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Im Gespräch: Josef Mackert – Vom Theater zur Katholischen Akademie

Konturen der nächsten Gesellschaft

Josef Mackert wurde in Freiburg als langjähriger Chefdramaturg des Stadttheaters bekannt, als ‚rechte Hand‘ der ehemaligen Intendantin Barbara Mundel griff er aktiv in die Fragen und Debatten der Stadtgesellschaft ein. Heute wirkt Mackert an der Katholische Akademie, wo im Mai die Veranstaltungsreihe „Konturen der nächsten Gesellschaft“ startet. Martin Flashar befragte Mackert zu den Hintergründen.

Josef Mackert

Kultur Joker: Lieber Herr Mackert, was ist eigentlich Ihre berufliche Ausbildung? Was hatte Sie einst ans Theater geführt?

Josef Mackert: Ich habe in Freiburg, Paris und Berlin Philosophie, Literaturwissenschaften und Geschichte studiert und an der Freien Universität Berlin meinen Magister absolviert.

Kultur Joker: Was war Ihr Thema?

Mackert: Es ging um das barocke Konzept des Theatrum Mundi und seine Interpretation durch Gottfried Wilhelm Leibniz. Seine Idee, das Verhältnis von Gott und Welt als ein großes, alles umfassendes Theater zu begreifen, finde ich immer noch faszinierend.

Kultur Joker: Zum 1. März 2016 wechselten Sie (nach vierzehn Jahren) vom Stadttheater zur Katholischen Akademie in Freiburg. Für manche kam das überraschend…

Mackert: Vielleicht, ja. Aber meine Verbindung zur Katholischen Akademie in Freiburg rührt aus einer sehr frühen Phase der gemeinsamen Theaterarbeit mit Barbara Mundel. Der damalige Weihbischof Paul Wehrle kam zusammen mit Thomas Herkert und Dr. Karsten Kreutzer auf uns zu mit der Idee für ein neues Format, das sie den „Aschermittwoch der Künstler“ nannten. Das fand ich spannend, nachdem ich verstanden hatte, dass der Wunsch war, das theologische Thema des Aschermittwochs nicht nur dekorativ zu illustrieren, sondern aus unserer Sicht zu befragen und Kirche und Künstler anderer Sparten mit unseren Statements zu konfrontieren. In mehrmonatigen Gesprächen haben wir dann ein Konzept entwickelt; ich freue mich, dass es dieses Format bis heute gibt.

Kultur Joker: Hatten Sie einen ‚frühen Riecher‘, dass das mit der Intendantin Mundel und dem Projekt des Stadtjubiläums 2020 den Bach runter geht?

Mackert: Nein, überhaupt nicht. Meine Entscheidung hatte ein anderes Timing. Ich wollte nach 25 Jahren Theater gerne etwas anderes machen und da sah ich die Ausschreibung der Katholischen Akademie für einen neuen Studienbereich, „Zukunftsfragen der Gesellschaft“. Da meine Arbeit in den letzten Jahren im Theater der intensiven Beschäftigung mit diesen Zukunftsfragen galt, war es für mich ein organischer Schritt, mich zu bewerben. Und was das Jubiläum anbelangt: Da war zu diesem Zeitpunkt, im Frühjahr 2016, noch alles im Lot. Der dann folgende Entscheidungsprozess allerdings hat mich, der selbst in diesem Projekt gar keine Rolle spielte, ziemlich fassungslos gemacht. Denn man muss sich vergegenwärtigen, dass die beteiligten Kommunalpolitikerinnen und -politiker über ein Jahrzehnt mit Frau Mundel durch ‚Dick und Dünn‘ gegangen waren und ihr viel zu verdanken hatten. Sie wussten, wie sie denkt und arbeitet. Was sie dann als designierte Kuratorin des Jubiläums zur Diskussion vorschlug, war in einem offenen Beteiligungsprozess entstanden, an dem die Politik jederzeit beteiligt war, und der Etatrahmen („oberer einstelliger Millionenbetrag“) war vom Oberbürgermeister vorgegeben. Sie unter diesen Voraussetzungen so zu behandeln, wie es dann geschehen ist, fand ich sehr, sehr respektlos.

