Im Gespräch: Josefa Nereus über Sexarbeit in der Pandemie und Sexualität als Berufung und feministischer Akt

Nach dem Lockdown der vergangenen Monate nehmen die Branchen in Deutschland unter strengen Auflagen die Arbeit wieder auf. Nur eine nicht: Im Erotikbereich müssen noch immer die Türen geschlossen bleiben. 32.799 offiziell gemeldete Sexarbeiter*innen (Statistisches Bundesamt, 2018) sehen ihre Existenz bedroht, viele beziehen schon jetzt Arbeitslosengeld. 16 Bundestagsabgeordnete von Union und SPD forderten nun in einem Brief das Verbot von Prostitutionsbetrieben auch nach Corona aufrecht zu erhalten und das Nordische Modell einzuführen, bei dem die Inanspruchnahme einer sexuellen Dienstleistung kriminalisiert wird.
Elisabeth Jockers sprach mit dem Escort-Girl Josefa Nereus über die aktuelle Situation in der Erotikbranche, Scham vor der eigenen Sexualität und Feminismus in der Sexarbeit.

Kultur Joker: Auf deiner Webseite sprichst du davon, dass du bereits im 8. Jahr deine „Lust auf Körper, Sexualität und Menschen“ auslebst. Wie bist du überhaupt zu diesem Beruf gekommen?

Josefa Nereus: Zu meinem Beruf gekommen bin ich durch den Wunsch Sexualität mehr Raum in meinem Leben zu geben. Ich habe schon als Jugendliche das Kamasutra gelesen. Dort wird eine Philosophie beschrieben, in der Sexualität ein Teil des Lebens ist, Freude und Energie spendet. Das hat mich damals schon unheimlich fasziniert. Dann bin ich aber erstmal von meinem rechten Weg abgedriftet und habe Mediengestalterin gelernt und in diesem Bereich gearbeitet. Aber mit 40 Stunden Arbeit die Woche kam ich nicht ansatzweise da hin, Sexualität in diesem Maße zu zelebrieren. Das macht mir tatsächlich einfach Spaß.

Kultur Joker: Wie viel Sex ist deine Arbeit wirklich?

Josefa Nereus: Die Menschen wären wahrscheinlich erschüttert, wenn sie erfahren würden, wie wenig Sex ich eigentlich bei meiner Arbeit habe. Es geht viel um Kommunikation, Gespräche und Wissensaustausch. Viele Menschen konnten die simpelsten erotischen Wünsche noch nie aussprechen. Meine Arbeit nimmt auch Formen an, die über die körperliche Begegnung hinausgehen.

Kultur Joker: Zuletzt veröffentlichten 16 Bundestagsabgeordnete ein Schreiben, in dem sie fordern, das Verbot von Prostitutionsbetrieben auch nach Corona aufrecht zu erhalten. Ist das der richtige Umgang mit Sexarbeit?

Josefa Nereus: Dieser Brandbrief der 16 Bundestagsabgeordneten ist fürchterlich unsolidarisch und undemokratisch. Die Coronaverordnungen sind dafür da, die Krise zu managen und nicht einfach zu sagen, dass Sexarbeit verboten gehört. Der Vorwurf, dass Sexarbeit eine Virenschleuder wäre, zeigt, dass es wenig Wissen darüber gibt, wie in diesem Gewerbe gearbeitet wird und welche Vorurteile herrschen. Wenn man mit so einer Moral an dieses Thema geht, können Existenzen zerstört werden.

Kultur Joker: Wie erlebst du das momentane Verbot von Sexarbeit?

Josefa Nereus: Ich persönlich empfinde das momentane Arbeitsverbot für Sexarbeiter*innen als nicht angebracht. Es gibt sehr viele Branchen, die bereits wieder arbeiten dürfen und direkten Kundenkontakt haben. Unsere Anträge zur Wiederaufnahme der Sexarbeit werden abgelehnt, da unser erarbeitetes Hygienekonzept angeblich nicht überprüfbar wäre. Da frage ich mich: wie ist denn das überprüfbarer in Massagesalons, in denen wirklich astrein gearbeitet wird? Wenn wir anderen Branchen einen Vertrauensvorschuss geben, dann doch bitte auch dem Erotikbereich.

Kultur Joker: Welche Lösung siehst du?

Josefa Nereus: Man kann Sexualität auch etwas kreativer sehen. Ich persönlich verstehe nicht, wo der Unterschied zwischen einer Wellnessmassage und einer Massage für den Penis liegt. Man sollte auch bedenken, dass Sexworker*innen es gewohnt sind, sich während der Arbeit vor z.B. sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen. Ich würde mir wünschen, dass man uns da etwas Vertrauen entgegenbringt.

Kultur Joker: In der Sexualforschung beobachtet man eine etablierte und trainierte Scham, wenn es um das Thema Sex geht. Warum schämen wir uns so sehr für unsere Sex­ualität?

Josefa Nereus: Sexualität ist in Deutschland omnipräsent. Es wird auch viel über Sexualität gesprochen, aber nur über eine hochstilisierte Form. Es gibt immer noch die Norm der Heterosexualität, zwischen einem Mann und einer Frau, die in einer Beziehung leben. Sobald wir von diesem Sex abweichen, zum Beispiel durch Dirty Talk oder Gruppenerfahrungen, fängt es schon an „ih“ zu werden. Beim Individuum löst dieser stilisierte Umgang mit Sexualität Komplexe aus. Das entwickelt sich zu einem Narrativ, das Männer glauben lässt, dass sie triebgesteuert sind und Frauen, dass sie kein Interesse an Sex haben sollten. Auf dieser Ebene bekommt jeder Mensch gesagt ‚deine Sexualität ist nicht ok‘.

Kultur Joker: Manche sehen im Verbot von Sexarbeit eine feministische Notwendigkeit, du selbst nennst dich Feministin. Wie viel Feminismus steckt für dich in Sexarbeit?

Josefa Nereus: Für mich ist Sexarbeit durch und durch feministisch. Ich identifiziere mich als Frau. Es gibt für mich nichts, was mehr den alten Strukturen entspricht, als Frauen zu sagen, was sie mit ihren Körpern zu machen haben. Ich darf als Frau an meine Sexualität genauso ein Preisschild hängen wie an alles andere.

Kultur Joker: Was sind die schönsten Erlebnisse in deinem Beruf?

Josefa Nereus: Was mir so richtig das Herz aufgehen lässt, ist, wie ich das Leben der Menschen bereichern kann. Viele haben eine neue Beziehung zu sich selbst gefunden und hören auf einmal darauf, was ihr Körper wirklich will. Und sowas bei Stammkund*innen mitzubekommen, ist unheimlich toll.

Kultur Joker: Liebe Josefa, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen dir alles Gute für die Zukunft.

Bildquellen

  • Josefa Nereus: Lucas Wahl

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