Nachhaltig

Mehr Amsterdam wagen! Oder Paris, Kopenhagen!

„Autofahren bedeutet Freiheit, Flexibilität und Privatsphäre, im ländlichen Raum und im Alter außerdem Teilhabe und Selbstbestimmung“, dachte Katharina (Name geändert), die in Freiburg Kappel nun schon zum dritten Mal die Straßenseite wechselte, weil der Gehsteig mal auf der einen, mal auf der anderen Seite nicht breiter als ein Din-A4-Blatt ist und somit auch für schlanke Personen auf Krücken völlig unbrauchbar ist. Ob Verkehrsminister Wissing, auf den dieser Satz zurückgeht, wohl wirklich die Freiheit der Autofahrenden meinte, schwungvoll durch Pfützen zu brettern und den Passant:innen das dreckige Wasser auf die Klamotten und die Abgase in die Lungen zu schleudern? Die Selbstbestimmung derjenigen, die nicht Auto fahren können oder wollen, hatte er dabei offenbar nicht im Blick.
Katharina kennt den Weg auch bei gutem Wetter und zu Fuß. Von der Schattenseite aus betrachtet, verdeckt die schäbige Leitplanke den Blick auf den lebendig plätschernden Bach. Der großzügig verbaute, graue Stahl ist einzig für die Autos notwendig. Wie wäre es wohl, wenn man die Leitplanke mit Blumen überwuchern oder mit endlos langen Transparenten behängen würde, welche die Landschaftsverschandelung anprangern? Auf der Sonnenseite gleicht der Gang auf dem schmalen Rest-Gehsteig einem Balanceakt auf dem Schwebebalken. Seitenwechsel bis zur Haustreppe, die nur 30 cm Gehsteig zulässt. Dann wieder zurück. Für Radwege ist gar kein Platz übrig.
Die ‚Gesellschaft für Konsumforschung‘ veröffentlichte kürzlich eine Untersuchung, in der 77 Prozent aller Befragten angaben, „das Auto sei unverzichtbar, um ihre Mobilität im Alltag sicherzustellen.“ „Doch so viele?“, könnte man sich ungläubig fragen, aber die methodische Schwäche der Studie liegt darin, dass ausschließlich Personen befragt wurden, die ein Auto besitzen oder sich gerade eines gekauft haben – zu Rekordpreisen. Allein der Anschaffungspreis für einen Gebrauchten hat sich innerhalb von 10 Jahren verdoppelt und liegt nun im Mittel bei 18.000 Euro. Die Anschaffungskosten für Neuwagen erreichen mit durchschnittlich 43.000 Euro ein Allzeithoch. Es geht also um 77% einer Gruppe, die bereit und in der Lage ist, solch Summen auszugeben. Sie repräsentiert keinesfalls den Bevölkerungsquerschnitt.
Einer Statista-Umfrage zufolge leben 12,7 Millionen Personen in Haushalten ohne Auto. Von den 84 Millionen Einwohner:innen Deutschlands haben 13 Millionen Erwachsene keinen Führerschein. Dazu kommen etwa genauso viele Kinder. Die Anzahl der Alten, die trotz Führerschein-Besitz nicht mehr Autofahren wollen, können oder es besser lassen sollten, ist sicher nicht unerheblich. Die Liste der Gründe, warum Menschen nicht Autofahren können oder wollen, ließe sich endlos fortsetzen. Diese riesige Gruppe wird vollständig übersehen, wenn das Auto als etwas „Unverzichtbares“ in die Schlagzeilen gehievt wird.

Verkehrswende-Demonstration auf dem Museumplatz in Amsterdam 1977 Bildquelle: https://www.amsterdam.nl/nieuws/achtergrond/strijd-tussen-auto-fiets/