Kultur Joker: Inwiefern sind Sie Dramaturg geblieben? Was ist das Verbindende der beiden Jobs, was kam neu hinzu?

Mackert: Ich kann die Frage besser beantworten, wenn ich sie umdrehe: ‚Inwiefern habe ich schon als Dramaturg so gearbeitet wie jetzt?‘ Zuerst war meine Perspektive auf gesellschaftliche Zukunftsfragen natürlich eine künstlerische. Darüber hinaus haben wir zunehmend versucht, die öffentliche Debatte auf der Schnittstelle zwischen ästhetischen und politischen Fragen ins Haus zu holen. Erstens um daran teilzunehmen, vor allem aber, um das Theater der Stadt, das für alle Bürger da sein soll, zu einem Ort zu machen, an dem gesellschaftlich relevante Themen diskutiert werden.
Das vielleicht gelungenste Beispiel war für mich 2011 die Inszenierung des „Kaufmann von Venedig“ mit Schauspielern aus jüdischen, muslimischen und christlichen Kulturen. Diese Inszenierung eines israelischen Regisseurs habe ich begleitet mit einer Reihe von Dialogen, in denen mit Expertinnen und Experten aus allen drei Kulturen ein geglücktes Ineinander von künstlerischer, wissenschaftlicher und publizistischer Kompetenz möglich war. Mit der Reihe „Gespräche über aktuelle Inszenierungen“, die ich seit zwei Jahren in der Akademie zusammen mit dem Studium Generale anbieten kann, versuche ich, an diese Erfahrungen anzuschließen. Jetzt allerdings aus einer neuen Perspektive auf der Scharnierstelle zwischen Kirche und Gesellschaft.

Kultur Joker: Man kannte Sie bislang als (kultur)politisch engagierten Menschen, als Programmatiker. Können Sie die Fragen, die Sie persönlich bewegen, auch an der kirchlichen Akademie realisieren?

Mackert: Selbstverständlich. Ich habe z.B. im Sommer 2016, auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise, zusammen mit anderen Partnern eine Reihe mit dem Titel „Fluchtgrund Klimawandel“ begonnen. Mein Ansatz: Reden wir jetzt endlich über die Ursachen, die zu Fluchtbewegungen führen und vor allem, beschäftigen wir uns mit der Frage, inwieweit wir für diese
Fluchtursachen mit verantwortlich sind!

Kultur Joker: Eine Ihrer ambitioniertesten Initiativen am Theater war wohl die Vortragsreihe „Capitalism Now“ (von 2007 bis 2011). Was hatte es damit auf sich? Globalisierungsfragen, Müdigkeitsgesellschaft, Traumländer, Wohlstandskritik, Kapitalismuszweifel – so hießen damals die Titelzeilen…

Mackert: Wir wollten die Situation des Menschen im globalisierten Kapitalismus diskutieren. und luden dazu Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen zu Vorträgen ins Große Haus des Theaters ein. Bald nach Beginn der Reihe kam die globale Finanzkrise durch den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers.

Kultur Joker: Hatten Sie das Gefühl, damit beim Publikum etwas ‚bewirkt‘ zu haben?

Mackert: Ich empfand gerade in einer so unsicheren Zeit die Erfahrung, dass sich eine bunt gemischte Stadtgesellschaft einmal im Monat zum öffentlichen Diskurs versammelt, unglaublich ermutigend. Und die tolle Resonanz hat mich motiviert, das über vier Jahre durchzuhalten.

Kultur Joker: Jetzt planen Sie, ab Mai 2018, in der Katholischen Akademie gleichsam eine Fortsetzung dessen?

Mackert: Die am 15. Mai startende Reihe „Konturen der nächsten Gesellschaft“ hat einen neuen Ansatz. Zusammen mit dem Studium Generale werden wir Vorträge anbieten, abwechselnd in der Akademie und der Universität, und so hoffentlich eine noch größere Öffentlichkeit erreichen.

Kultur Joker: Was ist genau Ihr Impuls? Warum glauben Sie, dass das wichtig ist?

