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Interview | Juli 2019 | von Fabian Lutz

Im Gespräch: Dr. Angelina Whalley, Kuratorin von „Körperwelten“

Staunen über den eigenen Körper

Die Ausstellung „Körperwelten. Eine Herzenssache“ ist bis Ende August in Freiburg zu sehen. Kuratorin Dr. Angelina Whalley, Ärztin und Ehefrau von Gunther von Hagens, spricht im Interview über negative Reaktionen, die Faszination freigelegter menschlicher Körper und warum Glück immer auch Körpersache ist.

© Körperwelten

Das Ehepaar Angelina Whalley und Gunther von Hagens hinter einem Plastinat.

Kultur Joker: Körper ohne Haut in lebendigen Posen. Sieht man die Exponate der Körperwelten-Ausstellung wirkt das mitunter grotesk.

Angelina Whalley: Ich würde unsere Exponate nicht als grotesk bezeichnen, das hat in unserer Sprache eine negative Konnotation. Sicher aber sind die Bilder, die sich uns zeigen, ungewohnt. Weil wir ohne Haut nicht leben können, blicken wir im Alltag nicht in unser Körperinneres. Die Plastination konserviert das, was schon da ist, bis in den mikroskopischen Bereich hinein.

Kultur Joker: Wie funktioniert die Plastination?

Angelina Whalley: Alle Zellen und Zwischenräume, die zuvor Wasser und lösliche Fette enthielten, werden bei der Plastination mit einem Kunststoff ausgefüllt. Alle Zellstrukturen bleiben aber wie sie zuvor waren. Unsere Exponate sind Repräsentationen des natürlichen menschlichen Körpers.

Kultur Joker: Ist das Fixieren des eigentlich toten Körpers in lebendigen Haltungen nicht unnatürlich, vielleicht sogar anmaßend?

Angelina Whalley: Ich sehe keine Anmaßung darin, den menschlichen Körper so ansprechend darzustellen, dass sich der Betrachter im Exponat auch wiederfinden kann. Anmaßend wäre, wenn wir die Körper in einer unnatürlichen Weise darstellen würden. Etwa, wenn ich aus einer Harnblase eine Vase oder aus einem Bein einen Golfschläger machen würde.

Kultur Joker: Die Betrachtung des eigenen Körpers ruft sowohl Angst als auch Faszination hervor. Erleben BesucherInnen Ihrer Ausstellungen beides?

Angelina Whalley: Ich weiß aus Erfahrung, dass auch Menschen, die zu Beginn nicht wissen, ob sie das überhaupt ertragen, nach dem Besuch der Ausstellung keine Bedenken mehr haben. Wenn man die Besucher mit diesen Bildern nicht allein lässt, sondern führt und angemessene Informationen liefert, dann schlägt das Bedenken schnell in Faszination um. Ich habe noch niemanden erlebt, der die Ausstellung aufgrund negativer Eindrücke verlassen hat. Im Gegenteil: Üblich ist, dass die Leute positiv überrascht und froh sind, die Ausstellung besucht zu haben.

Kultur Joker: Negative Reaktionen gibt es dennoch. In den Medien wurde der Ausstellung oft Geschmacklosigkeit attestiert.

Angelina Whalley: Die Darstellung der Ausstellung in den Medien wich, gerade in der Anfangszeit, oft von den positiven Besucherreaktionen ab. Da war „Körperwelten“ meist eine kontroverse, heftig diskutierte, geschmacklose Ausstellung. Die Kritik hier in Deutschland war teils auch persönlich gegen Gunther von Hagens gerichtet. In anderen Ländern verlief die Debatte sachlicher. Ein wesentlicher Grund für die vielen negativen Äußerungen ist sicher, dass sich eine kontroverse Geschichte in den Medien besser verkauft als eine, die schlicht das Staunen der Besucher unserer Ausstellung beschreibt.

Kultur Joker: Was für ein Staunen ist das?

Angelina Whalley: Alle unsere Empfindungen und Erfahrungen beruhen auf dem Körper. Ohne ihn hätten wir keine Familie, keine Freunde, überhaupt keine Welt. Wir würden nicht existieren. Als Laie hat man aber nie die Möglichkeit, in diesen Körper hineinzuschauen. Über die Ausstellung entwickelt man einen völlig neuen Blick auf den eigenen Körper und damit auf sich selbst. Viele Besucher haben danach ein völlig neues Bild von ihrem Körper und erachten ihn nicht mehr als etwas Selbstverständliches. Bei vielen äußert sich das in einem großen Staunen.

Kultur Joker: Ist Ihre Ausstellung Wissenschaft oder in ihrer Ästhetik nicht auch Kunst?

