre in Köln gewohnt. Die Wahl der Madonna war rein intuitiv und natürlich gebunden an Köln, denn da befindet sich der Altar mit der „Madonna im Rosenhag“ von Stefan Lochner aus dem 15. Jahrhundert. Das Gemälde war oft in Kunstbüchern als Paradebeispiel für mittelalterliche Altarmalerei abgebildet.

Kultur Joker: Nachdem dein Werk als das einer international renommierten, aber eben feministischen Künstlerin vom Kunstmarkt damals boykottiert wurde, ist es nun seit vielen Jahren durch Galerien vertreten. Gibt es durch die große retrospektive Ausstellung im ZKM nun vermehrt Kunstmarkt-Anfragen bzw. Pläne für weitere Museumsausstellungen – angeregt durch die umfassende Präsentation im ZKM?

Rosenbach: Für die nächste Zeit gibt es bis 2025 keine internationale Einzelausstellung von der Größe wie im ZKM. Das ist für so eine große Ausstellung auch normal. Die meisten Museen verfügen nicht über die technische Kapazität, um eine derart umfassende Einzelausstellung von mir zu realisieren. Das ZKM als Museum für Kunst und Medien ist tatsächlich in Europa ein sehr ungewöhnliches Ausstellungsinstitut.

Kultur Joker: Liebe Ulrike, herzlichen Dank für das Gespräch!

Bildquellen

  • Blick in die Ausstellung im ZKM: © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Felix Grünschloß
  • Ulrike Rosenbach: © ZKM Foto: Felix Grünschloß