Mackert: Wir wollen dazu einladen, den Blick nach vorne zu richten, und auf der Basis dessen, was wir jetzt schon wissen können, über die Gestaltung unserer Zukunft zu diskutieren. Dass die nächste Gesellschaft durch Phänomene wie Digitalisierung, Migration und biotechnische Revolutionen bestimmt sein wird, ist nicht mehr fraglich. Fraglich ist jedoch, was das für die Struktur und die Kultur der nächsten Gesellschaft bedeuten wird, und mit welchen politischen und sozialen Folgen wir in Zukunft zu rechnen haben.

Kultur Joker: Wie lange soll diese neue Veranstaltungsserie dauern? Können Sie schon Themen oder Referenten nennen?

Mackert: Wir gehen jetzt erst mal von drei Jahren bzw. sechs Semestern aus. Es beginnt am 15. Mai mit Prof. Karl-Siegbert Rehberg, Soziologe in Dresden, der über „Empfindsamkeit und Hass“ spricht und sich besonders Populismen und Spaltungstendenzen in den modernen ‚offenen Gesellschaften‘ widmet. Am 5. Juni folgt Dirk Baecker, ebenfalls Soziologe (an der Uni Witten/Herdecke), mit seinem Beitrag „Kommunikation mit unsichtbaren Maschinen“. Er wird aus der Sicht des Kulturtheoretikers fragen, wie die Gesellschaft und die Menschen jetzt und künftig mit den enormen digitalen Transformationen umgehen können. Baeckers Buch „Studien zur nächsten Gesellschaft“ ist übrigens der Titel der Reihe entlehnt. Seitdem dieses Werk vor zehn Jahren erschien, sind Verunsicherung und Orientierungsbedarf der Menschen in Bezug auf die Zukunftsfragen massiv gestiegen.
Als dritter Beitrag kommt, noch vor der Sommerpause, Prof. Rudolf Stichweh (Soziologe, Uni Bonn) und spricht über „Die Weltgesellschaft und ihre nichtsozialen Umwelten“, also zur Frage, wieweit Biosphäre, Technospähre und Geosphäre das System der menschlichen Gesellschaft künftig beeinflussen und verändern werden.

Kultur Joker: Was möchten Sie – im besten Falle – mit diesem Programm bewirken, das an der Akademie unter dem mehrdeutigen Titel „Fokus Ver/un/sicherung“ läuft?

Mackert: Die Bereitstellung von Orientierungswissen ist klassische Akademiearbeit und angesichts überall zunehmender Verunsicherungstendenzen nötiger denn je. Darum geht es zuerst. Die Frage „In welcher Zukunft wollen wir leben?“ ist erneut öffentlich zur Diskussion zu stellen, um in einer demokratischen Gesellschaft die Behauptung wachzuhalten, dass zukünftige Entwicklungen nicht als Verhängnis über uns kommen. Es gibt stets Alternativen, es gibt Diskussions- und Entscheidungsmöglichkeiten. Dazu muss man den Dingen erst einmal ins Gesicht sehen, muss sich mit Trends und Tendenzen befassen und in möglichst vielstimmigen Dialogen versuchen, zukunftsfähige Haltungen zu entwickeln.

Kultur Joker: Ist der Erfolg Ihres neuen Impulses völlig unabhängig davon, wer die Freiburger OB-Wahlen gewinnt und damit auch das kulturelle und geistige Klima der Stadt mitbestimmt?

Mackert: Eine Glatteisfrage…(lacht). Dieser Zusammenhang steht für mich nicht im Vordergrund.

Kultur Joker: Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass unter der neuen Intendanz die Leuchtschrift „HE(ART) OF THE CITY“ an der Theaterfront umgehend entfernt wurde? Bedauern Sie das?

Mackert: Das war die skulpturale Visitenkarte eines mehrjährigen Kunstprojekts, das diesen Titel trug und „die Kunst der Stadt“ zum Thema machte. Es war also folgerichtig, dass mit dem Ende des Projekts auch diese Intervention in den Stadtraum verschwand. Als Erinnerung lebt sie ja weiter. Aber jetzt kommen neue Projekte mit neuen Ausdruckformen. Und das ist gut so.

Kultur Joker: Herr Mackert, vielen Dank für das Gespräch – und alle guten Wünsche für Ihre weiteren Vorhaben!

Infos und Termine zur Vortragsreihe „Konturen der nächsten Gesellschaft“: www.katholische-akademie-freiburg.de

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