Theater

Mareike Mikat inszeniert „Nathan der Weise“ im Theater Freiburg

Wer hat Angst vor Lessing?

„Beware of the camel“, steht auf dem Warnhinweis. Jerusalem zur Zeit Nathan des Weisen ist eine globalisierte Handelsregion. Nathan ist mit seiner Karawane unterwegs als seine Tochter Recha beinahe einen Unfall erleidet. Das Haus steht in Flammen und wäre da nicht der Tempelherr gewesen, die junge Frau hätte ihr Leben gelassen. Doch ihren Dank will er nicht, Recha ist Jüdin, er Christ.

Szene aus Lessings "Nathan der Weise" im Theater Freiburg. Es zeigt die Schauspieler André Benndorf und Victor Calero.
André Benndorf und Victor Calero in Lessings „Nathan der Weise“ im Theater Freiburg © Marice Korbel

Die Spielfläche im Kleinen Haus des Theater Freiburg ist mit Stoffbahnen verschnürt (Bühne und Kostümbild: Simone Manthey). Das erinnert an die Länder jenseits der Wüste, mit denen Nathan Handel treibt und birgt doch etliche Fallstricke. Die Oberfläche verrät nicht, wo sie trägt, wo man einbricht und wo die Körper wie auf einem Trampolin sacht zurückfedern. Und man kann unter ihr verschwinden. Das ist ein schönes Bild für eine Situation, in der man sehr schnell von allen Rechtssicherheiten entblößt sein kann.

Gotthold Ephraim Lessings dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ war vielleicht schon immer mehr ein Gedankenexperiment als ein Theaterstück. In Mareike Mikats Inszenierung steht auf dem Klavier eine Lessingbüste, die später zerbrechen wird und allzu viel Heldenverehrung ist von diesem Abend nicht zu erwarten. Es scheint, als sollte Mikats Regiearbeit Schülern sagen, Klassiker sind gar nicht so schlimm, die können, nimmt man sie nicht allzu ernst, durchaus witzig sein. Tochter Recha (Lena Drieschner) federt geradezu über die Bühne, ein junges Mädchen, das noch in der Pubertät steckt, aufrichtig entrüstet bei Zurückweisungen aller Art. Ihr Vater Nathan (Victor Calero) hat die Körperspannung von Menschen, die lieber nicht auffallen – vermutlich trägt er daher auch die ganze Zeit einen gestreiften Morgenmantel. Überhaupt bleibt Caleros Nathan ein bisschen blässlich.

„Nathan der Weise“ fragt nicht allein nach dem Verhältnis der großen Religionen zueinander und ruft zur Toleranz auf – die Ringparabel ist in Mikats Inszenierung ein mehr oder weniger komischer Cartoon –, sondern auch, wieweit man sich überhaupt auf die Welt einlassen muss. Nathans Freund der Derwisch (André Benndorff) gerät als Schatzmeister des Sultan Saladin (Holger Kunkel) in die Fänge der Realpolitik. Er muss Geld eintreiben und sieht sich in der Zwickmühle, den Sultan auf Nathan und sein Vermögen aufmerksam zu machen. Das könnte diesem schaden. Jude in Jerusalem zu sein ist nicht leicht: hier der Sultan und sein aufwändiger Hofstaat, dort die christliche Kirche. Als der Derwisch seinen Job quittiert, reißt er sich erst einmal alle Kleider vom Leib und hüpft wie ein Kind nackt auf und nieder.

Subtile Figurenzeichnungen sind nicht die Sache von Mikats knapp dreistündiger Inszenierung. Der Tempelherr (Martin Weigel) wirkt als sei er aus einem Computerspiel oder einem Workout für Heavy Metal-Fans entstiegen, Undercut, hohe Stiefel und ein Netzshirt über dem Oberkörper. Das sieht nach unterdrückter Aggression aus, da ändert auch die Liebe zu Recha nichts, die wie ein Überfall über ihn kommt. Minutenlang stottert er vor sich hin. Der ganze Mann eine Ladehemmung. „Nathan der Weise“ ist auch ein Plädoyer dafür, Vorurteile zu überprüfen. Denn die Ränke häufen sich und alle sind so beschaffen, dass sie Nathan vernichten könnten. Frank Albrechts Patriarch mag mehr ein Wiedergänger seiner selbst sein, er mag ohne Asthmaspray nicht auskommen können, doch die Macht wird er nicht abgeben. Wenn am Ende sich alles findet und Recha und der Tempelherr sich dann schon als Geschwisterpaar küssen und zugleich entsagen und so einen Moment der klandestinen Zusammenkunft unter der Bühne entkommen, ist es Nathan, der von allem ausgeschlossen bleibt. Er wird der einzige sein, der den sich nähernden Krieg hören wird. Doch daraus geht in dieser harmlosen Inszenierung nichts hervor.

Weitere Vorstellungen: 6./20. Januar, 3./19. Februar, jew. 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Freiburg.

Annette Hoffmann

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