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Kaspar Hauser wird im Theater Basel zur Chiffre für deutsche Geschichte

Die Familie als Zwangsanstalt

Wäre Kaspar Hauser nicht ein Mensch gewesen, man hätte ihn glatt für einen Mythos halten können. Und zu seinem Unglück wurde das Findelkind, das 1828 in Nürnberg aus dem Nichts auftauchte, auch so behandelt. Ersan Mondtag inszeniert das Schauspiel am Theater Basel als Geschichte einer deutschen Unternehmensdynastie.

Elias Eilinghoff, Benny Claessens, Cathrin Störmer in „Kasper Hauser“ am Theater Basel. ©Birgit Hupfeld

Genau genommen waren es gleich zwei völlig konträre Vorstellungen, die seine Zeitgenossen auf Kaspar Hauser projizieren konnten: Wolfskind und badischer Thronanwärter. Beide absolut literaturtauglich, wie sich etwa in Bearbeitungen von Rilke, Trakl und Verlaine zeigen sollte. Olga Bach hat in einem Auftragswerk für das Theater Basel beide Aspekte fruchtbar gemacht.

Ihr Stück „Kaspar Hauser und Söhne“ erzählt eine sehr deutsche Geschichte einer Unternehmensdynastie. Anders als der historische Kaspar Hauser, der 1833 erstochen aufgefunden wurde und an seinen Verletzungen starb, hat der Basler Kaspar Hauser also Nachfahren. Der Einfachheit halber werden sie durchgezählt. Die Familie ersetzt die Kerkerhaft.

Inszeniert hat das Schauspiel Ersan Mondtag, 1978 in Berlin geboren, und gilt als viel beachtetes Talent. Gerade hat er sich als Nachfolge von Chris Dearcon an der Berliner Schaubühne ins Spiel gebracht. Die Uraufführung kennt vier verschiedene Zeiträume, es sind die Jahre 1940, 1960 sowie 1990 und die Gegenwart. Eingeleitet werden diese vier Akte durch Filme von Florian Seufert, die die Berichte Kaspar Hausers aufgreifen.

Wären da nicht die übersteigerten Sinnesreize, die Videosequenzen wirkten im Vergleich zum Bühnengeschehen beinahe naturalistisch. Innerhalb der Inszenierung, die auf einen radikalen ästhetischen Zugriff setzt, bleiben sie Fremdkörper, auch wenn Motive und Requisiten in das Bühnengeschehen diffundieren, so wie auch lyrische und liedhafte Bearbeitungen des Stoffes auf der Bühne zu hören sein werden. Die Filme tragen zudem nicht unbeträchtlich zur Länge von vier Dreiviertelstunden bei.

Das Ensemble hat durchgehend Fatsuits von fahler Farbe an, die Fettwülste sind dunkel schattiert, das Haar schütter. Die Frauen haben mehr oder weniger modellierte Brüste, unter den enormen Bäuchen der Männer ragt das Geschlecht hervor, die Gesichter sind wie für einen expressionistischen Stummfilm geschminkt.

Gesprochen werden verhackstückelte Sätze, die Kaspar Hausers Redeweise imitieren. Das Haus, in das Mondtag seine Darsteller steckt, zwingt sie zum Einknicken und wirkt wie ein Spielzeug, das die Familie dann in sechster Generation herstellen will (Kostümbild: Ersan Mondtag, Annika Lu Hermann). Doch noch ist Familie Hauser im Rahmengeschäft tätig. Da wird gesägt, geschmirgelt und vergoldet, nur der Großvater Kaspar 2 (Thiemo Strutzenberger) entzieht sich allem, er ist einer der Kriegszitterer, der dem Ersten Weltkrieg nur traumatisiert entkam. Sein Sohn (Urs Peter Halter), überhaupt ziemlich gewalttätig, wird ihn dem Euthanasieprogramm der Nazis überantworten.

Olga Bach lässt kaum etwas aus: Arisierungen, der Wiederaufbau, die Rettung des Ostens nach der Wiedervereinigung durch billige Rahmen, selbst eine Geschichte des Drogenmissbrauchs ist dem Stück eingeschrieben. Und eine schwule Beziehung gibt es auch noch zwischen Kaspar 4 (Benny Claessens) und dem Maler Oskar (Thiemo Strutzenberger), auch hier erweist sich die Familie als Gefängnis.

Die weibliche Linie erzählt keine alternative Geschichte, sie versucht geschäftliche Entwicklungen zu korrigieren, in den 60er Jahren wird Judith (Vincent Glander), die Frau von Kaspar 2, aus dem Exil auftauchen und aus dem Haus geworfen werden. Später bildet F4 (erneut Vincent Glander) das erkaltete Herz dieser Familie.

Es fällt nicht leicht, sich zwischen den Generationen zurechtzufinden und unter der symbolischen Last und der Länge von „Kaspar Hauser und Söhne“ nicht zu ächzen. Zu selten schwimmt sich die Inszenierung, die oft auch grotesk-komische Seiten hat, frei.

Annette Hoffmann

Weitere Vorstellungen: 7./10./28. Mai im Schauspielhaus des Theater Basel. www.theater-basel.ch