Life’s Blood: Luft und Wasser

Im Gespräch: Patrice Bart-Williams, Sänger mit Wurzeln im Rheinland und Westafrika

Patrice Bart-Williams steht für moderne, weltläufige Reggae-Musik mit Einflüssen aus Soul, Hip-Hop und Jazz. Die Wurzeln des 37-jährigen Sängers liegen sowohl im Rheinland als auch in Westafrika, woher sein Vater stammt. Er absolvierte Tourneen mit Lauryn Hill und den Black Eyed Peas und spielt regelmäßig auf den größten Reggae-Festivals der Welt. Sein neuestes Album „Life’s Blood“ hat eine eindeutig politische, aber auch tanzbare Botschaft. Olaf Neumann traf sich mit Patrice in Berlin auf ein Glas Mineralwasser.

Kultur Joker: Mit Ihrem Album „Life’s Blood“ kämpfen Sie gegen Unrecht an. Welches Unrecht meinen Sie konkret?

Patrice: Ich sehe zum Beispiel in der medialen Berichterstattung über Terrorismus ein Unrecht. Dadurch wird nichts besser, sondern dem Terrorismus sogar noch mehr Energie gegeben. Ich finde, man sollte schon darüber sprechen, aber in Relation zur Wichtigkeit. Es gibt kaum ein Forum für Gutes, die Nachrichten heutzutage sind eine einzige Horrorshow. Ich finde es schlimm, dass in verschiedenen Ländern anders berichtet wird und somit Menschen gegeneinander grundeingestellt sind, die eigentlich viel mehr gemeinsam haben als sie denken. Die komplette Welt ist heute gleichgeschaltet.

Kultur Joker: Können Sie das einmal konkretisieren?

Patrice: Ich bin ja an vielen Orten zuhause und überall sehe ich exakt das Gleiche: In Amerika hat man Trump, in Frankreich Le Pen und hier die AfD. Es gibt diesen unglaublichen Rechtsruck, weil sich die Mitte nicht klar positioniert. Das ist alles Unrecht. Leute glauben an Dinge, die keinen Wert haben und die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Ich finde, das, was man am meisten braucht, hat am meisten Wert: Somit wären wir bei Luft und Wasser, also Life’s Blood. Das war bei diesem Album die Inspiration. Darin ist alles eingeflossen, wofür ich lebe.

Kultur Joker: Inwieweit sind Sie persönlich mit diesem Unrecht konfrontiert?

Patrice: Ich lebe da, wo es passiert: in Paris oder in Deutschland. Alle Dinge, die ich anspreche, betreffen mich auch persönlich.
Kultur Joker: Wie wurden Sie zu dem kritischen Songschreiber, der Sie heute sind?
Patrice: Am meisten angesprochen haben mich immer Leute wie Bob Marley, Bob Dylan, Fela Kuti, die eine Message hatten oder gegen irgendetwas protestierten. Ich finde es aber auch wichtig, manchmal ganz einfache Clubmusik zu machen, ohne dabei über irgendetwas nachdenken zu müssen.

Kultur Joker: Ihr Vater war Gaston Bart-Williams, ein Journalist, Regisseur, Schriftsteller und Künstler aus Sierra Leone. Welche Bedeutung hat Ihr Vater heute, 26 Jahre nach seinem Tod?

Patrice: Letztens wurde ich nach Sierra Leone eingeflogen, dort wurde an der deutschen Botschaft zu seinen Ehren eine Veranstaltung gemacht. Da habe ich dann auch gespielt. Mein Vater hat viele Auszeichnungen bekommen und war Mitglied des P.E.N. Es ist schon ein großes Erbe. Er hat sich mit ganz ähnlichen Themen beschäftigt wie ich. In einem Gedicht beschrieb er zum Beispiel die Realität von Schwarzen, die in New York leben. Und in „Entwicklungskönig“ geht er auf die Folgen der Kolonialisierung ein. Mein Vater war ein richtiger Akademiker, er hat unheimlich viel gelesen. Bei mir geht es eher um gefühltes Wissen. Mit 16 hing ich in Clubs ab mit Leuten, die rauchten und habe auf den Moment gewartet, in dem ich das Mikrofon greifen und mein Talent präsentieren konnte. Ich habe in Bahnhöfen geschlafen, weil der letzte Zug weg war. Mein Vater ist sehr früh gestorben. Das wäre alles nicht gegangen unter ihm. Trotzdem hat er mich maßgeblich inspiriert.

