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Theater | Februar 2019 | von Marion Klötzer

Die Methusalems mit „Ich weiß, was du ’68 getan hast“ im Kleinen Haus des Theater Freiburg

Verquickte Historie mit geballter Lebenserfahrung

Die Senioren-Theatergruppe Die Methusalems liefert mit „Ich weiß, was du ’68 getan hast“ am Theater Freiburg einen sehr persönlichen und ambitionierten Rückblick auf das Jahr 1968, zu dem nach dem Jubiläumsjahr bereits alles gesagt scheint.

© Rainer Muranyi

Hennes Haller, Ricarda d’Heureuse-Harosky, Uli Winterhager, Renate Gimmi, Mechthild Blum, Harald Jeske, Gerburg Rüsing in „Ich weiß, was du ‘68 getan hast“ im Kleinen Haus des Theater Freiburg.

Langmähnige Studenten mit Megafonen, Demos, besetzte Häuser, Kinderläden, Frauengruppen, Wohngemeinschaften – für die Nachgeborenen ist 1968 zum Mythos einer Revolte der gesellschaftlichen Aufbrüche geworden, deren mediale Abbilder mumifiziert im kollektiven Gedächtnis lagern: Wild, ein bisschen naiv und als Gegenspieler eines entfesselten und alles zerstörenden Kapitalismus längst ausgezählt, da mehr soziales Experiment als nachhaltige Weltverbesserung. Eigentlich scheint nach dem Jubiläumsjahr alles dazu erforscht, gesagt und zum Klischee erstarrt.

Einen sehr persönlichen Zeitzeugen-Rückblick und damit ihre eigene Sicht der Dinge präsentiert jetzt die 2000 von Schauspieler Helmut Grieser gegründete Senioren-Theatergruppe Die Methusalems, die gemeinsam mit Regisseur Veit Balthasar Arlt monatelang auf Spurensuche ging und auf der Grundlage von vielen Diskussionen und Improvisationen dieses Stück entwickelte.

„Ich weiß, was du ´68 getan hast“, so der Titel ihrer szenischen Collage aus biografischem, historischem und Theater-theoretischem Material, die jetzt im Kleinen Haus Premiere feierte. „Alles Spinner! Gelangweilte und verwöhnte Akademikerkinder!“, mault der eine, „Lieber Häuser besitzen als besetzen!“, spöttelt der andere.

Nicht jeder der 13 Methusalems sympathisierte damals mit der Protestbewegung. Was haben sie selbst in diesem Jahr gemacht? Welche Rolle spielten damals Politik und Visionen, was war wichtig und wirkt bis heute? Mit diesen Fragen stellen sich die Akteurinnen und Akteure in pointierten Kurzporträts vor, auf der Leinwand sieht man ihr Jugendfoto aus dieser Zeit parallel zu aktuellen Videoaufnahmen. Abiturientinnen, Studenten, Juristinnen, Lehrer waren sie damals, zogen gerade mutig in die Welt hinaus oder steckten schon mitten in Beruf und Familie.

Es gibt Querdenkerinnen, Einzelgänger, Skeptiker und Aktive, mancher bezeichnet sich als Pazifist, ein anderer als „Verbal gewaltbereit!“. 13 sehr verschiedene Lebensentwürfe und Einschätzungen, streitbar und mit spürbarer Intensität vorgebracht. Dazu gibt es Original-Videos aus den 70er Jahren und rockige Songs von Friedrich Greiling.

Die für dieses Projekt doch allzu überdimensionierte Bühne (Jens Burde) zeigt ein Tableau mit Leerstellen: In der Mitte steht ein riesiger Apfelbaum mit Früchten, links davon ein Sofa samt Tisch, rechts eine moderne Küche, in der die Akteure im Laufe dieses Abends aus den „Früchtchen“ ihrer Erkenntnis Apfelkuchen backen.

Leider wird dieses Setting kaum bespielt, oft sind Kostümwechsel und Requisiten nur Staffage. Das ist schade, bleibt so doch vor allem das erste Drittel ziemlich wortlastig, verkopft und statisch. Interessant und auch berührend wird diese Inszenierung immer dann, wenn innerhalb der an die Leinwand gebeamten Kapitelüberschriften wie „Völker hört die Signale“ oder „Im Klassenzimmer der Geschichte“ Historie mit geballter Lebenserfahrung verquickt wird: Da geht es um Schuld und Nazi-Vergangenheit in der eigenen Familie, um Befreiung aus Enge und Prüderie, um Sehnsucht oder Skepsis in Sachen „Die Verhältnisse zum Tanzen bringen“.

„Die Welt ist ein löchriger Schuh, den wir uns so nicht anziehen“, so das trotzige und ungebrochene Plädoyer für Widerstand und Demokratisierung auch heute. Ein ambitioniertes, gut gespieltes Stück, das stellenweise aber im reichen Recherchematerial versackt und dem man weniger Text und mehr Dynamik und Spiel gewünscht hätte.

Was: Schauspiel “Ich weiß, was du ’68 getan hast”
Wann: 15. Februar, 20 Uhr; 10. März, 19 Uhr; 29. März, 20 Uhr
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus, Bertoldstraße 46, 79098 Freiburg
Web: www.theater.freiburg.de