Im Gespräch mit Mundologia-Abenteurer Mario Goldstein

Sehnsucht nach Wildnis und Einsamkeit

Der Fotograf und Buchautor Mario Goldstein und seine Frau Ramona kehrten der durchstrukturierten, hektischen Welt den Rücken und ließen sich im Rhythmus der Natur durch die Wildnis Kanadas und Alaskas treiben. Die Befahrung des gigantischen Yukon River, 3000 Kilometer bis zur Mündung in die Beringsee auf einem selbstgebauten Floß, wurde für sie zur ungeahnten Herausforderung. Seine mitreißende Abenteuerreportage „Sehnsucht Wildnis – Quer durch Kanada und Alaska“ wird am 5. Februar 2017 um 19 Uhr auf dem Mundologia-Festival im Konzerthaus Freiburg zu sehen sein. Mit Mario Goldstein sprach Janine Böhm.

Kultur Joker: Herr Goldstein, Sie sind sieben Jahre auf einem Katamaran um die Welt gesegelt und später auf dem Landweg von Deutschland nach Indien gereist. Was macht für Sie den Reiz des Unterwegsseins aus?

Mario Goldstein: Ich bin immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen und nach der Wahrheit. Das, was man hier zu hören bekommt, ist nicht unbedingt so, wie es wirklich in der Welt ist. Man träumt von fernen Gegenden, von Landschaften, von besonderen Begegnungen. Und wenn man den Schritt nicht wagt, wird es ein Traum bleiben. Ein konkretes Beispiel ist die Einsamkeit auf dem Meer. Ich war früher Unternehmer, hatte viel Stress, ständig Termine, Probleme, die es zu lösen galt, nie Ruhe. Ich hatte versucht mir vorzustellen, wie es wäre, weit draußen auf dem Meer zu sein. Nicht erreichbar zu sein, niemand klingelt, niemand kommt vorbei oder ruft an. Und als ich dann das erste Mal von Thailand Richtung Malediven gesegelt bin, habe ich bei einem Blick auf die Karte am vierten Tag gesehen, dass 1000 Kilometer im Umkreis kein Land ist und mir wurde bewusst, dass mich nun wirklich niemand erreichen kann, ich bin weg, ich bin allein! Das war ein unglaubliches Glücksgefühl.

Kultur Joker: Haben Sie auch schon mal ans Auswandern gedacht?

Mario Goldstein: Ja, schon öfter. Ich habe zwei Jahre auf Mallorca gewohnt, über ein Jahr in Thailand verbracht und ein Jahr lang in der Karibik gelebt, wo ich auch versucht habe, mich niederzulassen. Aber immer wieder hat mich die Unruhe gepackt. Ich kann schlecht sesshaft werden. Wenn ich zu lange an einem Ort bin, stellt sich bei mir eine Art Langeweile ein. Man erlebt jeden Tag das Gleiche, sieht die gleichen Leute, die gleiche Umgebung. Ich habe dann das Gefühl, ich verpasse was. Ich bin noch nicht an dem Punkt, dass ich mich für einen Ort entscheiden kann.

Kultur Joker: Gemeinsam mit Ihrer Frau Ramona sind Sie durch die Wildnis Kanadas und Alaskas gereist. Wieso gerade dorthin?

Mario Goldstein: Nach meinen ersten beiden großen Reisen hat mich die Ruhe sehr gereizt. Auf dem Meer ist man zwar alleine, jedoch ständig in Bewegung, man steht nie still. Und auf dem Weg nach Indien war ich natürlich oft und viel von Menschen umgeben. Ich hatte Sehnsucht nach Wildnis, nach Erdverbundenheit, weit weg von der Zivilisation. Kanada und Alaska sind für ihre grenzenlose Weite bekannt, sie sind dünn besiedelt, bieten viel wilde Natur. Mich hat außerdem die Tierwelt gereizt. Der Gedanke wilden Bären oder Wölfen zu begegnen, fand ich beängstigend aber auch spannend. Außerdem hat mich interessiert, wie es ist, in der Abgeschiedenheit zu leben und zu erfahren, wie der Alltag eines Einsiedlers aussieht.