Kultur Joker: Hätte Ihr Vater lieber gesehen, dass Sie ein Studium absolvieren statt Musik zu machen?

Patrice: Dazu kam es nicht. Aber ich sollte auf das Elite-Gymnasium Schloss Salem gehen. Etwa zu der Zeit, als ich dort eingeschult wurde, verstarb er. Als dann meine erste Platte rauskam, war ich 17 und noch auf der Schule. Diese Platte ging bereits durch die Decke, vor allem in Frankreich. Ich habe schon mit den Black Eyed Peas und Lauryn Hill getourt, als ich noch zur Schule ging. Als ich damit fertig war, meinte meine Mutter, ich solle jetzt studieren.

Kultur Joker: Haben Sie auf Ihre Mutter gehört?

Patrice: Ich sagte ihr, dass ich lieber mein Ding machen wolle. Ich war ja auch ganz lange auf dem Internat. Ich habe dann richtig Gas gegeben und irgendwann kam meine Mutter mal zu einem richtig großen Konzert in Paris – und fiel komplett vom Glauben ab. Ab da wusste sie, dass es mir ernst war mit der Musik. Einmal wurde meiner Schwester von einer Freundin in Paris eine CD empfohlen mit den Worten „Guck mal, Patrice. Neuer Typ. Mega!“ Und da sagte meine Schwester: „Das ist doch mein Bruder! Findest du das wirklich gut?“ Sie hatten mich bis dahin nicht wirklich ernst genommen.

Kultur Joker: In Jamaika waren Sie gerade mit dem Arrangeur und Produzenten Clive Hunt im Studio, der bereits mit den Rolling Stones, Peter Tosh, Stevie Wonder und Jimmy Cliff gearbeitet hat. Wie kommt man als Deutscher an solch eine Legende ran?

Patrice: In Jamaika funktioniert vieles nach dem Prinzip, eine Hand wäscht die andere. Ich habe Clive Hunt schon tolle afrikanische Musiker und eine großartige Arrangeurin aus London vermittelt. Im Gegenzug kümmerte er sich um die Backingvocals oder das Schlagzeug bei meinem Album. Wenn Clive mit im Studio ist, fällt es mir viel leichter, mit renommierten Musikern zu reden. Auf Jamaika lassen sich bestimmte Leute nicht so gern etwas sagen. Wenn aber Clive das sagt, ist das wie ein Befehl. Einmal hatte ich einen richtigen Clash mit den Bassisten Robbie Shakespeare. Ich sollte ihm relativ viel Geld bezahlen, war aber mit dem Resultat nicht zufrieden und ließ ihn seinen Part immer wieder spielen. Da wurde Robbie total stinkig. Irgendwann habe ich Clive eingeflüstert, was Robbie genau machen soll. Dann lief’s.

Kultur Joker: Was zeichnet Clive Hunt aus?

Patrice: Wir liegen einfach auf einer Wellenlänge und respektieren uns gegenseitig ungemein. Dass er mich in allem unterstützt, hat nichts mit Geld zu tun. Er freut sich darüber, dass da ein junger Typ ist, der Musik noch so macht wie früher. Der Akkorde spielt, die man nicht ständig hört. In Clive Hunt sehe ich mein älteres ich, wenn man sich einmal seine Schussnarben im Gesicht wegdenkt. Früher war er mal auf Crack und gilt heute als der Erfolgstyp aus seinem Rehabilitationsprogramm. Danach hat er sogar noch einen Grammy und was weiß ich noch alles gewonnen. Das sind unglaubliche Geschichten. Ich will über ihn eine Doku machen.

Kultur Joker: Welche Geschichten zum Beispiel?

Patrice: Clive spielte früher in einer Militärkapelle. Die Musiker konnten sich damals keine eigenen Instrumente leisten. Deshalb haben sie bei den Reggae-Aufnahmen die Instrumente immer schnell über einen Zaun aufs Kasernengelände gehievt, die Musik aufgenommen und sind dann nachts wieder zurück nach Hause.

Kultur Joker: Ist es auf Jamaika immer noch gefährlich?

Patrice: Klar, aber nicht da, wo ich bin. Wir arbeiten in Jimmy Cliffs Studio!

