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Ein Highlight für Bücherfreunde und Architekturliebhaber

Die Bibliothèque Humaniste in Sélestat

Die Bibliothèque Humaniste, Humanisten-Bibliothek in Sélestat (Schlettstadt), gehört seit 2011 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. In vierjähriger Bauzeit wurde die 1552 gegründete Institution durch den Architekten Rudy Ricciotti umgestaltet, erweitert und der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.

Die Fassade der umgestalteten Bibliothèque Humaniste in Sélestat bei Nacht. ©Ville de Sélestat

Die wertvolle Büchersammlung umfasst 550 Inkunabeln aus der Zeit vor 1500, über fünfhundert mittelalterliche und neuzeitliche Handschriften sowie kostbare Druckwerke aus späteren Jahrhunderten. Der neo-romanische Kornspeicher, in dem die Bibliothek seit 1889 untergebracht war, wurde nun räumlich geöffnet, mit einem Neubau versehen sowie durch einen großzügigen Vorplatz mit dem „Musée du pain“ verbunden.

Sélestat als kulturelles Zentrum am Oberrhein im Spätmittelalter

Im 15. und 16. Jahrhundert war Sélestat für mehrere Jahrzehnte ein geistiges Zentrum in Europa, hier entwickelte sich eine der wichtigsten Schulen für humanistische Studien, die u.a. Beatus Rhenanus (1485-1547) besuchte; der Philologe vererbte seiner Geburtsstadt schließlich eine wertvolle Bibliothek, die er an seinen Studien- und Wirkungsorten Straßburg, Basel und Paris zusammengetragen hatte.

Diese blieb vollständig erhalten und bildet, zusammen mit der Bücherei der örtlichen Lateinschule, die sich vielen Stiftungen verdankt, den Kern der Humanisten-Bibliothek. In einer neuen Dauerausstellung, ausgestattet mit interaktiven Terminals, lässt sich in zahlreichen ihrer Bücher blättern, darunter ist das „Merovingische Lektionarium“ (7. Jh.), „Le Livre des Miracles de Sainte-Foy“ (11. – 13. Jh), „La Bible de la Sorbonne“ (13. Jh.), das „Cahier d‘écolier de Beatus Rhenanus“, die „Cosmographiae Introductio“ oder „Acte de Baptême de l‘Amérique“ (1507) von Martin Waldseemüller und Matthias Ringmann, „Le livre d‘architecture de Vitruve“ (9. Jh.) u.v.a.

Schlettstadt verfügte bereits seit dem 13. Jahrhundert über klösterliche Bildungseinrichtungen, im Jahr 1441 ernannte der Magistrat aber den engagierten Pädagogen Ludwig Dringenberg zum Leiter der örtlichen Lateinschule; er entwickelte die Institution zu einem Ort, an dem humanistisches Denken unterrichtet wurde.

Nachfolgende Lehrer, etwa Hieronymus Gebwiler (1501-1509) und Hans Sapidus (1510-1525), sorgten ebenfalls für zunehmende überregionale Attraktivität. 1514 hatte Erasmus von Rotterdam, der mit seiner Satire „Lob der Torheit“ (1509) zu einem führenden Kopf der Bewegung in Europa geworden war, Schlettstadt besucht und eine Hymne auf die Stadt verfasst, das „Encomium Selestadii“.

„Studia humanitatis“ – Erfindung der Philologie und Textkritik

Ihr Bildungsstreben bezeichneten die damaligen Gelehrten als „Studia humanitatis“, womit sie sich systematisch um eine Rückbesinnung auf die Kultur und Sprachen der Antike, Latein, Griechisch und Hebräisch bemühten; zudem galt ihr Interesse den Naturwissenschaften und der Kritik an kirchlichen Dogmen.

Unter der Devise „Ad fontes“ suchten die Humanisten Quellen zugänglich zu machen und Originaltexte von scholastischen „Fehlinterpretationen“ zu reinigen, sie erstellten neue Übersetzungen, Erläuterungen und Editionen. Latein war ihre Sprache, das Buch ihr Medium, die Lettern und die Kunst des Buchdrucks ihre Muse –wobei sie die Philologie und Textkritik ins Leben riefen. Das Oberrheingebiet, zwischen den geistigen Zentren Italien und Niederlande situiert, entwickelte sich hier zu einer Drehscheibe.

Nicht zuletzt förderten Drucker die Bewegung, indem sie Grammatiken, Lexika, Traktate und Florilegien herausgaben und griechische und römische Klassiker neu edierten. In Straßburg waren seit Johannes Gutenberg rund zwanzig Drucker aktiv. Zudem wurde in Basel das Druckhandwerk mit Lust gepflegt, im Atelier von Johann Froben entstand u.a. eine Allegorie der „Humanitas“; diese sitzt lesend auf einem Triumphwagen, den antike Gelehrte – Vergil, Cicero, Homer – schieben, sie „befördern“ sozusagen die Vervollkommnung.

Doch die Zeit des kritischen Denkens war begrenzt: Rasch endeten vielerorts die fortschrittlichen Verhältnisse, die von einem starken Bürgertum und vom geistigen Aufbruch der Reformation geprägt waren, auch in Sélestat; Jean Sapidus wechselte 1526 in das protestantisch orientierte Straßburg, im katholisch gebliebenen Sélestat war er isoliert. Als weiterführende Lektüre sei an dieser Stelle ein klassischer Essay von Stefan Zweig empfohlen, soeben neu aufgelegt: „Erasmus von Rotterdam & Montaigne“ (Die Andere Bibliothek 2017).

Ein grenzüberschreitendes Forschungsprojekt verschiedener Universitäten der Region hat sich zwar 2007-2013 mit Zeugnissen des humanistischen Erbes beschäftigt, eine Datenbank blieb jedoch aus. Die Schätze der Bibliothèque Humaniste werden nun aber weitgehend nach modernen Kriterien erfasst und konserviert.
Einen ausgezeichneten Zugang zum Kern der Thematik bietet die neue Dauerausstellung, mit Schaukästen, Bild- und Texttafeln (in drei Sprachen) sowie Touchscreens, die das Blättern in digitalisierten Büchern ermöglichen; zudem steht für weitere Recherchen ein Lesesaal zur Verfügung, der sogenannte „Trésor“ im wohltemperierten Glashaus.

Sélestat ist ein Highlight für Geisteswissenschaftler, Bücherfreunde und Architekturliebhaber.

Cornelia Frenkel

Bibliothèque Humaniste. Trésor de la Renaissance. F-Sélestat.
Mai-Sept. u. Dez., tägl. außer Mo: 10-12.30 Uhr und 13.30-18 Uhr. Febr.-Apr. andere Öffnungszeiten.
www.bibliotheque-humaniste.fr