Kultur Joker: Wie waren Sie unterwegs?

Mario Goldstein: Wir sind mit einem Expeditionsmobil gereist, einem ausgedienten Wasserwerfer der Polizei, den ich umgebaut hatte und mit dem ich vor wenigen Jahren zum Dalai Lama gefahren bin. Sechs Monate sind wir damit durch Kanada gereist und haben die unterschiedlichsten Begegnungen gehabt. In der kanadischen Provinz Ontario zum Beispiel haben wir Mike McIntosh kennen gelernt, einen Mann, der 18 Schwarzbären zuhause hatte. Drei von denen hat er aus einem Zirkus gerettet, die leben dauerhaft bei ihm. Die anderen sind Jungbären, deren Mütter erschossen oder bei einem Autounfall getötet wurden. Oft wird er angerufen und holt dann die Bären zu sich, zieht sie in seiner Bärenstation möglichst ohne Menschenkontakt auf, um sie mit 18 Monaten wieder auswildern zu können. Seit 1992 hat er so 340 verwaiste oder verletzte Bären wieder in die Freiheit entlassen können. Bei ihm habe ich einiges über Bären gelernt und er konnte mir die Ängste nehmen. Eine Erfahrung, die man auf Reisen und auch in vielen anderen Bereichen machen kann: Ängste werden abgebaut, wenn man die Dinge kennen lernt. Die Erlebnisse bei Mike haben mir auch später geholfen, als wir in die Wildnis eingetaucht sind. In Kanada und am Yukon haben wir zahlreiche wilde Bären gesehen, es gibt 400.000 Schwarzbären in Nordamerika. Wir sind dann weiter nach Dawson City und als wir da ankamen, beschlossen wir, ein Floß zu bauen und damit über 3000 Kilometer den Yukon bis zur Beringsee zu befahren.

Foto von Mario und Ramona Goldstein mit ihrem Hund auf dem selbstgebauten Floß. Im Hintergrund ein doppelter Regenbogen
Mit ihrem selbstgebauten Floß legten Mario und Ramona Goldstein 3000 Kilometer auf dem kanadischen Yokun-River zurück

Kultur Joker: Fing dort für Sie die Wildnis an?

Mario Goldstein: Wildnis hatten wir auch schon in Kanada erlebt, etwa in Labrador, wo wir auf einer Strecke von 1000 Kilometern nur an zwei Ortschaften vorbeigekommen sind. Am Yukon ist es uns noch stärker bewusst geworden. Es gab dort keine Straße mehr, nur noch Ortschaften mit weniger als 100 Einwohnern, mehr Indianer und Inuit, Menschen, die in der Wildnis leben.
Kultur Joker: Sie haben Einsiedler und Aussteiger kennen gelernt, die noch sehr verbunden mit der Natur leben. Was haben Sie von ihnen gelernt?
Mario Goldstein: Unsere Ambition war es, zu erfahren, inwieweit man aus dem Hamsterrad der Gesellschaft aussteigen kann. Jeder von uns ist in einem Hamsterrad gefangen. Wir leben in einem Rhythmus, der uns vorgeschrieben wird. Wir haben Termine, wir müssen von A nach B, es gibt zahlreiche Gesetze, an die wir uns halten müssen, hier ist alles strukturiert. Hier geht niemand raus und schießt sich zur Nahrungsbeschaffung einen Hasen, hier geht man in den Supermarkt oder zum Metzger. In Ontario haben wir Morgan Davis getroffen, er ist über 70 Jahre alt und vor Jahrzehnten aus der Gesellschaft ausgestiegen. Er hat sich auf einem großen Grundstück eine Blockhütte gebaut und Wegweiser an die Bäume gehängt, damit er sich nicht verirrt. Er lebt dort ohne Strom und fließend Wasser und hat einen sehr zufriedenen Eindruck gemacht. Er ist früher als Crew-Mitglied auf einem großen Segelschiff zweimal um die Welt gesegelt, hat in Peru Häuser gebaut und später viel fotografiert. Heute schreibt er, vor allem seine Reiseerlebnisse bringt er zu Papier. In Dawson City haben wir einen deutschen Aussteiger getroffen, den Musiker Driftwood Holly. Seit 15 Jahren lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in einer Blockhütte am Yukon. Er war Skispringer in Oberwiesenthal bevor er sich für ein Leben in der Wildnis entschieden hat. Es war extrem spannend mit ihm auf Elchjagd zu gehen.

