Musik- und Tanztheater „Melancholia“ am Theater Basel

„Einsamkeit, du Qual der Hertzen“

Wie tanzt man Melancholie? Mit sanften, ersterbenden Bewegungen? Mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern? Sebastian Nübling und Ives Thuwis (Inszenierung und Choreographie) wählen am Theater Basel einen anderen Weg.

Musik- und Tanztheater „Melancholia“ am Theater Basel
Bryony Dwyer, junges theater basel © Sandra Then


Beim stark beklatschten Tanzabend „Melancholia – Méditation sur ma mort future“ (Nachdenken über meinen zukünftigen Tod) sind 19 Jugendliche auf der Bühne, die ganz im Hier und Jetzt zuhause sind. Ein Smartphone hat jede und jeder dabei. Ihre Bewegungen sind so vielfältig wie ihr Temperament und ihre Kleidung (Kostüme: Marion Münch). Da wird der eigene Stil getestet und in der Masse Individualität geprobt. Da versucht man sich abzugrenzen, bleibt aber doch in Codes gefangen. Auf der Bühne steht auch das LaCetra Barockorchester Basel unter der Leitung von Andrea Marcon. Die Formation ist ähnlich beweglich wie die Jugendlichen, formiert sich zu unterschiedlich starken Gruppen und verlässt auch immer wieder zumindest in Teilen die ganz in schwarz gehaltene Bühne von Muriel Gerstner. Die insgesamt achtzehn Barockstücke (unter anderem von Monteverdi, Purcell, Dowland, Froberger, Eccles) strukturieren den etwa zweistündigen, ohne Pause gegebenen Abend in ebenso viele unterschiedliche Szenen. Häufig ist der Charakter der Musik nicht die Grundlage der Choreographien, sondern es entstehen bewusst gesetzte Kontrapunkte. Auf ruhige, weit ausgreifende Melodielinien folgen ganz schnelle Bewegungen. Die Tänzerinnen und Tänzer haben ihren ganz eigenen Rhythmus. Abgesehen von den wenigen Synchrontänzen entwickelt jeder einzelne individuelle Moves oder Gesten.

Nicht immer schafft es der kleinteilige Abend, einen größeren Spannungsbogen aufzubauen. Dafür sind die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen zu wenig ausgestaltet. Auch wirkt manches eher wie ein mehr oder weniger zufälliges Ergebnis eines Workshops und nicht wie ein Teil eines größeren Ganzen. Aber es gelingen auch viele Szenen, die sich einprägen. Wenn der vorzügliche Countertenor Tim Mead Johann Philipp Kriegers „Einsamkeit, du Qual der Hertzen“ singt und sich drei Mädchen zu ihm auf dem Boden setzen, um seinem Gesang zu lauschen, dann berührt das genauso wie der Junge mit Krawatte, der die ganze Zeit gemobbt wird, aber am Ende doch ein großes Solo tanzt und in den Bewegungen regelrecht aufblüht. Schön skurril wirken die Situps, die von einem durchtrainierten Jugendlichen zu mehreren Minuten sanfter Musik gemacht werden. Bewegend der Gesang von Sofia Pavone (Mezzosopran) und Bryony Dwyer (Sopran), deren intimer Ausdruck im größten Gegensatz zu der Horde sie filmender Jugendlicher steht.

Aber auch die Videokunst von Tabea Rothfuchs hat starke Bilder, wenn sich ein junges Mädchen aus lauter Selfies ein Gesamtkunstwerk auf die Leinwand projiziert. Die Streicher, Zinken und Theorben des vorzüglichen Instrumentalensembles mit Andrea Marcon an Cembalo und Orgel führen durch den manches Mal etwas undurchsichtigen Abend. Und entfalten zarte Melancholie, die Raum schafft zum Nachdenken.

Weitere Vorstellungen: 3./4./ 9./10./18./24. Juni, jeweils 19.30 Uhr (Einführung: 19 Uhr).

Georg Rudiger

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