Der Krieg zum Fest

Cargo Theater mit „Festgefeiert“ im Freiburger Südufer

Fünf Begrüßungsreden, Dosenwerfen und musikalische Einlagen der Fantastic Brothers und Sisters wird es geben, kündigt Carla Wierer ihrem Publikum mit apfelwangigem Optimismus an – überhaupt freue sie sich furchtbar auf diesen Abend und würde damit am liebsten Weihnachten, Silvester und das letzte Abendmahl vorfeiern…

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Carla Wierer beim „Endzeitfest“

Derweil geht’s schon heiß und lustig zu im großen Partyzelt, das vom Freiburger Cargo- Theater im Saal des Südufers aufgebaut wurde: Eng an eng sitzt man an Biertischgarnituren vor Knabbereien und Getränken, dazu spielt die Blaskapelle zünftig auf.
„Festgefeiert“, so der Titel dieser neuen Produktion, bei der sich Regisseur Leon Wierer von Saša Stanišićs 2006 erschienenem Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ inspirieren ließ: Die tragikomische Geschichte eines jungen Bosniers, der vor dem Krieg in den 90er Jahren nach Deutschland flieht und sich dort mit Fantasie und Fabulierlust die Heimat zurück-erzählt. Dabei bleibt die Inszenierung universell: Die kleine Stadt Višegrad aus Stanišićs Roman könnte in dieser Inszenierung überall sein, gestern, heute und morgen.

Von all dem wissen die Zuschauer am Premierenabend nichts. Vielmehr bekommen sie als fiktive Festgesellschaft ein skurril-schrulliges Unterhaltungsprogramm geboten. Dazu öffnet sich im Minutentakt der rote Vorhang zu einer Art Kasperlebühne und Carla Wierer, Lubi Lahjouji und Ralf Reichard zeigen vor, auf und unter den Tischen ihre Nummern im Spagat zwischen Volksfestbelustigung und Tingeltangelzirkus: Mal lassen sie die Gläser singen, dann liefern sie sich bierernste Rotzduelle, geben ein Dick-und Doof-Komikerduo mit kaputtem XXL- Tischfeuerzeug oder skandieren lautstark das Menü in Dada-Manier („Rohwurst mit roter Paprika“) – Burlesk-trashiger Klamauk, der wild, versponnen und durch den musikalischen Balkanflair auch exotisch zunehmend eine leise Ratlosigkeit produziert: Gibt es hier auch eine Geschichte oder entwickelt sich das Ganze zur amüsanten, albernen Slapstick-Revue?

In diese Leerstelle mischen sich andere Töne, blitzschnell wechseln die drei Akteure die Erzählebenen: Ein Bräutigam erzählt poetisch über seine Hochzeitsvorbereitungen, darauf folgt die prosaische Parodie einer schwäbischen Hochzeitsplanerin auf Teneriffa; es gibt irrwitzige Anekdoten zwischen Wahrheit und Fiktion von Omas Beerdigung – und es ist die Rede von einem „der in die Waffen geht“. Und wie ein nur schemenhaft im Augenwinkel wahrgenommenes Damoklesschwert schwebt über allem die anfängliche Ankündigung eines Endzeitfestes. Da dämmert es einem langsam: Es wird nicht gut ausgehen, hier kommt der Krieg zum Fest. Das Lachen über das auf einer Platte angerichtete nackte Menschen-Spanferkel bleibt einem da schon im Halse stecken wie Carla Wierer ihr Apfel. Und auch die Fleischerhaken, an denen die Instrumente baumeln, haben morbiden Charme.
Dann kommt der Stromausfall: Stockdunkel ist es nun im Zelt, Taschenlampen irrlichtern wie Flugzeugscheinwerfer, aus dem Off schimpft ein Nachbar böse über die „Zigeuner“, der französische Koch teilt mit, dass unter diesen Umständen der Hauptgang leider ausfallen muss. Aber es gibt ja noch Suppen aus der Dose – Nun ist er da, der Krieg, mit traurigen Liedern und tropfender Wäsche in Notquartieren. Aber auch der Mut weiterzumachen, zu tanzen, zu singen und zu erzählen.

Ein raffiniertes Konzept mit einer Überfülle an Ideen, tolle Live-Musik, überbordende Spielfreude und komödiantisches Talent – ein Stück, das von hinten her funktioniert und das ist ein Erlebnis.

Weitere Aufführungen: Am 6./7./8. Oktober, jeweils 20 Uhr im Südufer, Freiburg.

Marion Klötzer

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