Kultur Joker: Was haben Sie in der Wildnis am meisten vermisst?

Mario Goldstein: Ehrlich gesagt, habe ich nicht viel vermisst. Das ist ja gerade das spannende Paradoxon, wenn man freiwillig Verzicht übt: Je weniger man hat, umso glücklicher wird man. Man hat weniger Probleme, muss auf weniger Sachen aufpassen, muss sich weniger Gedanken machen. Die Natur bringt auch mehr Ruhe in uns hinein. Das habe ich auch gemerkt, als ich dieses Jahr entlang des grünen Bandes, der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, gewandert bin. Mir sind in den acht Wochen nur drei Wanderer begegnet. Das langsame Gehen durch die Natur hat mir inneren Frieden gebracht, ohne das ich das gesucht hatte! Auch der Körper gewöhnt sich an diese Langsamkeit. Die Erfahrung habe ich auch nach der Rückkehr aus Kanada gemacht. Mich hat jemand im Auto mitgenommen und auf der Autobahn bei 130 hatte ich das Gefühl. ich säße ich in einem Formel-1-Auto. Ich fand das richtig stressig. Und man hat das Gefühl, man hat mehr Zeit. Die Tage vergehen langsamer – das Leben verlängert sich. Die Lebensqualität steigt. Aber um noch mal auf die Frage zurückzukommen: Auf den letzten 1500 Kilometer auf dem Yukon, im Inuit-Gebiet, gibt es keinen Alkohol mehr. Wir hatten uns zuvor ab und zu ein Sixpack gekauft und abends am Lagerfeuer ein Bier getrunken. Die letzten 14 Tage hatten wir nur noch ein Bier. Das haben wir uns dann bis zur Beringsee aufgehoben und es dort geteilt. Während dieser 14 Tage haben wir abends am Lagerfeuer öfter gedacht: Wenn wir jetzt ein Bier hätten, wär’s schon schön.

Kultur Joker: Nach sieben Jahren auf den Weltmeeren sind Sie sehr erfahren im Umgang mit Wasser. Gab es dennoch Herausforderungen auf dem Fluss?

Mario Goldstein: Ja, die Yukon Flats zum Beispiel, ein riesiges Gebiet in Alaska, 400 Kilometer lang. Der Fluss verzweigt sich dort in tausende Arme, wird unübersichtlich. Es gibt unzählige Seen und Tümpel, wo man sehr genau navigieren muss. Man muss lernen, den Fluss zu lesen. Man kann nicht genau nach Karte fahren, weil der Fluss sich jedes Jahr verändert. Er schüttet Sandbänke auf, wird flach, dann läuft man auf und es ist schwer, das Floß wieder ins Wasser zu bekommen. Wir haben den Fluss genau beobachtet, geschaut, wo die Strömung langgeht, wo die Abbruchkanten liegen. Nach einer gewissen Zeit weiß man, wie man das Floß steuern muss, um im tiefen und sicheren Fahrwasser zu bleiben. Und wir wussten auch nicht, ob das Floß durchhält – Marke Eigenbau! Wir hatten Gummischläuche verwendet, 6,50 Meter lang mit drei Kammern und waren nicht sicher, ob die halten, wenn das Floß auf Grund läuft und 1,5 Tonnen von oben drücken. Wir sind ein paar Mal auf Grund gelaufen, aber es ist glücklicherweise nichts Gravierendes kaputt gegangen.

