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Theater | September 2019 | von Marion Klötzer

Im Tanzprojekt „Grenzland“ am Theater Freiburg verarbeiten Männer ihre Krebs-Erfahrungen

Ringen um Stolz und Autonomie

Nach den Frauen sind die Männer dran: Mit dem Tanzprojekt “Grenzland” bringen 17 Männer ihre Krebserfahungen auf die Bühne des Werkraums des Freiburger Stadttheaters. Die Übergänge zwischen meditativen Sequenzen und geballter Männlichkeit samt dynamischer Kampffiguren sind fließend, der Gänsehautfaktor hoch.

© Britt Schilling

Simon Winiger und Anton Bauer in “Grenzland” am Theater Freiburg.

Im Dezember 2017 feierten die beiden Choreografen Monica Gillette und Gary Joplin mit dem Tanz- und Theaterprojekt „Die Krone an meiner Wand“ im Theater Freiburg Premiere: 24 Frauen brachten hier ihre Krebs-Erfahrungen auf die Bühne des Werkraums. Beeindruckend waren nicht nur die große Offenheit und Durchlässigkeit, sondern auch die tänzerische Qualität. Das Publikum jedenfalls war begeistert, das Interesse an einer Fortsetzung groß.

So arbeiteten Gillette und Joplin ab November 2018 weiter mit 17 Männern im Alter zwischen 16 und 69. Auch hier wieder das Ziel: Persönliche Begegnungen mit dem „König aller Krankheiten“ mittels Bewegungsprozessen zu erforschen und erlebbar zu machen. „Grenzland“ so der Titel dieser einstündigen Produktion in Kooperation mit den beiden Vereinen „Fördergesellschaft Forschung Tumorbiologie“ und „Jung und Krebs“. – Gleiches Thema, gleiches Arbeitswerkzeug und Konzept also – und doch ein ganz anderes Ergebnis, wenn auch mit Gänsehautfaktor.

Jeweils zwei lange Sitzreihen stehen sich gegenüber an den Wänden, die Tänzer mischen sich unter das Publikum, der Raum dazwischen fungiert als Bühne. Auch dieses Setting ist bekannt, genau wie das folgende Kraftritual: Wie eine wachsende Zelle stoßen im hellen Saallicht nach und nach immer mehr Akteure zu der Dreiergruppe in der Mitte, schmiegen sich Rücken an Rücken, legen ihre Hände auf die Schultern ihres Nachbarn, atmen im selben Rhythmus.

Ein eng verwobener Knoten ganz unterschiedlicher Körper, der plötzlich explodiert: Wilder Tumult bricht los, wütende Ausrufe wie „Fuck!“ oder „Was soll’s!“ schälen sich aus dem babylonischen Stimmengewirr, auseinandergesprengt entwickelt jeder einzelne nun seine ganz individuellen Bewegungsloops. Nur kein Weich-Ei sein, bloß keine Rührseligkeiten, schließlich braucht die Kampfansage an den Krebs alle Kraft und Entschlossenheit!

Dieser Widerstand, das Ringen um Stolz und Autonomie im Spannungsfeld mit gängigen Männlichkeitsbildern und der Grenzerfahrung von Leid und Ohnmacht ist dann auch das eigentliche Thema dieses Abends: Wie sich öffnen, Unterstützung und Mitgefühl annehmen und spenden, vor allem sich zärtlich und heilsam berühren fern sexueller Ambitionen? – Die Akteure haben es sichtbar geschafft: Immer wieder stützen und führen sie einander in komplexen Kontaktimprovisationen oder synchronen Gruppenchoreografien – sichtbar vertraut, mit hoher Aufmerksamkeit und viel Augenkontakt.

Soviel in Tanz transformierte Solidarität gab es auch im Vorgängerprojekt, trotzdem unterscheiden sich immer wieder Bewegungsmaterial und Ausdruck: Fließend sind die Übergänge zwischen meditativen Sequenzen und geballter Männlichkeit samt dynamischen Kampffiguren, die sich aufbrechen und sich verwandeln: Aus rhythmisch-kraftvollem Stampfen wird geschmeidiges Fließen, aus Comic-Schlachtrufen harmonisches Summen und Singen.

Den eindringlichen Soundtrack dazu produziert Sora Sam live am Bühnenrand mit E-Gitarre, Stimme und Loop-Station: Mal chillig-verträumt oder rockig mit fetten Beats. Die Klammer bilden wieder auf Gaze-Vorhänge projizierte Video-Statements: „Ich leb jetzt anders, Krebs gehört zu mir“, beschreibt einer seinen Bewusstseinssprung im Grenzland zwischen Gesund-und Krankheit. „Krebs ist wie Darth Vader und Voldemort“, erzählt ein anderer über die Reaktionen auf seine Diagnose, statt Stigmatisierung wünscht er sich „die Angst raus zu nehmen“, einen offenen, normaleren Umgang. Dieses Projekt leistet einen wichtigen Beitrag dazu.

 

Was: “Grenzland”
Wann: Vorstellungen ab Oktober im Wechsel mit „Die Krone an meiner Wand“
Wo: Theater Freiburg, Bertoldstraße 46, 79098 Freiburg, Werkraum
Web: www.theater.freiburg.de