Dafür, dass in einem 84 Millionen-Einwohner-Land 81 Millionen Fahrräder existieren, ist die Fahrradinfrastruktur und auch die öffentliche Debatte darüber wahrhaft bescheiden. „Warum meine Lieben Mitbewohner:innen? WARUM begehrt ihr nicht mehr auf?“ fragt die Mobilitäts-Aktivistin Katja Diehl angesichts dieser Zustände. Vielen Menschen würde schwindelig, wenn sie einmal ausrechneten, wieviel Lohn-Arbeitszeit sie allein darauf verwenden, Anschaffung, Unterhalt, Steuern, Versicherungen, Reparaturen und Treibstoff finanzieren zu können. Und manche würden verzweifelt den Taschenrechner beiseitelegen, wenn sie versuchten zu errechnen, wie sie mit ihrer Gesundheit für das eigene Auto und das der anderen bezahlen. Katharina geht im Geiste die Leute mit den Fahrerjobs durch, die ihr irgendwann begegnet waren. Alle sind übergewichtig, unbeweglich und einige haben üble Rückenprobleme von der Sitzerei. Dann fallen ihr allein 3 Freundinnen ein, die ihre Mütter in den 1960ern durch tödliche Autounfälle verloren haben. In allen drei Fällen waren es die Mütter. Zufall? Ach und dann noch Lars und Susanne, die durch den betrunkenen Fahranfänger getötet wurden. Jürgen, der zu Fuß von dem Raser totgefahren wurde. Simon, der den Sekundenschlaf unterschätzt hat und an der Autobahn-Leitplanke umkam. So viele! Alle, die diese Zeilen lesen, kennen ähnliche Fälle, sie werden womöglich kurz innehalten und sich an ihre Freunde und Bekannten erinnern, die im Straßenverkehr getötet wurden. Allein 2022 waren es 2770 Menschen.
Der Verkehrsminister bezeichnete dieses Problem kürzlich als „das verheerendste und drängendste im gesamten Transportsektor“. Er mahnte an, dass dieses Thema „dramatisch mehr Aufmerksamkeit verdient, als es bekommt“. Hier zerbricht man sich den Kopf über die Rettungsmilliarden für Fluggesellschaften, über ressourcen-intensive E-Fuels, über noch mehr Autobahnen oder darüber, wie man ein Tempolimit verhindert. Dass die Verkehrstoten dabei ausgeblendet werden, „mag daran liegen, dass wir uns so sehr daran gewöhnt haben. Aber das darf nicht so sein!“ Sollten sich an dieser Stelle die ersten ob der eindringlichen Worte ungläubig die Augen reiben: sie stammen natürlich nicht aus dem Munde des deutschen, sondern des amerikanischen Verkehrsministers. Hierzulande klebt man sich an das Motto ‚Freie Fahrt für freie Bürger‘ fest und hat mit ‚Vision Zero‘, also ‚Null Verkehrstote‘, nichts am Hut.
Den Verkehr behindern, ohne dass man von zorngeröteten Schreihälsen aus dem Weg gebrüllt wird, dürfen hierzulande nur Traktoren, Gelbwesten, Querdenkerinnen und Zweite-Reihe-Parker. Bei unseren niederländischen Nachbar:innen wurde in den 1970ern der Widerstand gegen die vielen Verkehrstoten geweckt. Gemessen an der Anzahl der Autos pro Fläche waren die Niederlande seinerzeit ein extremes Autoland. Die großartige Fahrrad-Infrastruktur dort ist nicht vom Himmel gefallen, dafür haben viele Eltern die Straßen blockiert. Mit der Kampagne „Stop de Kindermoord“ sorgten sie für elementare Veränderungen.
Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf veröffentlichte kürzlich auf seinem Twitter-Account stimmungsvolle Bilder aus den von Blechlawinen befreiten Straßen von Amsterdam. Autoparkplätze wurden zu Blumenbeeten und Fahrrad-Stellplätzen umgebaut: „Berlin: in der Verkehrspolitik bitte mehr Amsterdam wagen! Oder Paris, Kopenhagen! Wer das erlebt hat will nie wieder zur Autostadt von gestern zurück.“ „Stadtflanier-Feeling und Straßencafe-Glück“, reimt die Autorin weiter und hofft drauf, dass pfiffige Musiker:innen den nächsten Sommerhit daraus machen.

Bildquellen

  • Verkehrswende-Demonstration auf dem Museumplatz in Amsterdam 1977: Bildquelle: https://www.amsterdam.nl/nieuws/achtergrond/strijd-tussen-auto-fiets/
  • Fahrräder in Amsterdam: Foto: Helena Jankovičová Kováčová via pexels