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Kunst | Mai 2018 | von Cornelia Frenkel

Reinhold Nägele: „Chronist der Moderne“-Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart

Reinhold Nägele hielt den Wandel Stuttgarts zur modernen Großstadt künstlerisch fest. Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt derzeit 90 Gemälde, Radierungen und Hinterglasmalereien des schwäbischen Malers und Grafikers .

Reinhold Nägele: „Abbrucharbeiten am alten Stuttgarter Bahnhof“, 1924 (Ausschnitt).

Die künstlerische Eigenständigkeit des Malers und Grafikers Reinhold Nägele (1884 – 1972) ist bereits in seinen frühen Werken, mit denen er sich im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts als Beobachter des zeitgenössischen Lebens erweist, unübersehbar. Aufmerksam hat er die technische Entwicklung in Stadt und Land ins Visier genommen, aber auch die Atmosphäre von Volksfest und Zirkus; bildlich veranschaulicht er zudem Ereignisse des Kunstbetriebs sowie politische Vorkommnisse, etwa die revolutionären Umbrüche 1918/19.

Reinhold Nägele bezieht sich gegenständlich und abbildend auf die Wirklichkeit, aber nicht nachahmend; seine Bilder analysieren vielmehr und führen etwas vor Augen, wobei an den von ihm wahrgenommenen Vorgängen stets Bizarres aufscheint, das zum Staunen und Denken anregt, so der städtebaulich rasante Wandel Stuttgarts hin zu einer modernen Großstadt.

Auf seinen Bildern sind meist zahllose Menschen gegenwärtig, visualisiert als kleine Figuren, die sich z.B. in einem aus ungewöhnlichen Perspektiven geschilderten Stadtverkehr als Fußgänger bewegen – im riskanten Miteinander von Straßenbahnen, Autos, Last- und Pferdewagen. Sukzessive hält Nägele zwischen 1914 und 1918 den Abbruch des ehemaligen Bahnhofs fest sowie den Entstehungsprozess des Neubaus; auch registriert er baugeschichtliche Innovationen wie den „Tagblattturm“ (1928), den Ausbau von Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung sowie die Folgen von Telegrafenmasten, Schienen und Signalanlagen auf die Landschaft.

Charakteristisch für seine Bilder und Bildszenen ist eine sachbezogene Bestandsaufnahme, die mit optischen Mitteln etwas erzählt und damit über Fotografie und bloße Dokumentation hinausführt.

In einem Raum der Ausstellung erschließen sich anhand von Bildern, Texten und Filmen biographische Zusammenhänge: 1933 muss Reinhold Nägeles Frau Alice, jüdischer Herkunft, ihre medizinische Praxis in Stuttgart aufgeben, die drei Söhne werden rasch einem englischen Hilfskomitee anvertraut. 1939 flieht auch das Ehepaar ins Exil, reist über Paris und London nach New York; Vieles musste zurückgelassen werden und ging verloren.

In New York, wo Nägele für einen Verlag arbeitet, entstehen neue Bilder. Nach dem Tod seiner Frau 1961 kehrt er nach Stuttgart und in seine Geburtsstadt Murrhardt zurück. Bis zu seinem Tod widmet er sich hier insbesondere der Hinterglasmalerei; bei deren Betrachtung fragt man sich, was ihn an einer spiegelverkehrten Welt wohl derart fasziniert hat? Die eindrucksvolle Ausstellung kann mit neuentdeckten Exponaten aufwarten sowie mit einem aufschlussreichen Katalog.

Cornelia Frenkel

Reinhold Nägele. Chronist der Moderne. Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1. Di-So 10-18 Uhr, Fr 10-21 Uhr. Bis 3. Juni 2018. www.kunstmuseum-stuttgart.de