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Kunst | Juli 2018 | von Friederike Zimmermann

Freiburger Museum für Neue Kunst zeigt „Julius Bissier und Ostasien“

Das Bild als Dichtung

Es muss ein großes Faszinosum gewesen sein, dieses Stück Welt auf der anderen Seite des Globus. Dabei war Julius Bissier (1893-1965) nie in Ostasien gewesen. Und doch schien seine Kunst in dieser Kultur zu wurzeln. Wie dieser enge Bezug zustande kam, zeigen derzeit die beiden Kuratorinnen Isabel Herda und Anne Hagdorn in der Ausstellung „Im Raum meiner Imagination. Julius Bissier und Ostasien“ auf.

Julius Bissier: „Aufprallende Woge“, 1939. ©Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, VG-Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Achim Kukulies

Dass die vermeintliche Verwandtschaft zur ostasiatischen Kultur zu relativieren ist, auch. Diese differenzierte Herangehensweise an ein Phänomen, das sich zudem vor dem Hintergrund zunehmender Kunstverleugnung – speziell der Abstraktion – im Nationalsozialismus abspielte, macht diese Ausstellung indes so reizvoll, auch wenn sie einen bestimmten Aspekt von Julius Bissiers Werk in den Fokus rückt.

„Ich komme immer mehr dazu, jenes Goethewort zu beherzigen, dass es nicht so wichtig sei, neue Formen zu finden, als in alte Formen neue Inhalte zu gießen. Dies scheint mir heute das letzte Geheimnis der Kunst“, schrieb Bissier im November 1942 an seinen Freund Oskar Schlemmer.

Ob aufgrund mangelnder Beachtung seiner abstrakten Bildwerke, bleibt unklar. Jedenfalls setzte er unbeirrt seine durch die ostasiatische Kunst inspirierten Tusche-Bildzeichen fort, bis er Ende der 1950er Jahre, da die in der NS-Zeit diffamierte Moderne rehabilitiert wurde, schließlich doch zu späten Ehren kam.

Bissiers Verständnis der ostasiatischen Kultur, die er bei dem Freiburger Kunstwissenschaftler und Asienkenner Ernst Grosse kennenlernte, war also mittelbar. Zum Teil basierte es auf literarischen Zeugnissen, zum Teil auf Objekten des alten Japan. Vermutlich waren Bissiers frühe Werke, in denen Grosse eine angestammte Verwandtschaft zur asiatischen Bildlichkeit zu erkennen glaubte, eher Projektionsfläche für das, was er und seine japanische Frau darin sehen wollten.

Grosse wurde so zum wichtigen Impulsgeber für Bissiers künstlerischen Weg. Dessen Arbeitsweise änderte sich dadurch radikal: An die Stelle von Öl und Leinwand traten nun Tusche, Papier und das kleine Format. Fortan – das war zu Beginn der 1930er Jahre – arbeitete er fast ausschließlich abstrakt.

Seine Tuschen muten kalligraphisch an, etwa die „Aufprallende Woge 39“. Das imaginierte Bild wurde zum Zeichen, zur Schrift abstrahiert. Räumlichkeit entstand durch die spezielle Ausbreitung der flüssigen Tusche mittels Pinsel und der Beschaffenheit des Papiers. Kaum Konturen prägen diese Bilddichtungen, die sich, mehr aus dem unregelmäßigen Duktus der künstlerischen Intuition als aus einem rationell induzierten Kunstverständnis herausgebildet, aus Klecksen und Flecken unterschiedlicher Tonwerte formieren.

Bissiers Bildzeichen sind keine wirklichen kalligraphischen Zeichen, enthalten wohl aber jenen Duktus, aus dem Subtexte hervorgehen, die dem Geschriebenen eine bestimmte Richtung und Lesart verleihen: Tuschen als dichterischer Vorgang, das Bild als Dichtung.

Ausstellungshalle des Augustinermuseums, Freiburg. Di-So, 10-17 Uhr. Bis 23. September 2018.

Friederike Zimmermann