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Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“ nach Denis Scheck

„Ein Klassiker ist ein Buch, das unablässig eine Staubwolke kritischer Reden über sich hervorruft, diese aber auch unablässig wieder abschüttelt.“ – Italo Calvino

Bücher sind eine ideale Gesellschaft; sie bringen den Leser mit unbekannten Welten zusammen, während sie ihn lehren, mit sich alleine zu sein. Doch einsam ist er mit Büchern nie, er teilt sie sogar mit anderen, die ihn aber in Ruhe lassen, bevor sich vielleicht später ein diesbezügliches Gespräch entspinnt. „Ich bin ungern unter Menschen, die nicht lesen. Genauso ungern wie unter Menschen, die sich nicht waschen“, so lautet einer der unverblümten Sätze des leidenschaftlichen Lesers und Literaturkritikers Denis Scheck. Er hat befunden, es sei Zeit für einen zeitgemäßen Kanon, der wichtige Werke der Weltliteratur für das 21. Jahrhundert aus neuer Perspektive auswählt. Oft werde er gefragt „was man lesen soll“, er aber wolle zudem die Frage beantworten, „warum man lesen soll“. Dies geschieht nun in seinem Buch „Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“, das erfrischend meinungsfreudig vorstellt, was er ausgewählt, bzw. weggelassen hat, allein aufgrund von begrenztem Platz mussten Autoren außen vor bleiben, darunter so bedeutende „dead white Europeen males“, wie z.B. Lessing und Ibsen, aber auch Walter Kempowski.

Denis Scheck. Schecks Kanon. Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur – von „Krieg und Frieden“ bis „Tim und Struppi“. Mit 25 Schwarz-Weiß-Illustrationen von Torben Kuhlmann. Piper Verlag, München 2019

Jede Auswahl ist bestreitbar und wird immer kontrovers diskutiert werden, vor allem wenn es um den uferlosen Ozean der Weltliteratur und die Geschichte unserer literarischen Zivilisation geht. Festzuhalten ist aber zunächst, dass der Kanon gewissermaßen ein Faktum ist, also nicht abhängig von denen, die ihn anerkennen, weiß der Literaturwissenschaftler Peter von Matt. Demgemäß ist unbestritten, dass etwa Ovid, Shakespeare, Grimmelshausen, Diderot, Balzac, Flaubert, Hölderlin, Kleist, Fontane, Kafka, Woolf, Proust, Pessoa, Tschechow, Achmatowa, Camus und viele andere zu den weltliterarischen Paukenschlägen gehören. Auch wenn wir verpasst haben, ihre Werke zu lesen und zu goutieren, würden wir das nicht bestreiten – es sei denn wir strebten an, als Dilettanten zu gelten. Doch jeder passionierte Leser hat seine Laufbahn mit anderen Büchern begonnen, weshalb ein Kanon auch subjektiv sein darf. Denis Scheck etwa will mit seiner Auswahl nicht nur auf Sprachgrenzen verzichten, sondern auch auf Genregrenzen. Deshalb ergänzt er die Koryphäen der Weltliteratur z.B. um Werke wie „Harry Potter“ (J. K. Rowlings) und „Karlsson vom Dach“ (Astrid Lindgren); letzteres stehe am Anfang vieler Leserbiografien und die Frechheit des Protagonisten sowie sein zentraler Satz – „das stört doch keinen großen Geist“ -, habe viel mit der Entstehung von Literatur zu tun. Wichtig ist Scheck auch, dass nicht alles „bierernst“ genommen wird, sondern der Leichtigkeit ihr Recht zukommt: „Es gibt in meinen Augen nur einen echten Goldstandard in der Literatur: Zur Weltliteratur zählt für mich ein Werk dann, wenn es meinen Blick auf die Welt nachhaltig verändert“. Ein Kanon darf schon deshalb persönlich sein, weil das, was den Blick des einen auf die Welt verändert, einen anderen wenig zu beeindrucken vermag. Doch wer Beckett oder Kafka gelesen hat, wird sich und die Welt vermutlich mit anderen Augen sehen, wie Literatur überhaupt dazu führen kann, dass man mehr und genauer wahrnimmt.
Denis Scheck erwähnt selbstverständlich frühere wichtige Bücher zum Thema, etwa Harold Blooms „The Western Canon“, der dreitausend unbedingt zu lesende Titel auflistet; das kommt einem enorm vor, aber nach Berechnungen von Arno Schmidt schaffen wir im Leben immerhin 6500 Bücher, wenn wir mit vierzehn Jahren anfangen. Relevant ist auch die „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“, 1980 von Fritz Raddatz herausgegeben, an der Scheck allerdings moniert, dass nur eine Schriftstellerin beachtet wird und Sprachgrenzen zu wichtig seien.
Weil sich die Lebensbedingungen in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert haben, will Denis Scheck einen „wilden“ Kanon vorschlagen, der neben Romanen, Dramen, Lyrik und Sachbüchern auch Comics und Krimis umfasst. Nationale Grenzen sollen ebenso wie Trennungen zwischen den Geschlechtern keine wichtige Rolle spielen, weshalb bei ihm Emily Dickinson, Jane Austen, Clarice Lispector, Tanja Blixen und Simone de Beauvoir nicht fehlen dürfen. Er präsentiert aber auch ungewöhnliche Autoren, die er dem Vergessen entreißen will, z.B. James Tiptree Jr. oder Kurt Vonnegut.
Ein „schlechtes Buch“ wäre nach Denis Scheck ein langweiliges Buch, das die intellektuelle und ästhetische Selbstzufriedenheit der Leser bestätigt (z.B. die Erbauungsliteratur von Paul Coelho). „Literatur übt aufs Scheitern ein“, schreibt er, sie tritt allem totalitären Denken entgegen. Spätestens seit Beckett wissen wir das genauer: „Alles seit je. / Nie was anderes. / Immer versucht. / Immer gescheitert. / Einerlei. / Wieder versucht. / Wieder scheitern. / Besser scheitern.“ Jedenfalls setzt Literatur einen Sensibilisierungsprozess und ein Abenteuer des Denkens in Gang, sie enthält Sätze, die sich im Alltag nicht unterbringen lassen. Wo steht geschrieben „Es gibt keine größere Sünde als Dummheit. Merk dir das“? Ein gutes Buch lässt einen buchstäblich aus der Haut fahren und am Leben eines anderen teilhaben; es bietet uns jenen Zwischenraum, den wir in all den Gesellschaften vermissen, wo einen unhaltbares Geplapper zum Abwinken provoziert und einem einfällt, was Pozzo in Becketts „Warten auf Godot“ seinem Gefährten Lucky zuruft: „Denke, Schwein!“ Nicht nur solche literarischen Köstlichkeiten ruft einem Denis Scheck in Erinnerung. Mit einem passionierten Text über „Hypatia“, die spätantike Philosophin, eine kluge Frau, die von den Mächtigen ihrer Zeit ermordet wurde, beendet er seinen Kanon der Weltliteratur, sie steht für ihn in doppelter Hinsicht als „Platzhalterin für viele andere, die von den Siegern der Literaturgeschichte nicht bedacht wurden. „Schecks Kanon“ hat – wegen und trotz seiner provozierend lebendigen Subjektivität – eine hohe Überzeugungskraft und ist ein Vergnügen.

Denis Scheck. Schecks Kanon. Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur – von „Krieg und Frieden“ bis „Tim und Struppi“. Mit 25 Schwarz-Weiß-Illustrationen von Torben Kuhlmann. Piper Verlag, München 2019