Kultur Joker: Von was haben Sie sich in der Wildnis ernährt?

Mario Goldstein: Wir hatten natürlich Vorräte mitgenommen, Konserven, Kartoffeln, Zwiebeln. Entlang des Yukon gibt es kleinere Stores, in denen man einfache Sachen bekommt. Obst und Gemüse waren jedoch rar. Man ernährt sich viel von Fleisch und Fisch, was für mich eine Herausforderung war, weil ich versuche vegetarisch zu leben. Wir haben auch mal Bärenfleisch gegessen und natürlich Lachs. Als wir unterwegs waren, war die Lachsfischerei am Yukon allerdings ziemlich eingeschränkt, weil es wegen illegaler Fischerei an der Mündung zu wenig Lachse gab. Unser Brot haben wir über dem Feuer selbst gebacken, das hat echt gut geschmeckt. Wir haben es Runges genannt, so nennt man im Vogtland einen großen, starken Kerl. Und so war eben auch unser Brot: groß und kräftig.

Kultur Joker: Gab es einen Ort, der Ihnen besonders gut gefallen hat?

Mario Goldstein: In Kanada und Alaska gibt es sehr viele sehr schöne Ecken. Ein besonderes Erlebnis war für uns die Ankunft an der Beringsee. Wir hatten vorher auf dem Yukon Stürme durchlebt, mit hohem Wellengang, sodass wir zeitweise nicht fahren konnten. Als wir das Beringmeer erreichten, war es windstill. Wir haben uns hinter die letzte Insel vor dem Meer gelegt. Es war ein herrlicher Abend und unsere letzte Nacht auf dem Yukon und die Nordlichter kamen raus. Es war ein sehr schöner Platz, um diese Reise zu beenden. Das Licht am Yukon war immer etwas Besonderes. Die Sonne geht dort im Sommer nie richtig unter, auf den Sonnenuntergang folgt im Grunde direkt der Sonnenaufgang. Wir waren dort oft alleine, saßen abends am Lagerfeuer und waren von der Schönheit der Natur beeindruckt.

Kultur Joker: Stellen Sie sich vor, Sie werden auf einer einsamen Insel ausgesetzt, welche drei Dinge nehmen Sie mit, um zu überleben?

Mario Goldstein: Eine Axt, um Holz zu bearbeiten und etwas bauen zu können. Feuersteine, damit ich mir was Kochen kann. Und meinen Hund, das wäre dann mein Freitag (lacht). Ich war tatsächlich mal für drei Monate auf einer einsamen Insel im Indischen Ozean, auf dem Chagos Archipel, etwa 600 Kilometer südlich der Malediven. Die Inselgruppe ist im Grunde menschenleer. Es gibt jedoch viele Segler, die auf ihrer Ozeandurchquerung dort einen Stopp einlegen, sodass wir die Insel nie nur für uns hatten. Ich denke, das ist heute mit den meisten einsamen Inseln so. Früher oder später kommt jemand vorbei.

Kultur Joker: Sie sind im Vogtland im Freistaat Sachsen Zuhause. Was lieben Sie an Ihrer Heimat?

Mario Goldstein: Darüber habe ich erst vor kurzem wieder nachgedacht. Ich war zwischen Bremen und Osnabrück unterwegs und mir kam in den Sinn, dass im Gegensatz zu dieser Gegend das Vogtland bergig ist. Ich liebe die Berge. Ich bin im Vogtland geboren, habe meine Freunde dort, meine Familie. Das Vogtland ist zwischen den Reisen meine Basis.

Kultur Joker: Herr Goldstein, Wir bedanken uns für das Gespräch.

Weitere Infos zum Vortrag, zur Mundologia, zu den Ticketpreisen und Vorverkaufsstellen finden Sie im Internet unter www.mundologia.de. Mehr zu den Projekten von Mario Goldstein erfahren Sie auf seiner Webseite: www.mario-goldstein.de

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