Kultur Joker: Im Video zu „Burning Bridges“ treten Sie und Tänzer der karibischen Jonkunno-Tradition auf. Was verbirgt sich dahinter?

Patrice: Am besten ist das mit Karneval zu vergleichen. Ich fand, das sieht mega aus. Ich wollte kein klischeehaftes Jamaika-Video machen, sondern lieber etwas Surreales und Schräges. Zu Jonkunno gibt es verschiedene Legenden. Anscheinend gab es da mal einen Prinzen, der hat erfolgreich gegen Unterdrücker gekämpft. Und zu seinen Ehren ziehen die Menschen heute verkleidet durch die Straßen und machen dabei Musik. Diese Tradition gibt es in Westafrika, aber auch auf Jamaika, wo ich gedreht habe. Die meisten Kinder haben Angst vor diesen Kostümen. Somit passt das Video auch zur Thematik.

Kultur Joker: Die Jokunno-Tänzer tanzen gegen die bösen Geister, die Unterdrücker und die vermeintlichen Herrscher an. Glauben Sie selbst daran?

Patrice: Das, was viele Voodoo nennen, ist nichts anderes als eine Urreligion oder Naturreligion. Ähnlich wie hier mal das Heidentum. Als dann das Christentum aufkam, wurde Voodoo von der Kirche als Hexenkult denunziert. Es war aber die ursprüngliche Kultur und Tradition, bevor missioniert wurde. Daran festzuhalten, ohne per se daran zu glauben, ist Teil der afrikanischen Kultur. Eine geordnete Form von Glauben ist jedoch nichts für mich. Ich finde, was immer einen zu einem besseren Menschen macht, das sollte man tun. Für mich steht der Mensch im Vordergrund und nicht die Religion oder das Aussehen. Jemandem seinen Glauben aufdrängen zu wollen, heißt ja, dass man Anspruch erhebt auf die absolute Wahrheit. Das ist eher entzweiend. Dahinter verbirgt sich meiner Meinung nach ein kleiner Gewaltakt.

Kultur Joker: Das Album wurde in London, Köln, Jamaika und New York aufgenommen. Wie sieht die Klimabilanz bei dieser Produktion aus?

Patrice: Auch das könnte man minimieren. Es gibt ja Leute, die posten immer, wo sie gerade sind. Ich aber schäme mich insgeheim dafür, dass ich so viel fliege. Deswegen wirst du von mir nie Posts sehen wie „Hey, ich bin gerade in New York!“. Leider ist das derzeit nicht anders machbar, weil meine Kinder in New York leben. Die innereuropäischen Reisen sind nicht so das Problem, die mache ist meistens mit dem Zug. Aber die Amerika-Flüge liegen ein bisschen außer meiner Macht, ich musste da einfach mit hinziehen. Bei den Fahrten mit dem Nightliner sind wir aber zu dreizehnt und das ist dann wieder ok. Wir versuchen, unseren CO2-Abdruck so klein wie möglich zu halten.

Kultur Joker: Wie anstrengend ist es, wenn man in Köln, Paris und New York lebt?

Patrice: Ich kenne es nicht anders! Ich bin aus der Schule gekommen und sofort auf Tour gegangen. Aber Städte und dieses Highlife finde ich inzwischen gar nicht mehr so geil. Ich mag es eigentlich gerne still. Aber das Reisen ist derzeit einfach Teil meines Lebens.

Kultur Joker: Wo können Sie wirklich entspannen?

Patrice: In New York. Weil ich es mir da schön gemacht habe. Aber ich bin auch ein bisschen getrieben. Meine Freunde kennen mich so, dass ich immer irgendwo an einem Laptop sitze und Musik mache. Urlaub ist für mich eine Tortur und totale Zeitverschwendung. Wenn, dann muss man sich mal morgens eine Stunde in den Garten setzen. Für meinen Kopf muss es immer stimulierend sein. Ich kann nicht am Strand abhängen, es sei denn, ich mache es für meine Kinder.

Life´s Blood-Tour (u.a.):
18.11. Mannheim,  Alte Feuer wache
22.11. CH-Zürich, Härterei
26.11. Stuttgart, Im Wizemann
27.11. Frankfurt a. M., Gibson Club

Bildquellen

  • kultur_joker_patrice_barron_claiborne: Sänger Patrice © Barron Claiborne

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