Angelina Whalley: Die Kunst liegt im Auge des Betrachters. Ich kann deshalb nur etwas über unsere Intention sagen. Und die ist rein wissenschaftlich und aufklärerisch. Wir haben nicht den Anspruch, unsere Exponate als Kunstobjekte darzustellen. Wir haben über die Publikumsreaktionen aber bald erfahren, dass die Exponate eine Qualität besitzen, die über ihre wissenschaftliche Aussage hinausreicht. Unsere Exponate erinnern ja auch an die Zeichnungen der alten Renaissance-Anatomen.

Kultur Joker: Anatomen wie Leonardo da Vinci?

Angelina Whalley: Ja, zum Beispiel. Die Zeichnungen dieser Anatomen stellen den menschlichen Körper ästhetisch schön dar. Die freigelegten Körper befinden sich in lebendigen Posen, teils auch in wunderschönen Landschaften. Wenn wir ein Laienpublikum ansprechen wollen, müssen unsere Plastinate ästhetisch sein und etwas mit dem Leben des Betrachters zu tun haben. So kann man sich auch als Lebender in diesen Plastinaten wiederentdecken.

Kultur Joker: Gibt es ein festes Ausstellungskonzept oder arbeiten Sie mit verschiedenen Konzepten?

Angelina Whalley: Ich habe in den vergangenen Jahren viele verschiedene Ausstellungskonzepte entwickelt. Geeint sind alle Konzepte durch das Ziel, dass man als Laie einen umfassenden Einblick in den gesamten Körper erhält. Wir lassen also nie bestimmte, maßgebliche Aspekte weg. Zusätzlich habe ich Themen entwickelt, die sich wie ein roter Faden durch die Ausstellungen ziehen und sich ganz spezifisch an die Besucher richten.

Kultur Joker: Die Freiburger Ausstellung nennt sich „Eine Herzenssache“.

Angelina Whalley: Die Ausstellung „Eine Herzenssache“ zeigt, wie sehr unser ganzer Körper vom Herz-Kreislaufsystem abhängig ist. Krankheiten dieses Systems sind die häufigste Todesursache in unserer westlichen Gesellschaft. Wir machen also auch darauf aufmerksam, wie man dieses System schützt. Eine andere Ausstellung heißt „Zyklus des Lebens“ und behandelt das ständige Altern des Körpers. Und auch dieses Altern, die ständige Veränderung des Körpers, können wir positiv beeinflussen, indem wir bestimmte Lebensweisen pflegen. Eine weitere Ausstellung handelt vom Thema „Glück“.

Kultur Joker: Was hat Glück mit dem menschlichen Körper zu tun?

Angelina Whalley: Glück ist nicht nur ein angenehmes Gefühl, sondern auch eine Körperfunktion, die durch die Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter entsteht. Diese Ausschüttung wirkt nicht nur auf unser Gehirn, sondern auf alle anderen Organsysteme.

Kultur Joker: Wie kommen Menschen dazu, ihren toten Körper der Plastination zu überlassen?

Angelina Whalley: Seit Anfang der 1980er-Jahre haben wir ein Körperspendeprogramm mit einer sehr umfangreichen, schriftlichen Evaluation. Dabei können Spender auch persönliche Beweggründe nennen. Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Die meisten unserer Körperspender haben aber irgendwann eine „Körperwelten“-Ausstellung besucht und daraufhin entschieden, uns ihren toten Körper zur Verfügung zu stellen.

Kultur Joker: Gilt die Spende vielen also als Spende für einen guten Zweck?

Angelina Whalley: Ja, viele wollen mit ihrer Spende einem guten Zweck dienen. Einige leiden auch unter bestimmten Erkrankungen und wollen, dass zukünftige Mediziner ein besseres Verständnis dieser Erkrankung erhalten. Dann gibt es natürlich auch Menschen, die keine Angehörigen haben, also niemanden, der sich um ihr Grab kümmern würde. Und es gibt manche, die sich mit der Plastination ein Stück Unsterblichkeit sichern wollen.

Kultur Joker: Wie kamen Sie zu Gunter von Hagens‘ Technik der Plastination?

Angelina Whalley: Ich habe Gunther von Hagens nach meinem Studium an der Heidelberger Universität kennengelernt. Damals wollte ich unbedingt in die Chirurgie und dachte, dass ich mir in dieser männerdominierten Welt zuvor besser einige Zusatzqualifikationen aneigne. Daher bin ich zunächst in die Anatomie, wo ich Gunther kennengelernt habe. Danach sind meine beruflichen Pläne in eine ganz andere Richtung gegangen. Konkret haben Gunter und ich einen Handel abgeschlossen: Er würde, anders als geplant, nicht nach Amerika gehen, ich nicht in die Chirurgie. Gesagt, getan – der Rest ist Geschichte.

Kultur Joker: Frau Whalley, vielen Dank für das Gespräch!

Was: „Körperwelten. Eine Herzenssache“
Wann: täglich, bis 25. August
Wo: Messe Freiburg, Halle , Neuer Messplatz 1, 79108 Freiburg
Web: www.koerperwelten.de