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Theater | Dezember 2018 | von Marion Klötzer

Das Wallgraben Theater zeigt Ingrid Lausunds Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“

Betroffenheitsfallen und Fettnäpfchen

Intelligent, tiefgründig und unterhaltsam: In “Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner” auf der Bühne des Wallgraben Theaters versuchen fünf Deutsche möglichst viele Spenden für eine westafrikanische Schule zu sammeln. Dazu müssen sie durch das Minenfeld der Politischen Korrektheit.

© Mathias Lauble

Stefan Müller-Doriat, Fabian Guggisberg, Sybille Denker, Natalia Herrera und Christian Theil in “Benefiz – jeder rettet einen Afrikaner” auf der Bühne des Wallgraben Theaters.

Auf der Bühne des Wallgraben Theaters herrscht Turnhallenatmosphäre mit Holzpodest, Klappleiter und Diaprojektor. Schließlich hat die 1965 in Ingoldstadt geborene und in Berlin lebende Theaterautorin und Regisseurin Ingrid Lausund ihre Gesellschaftssatire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ (2009) mit doppeltem Boden ausgestattet: Gezeigt wird in den folgenden, sehr lustigen, aber auch zunehmend eindringlichen 120 Minuten lediglich die Probe einer Wohltätigkeitsveranstaltung für eine westafrikanische Schule, inklusive inhaltlichen und formalen Diskussionen samt persönlichen Querelen ihrer Initiatoren.

Ein kluger Schachzug. Betroffenheitsfallen und Fettnäpfchen gibt es in der Inszenierung von Hans Poeschl dann auch von Anfang an nicht zu knapp.

„Ich finds ganz schlimm, was du da sagst!“, diesen moralinsauren Jammersatz bringt die mit Schlabberpulli und Häkelmütze karikierte Gutmenschin (Natalia Herrera) quasi minütlich – er wird zum Running Gag dieses Abends und seziert schön bissig all das Bemühen um geballte Political Correctness.

Immerhin versuchen hier fünf „Weißdeutsche“ zusammen ein Programm auf die Beine zu stellen, das möglichst viele Spenden einbringt und damit die Welt ein bisschen besser macht: Hunger und bittere Armut herrschen in Guinea-Bissau, da ist eine Schule ein wichtiger Hoffnungsträger.

Ob deswegen auch Sexbombe Valeria mit ins Team soll, daran entzündet sich der erste Konflikt: Hat die nur Alibi-Funktion und wird vorgeführt? Und ist sie als Mischling überhaupt authentisch genug? Die folgenden Statements dazu sind schwarzhumorige Entlarvungen von Klischees und Vorurteilen, in die sich Rassismus und Postkolonialismus mit all ihren gesellschaftlichen Mikroprozessen hinein interpretieren lassen.

Alles nur „Kinderkikischeiß“ ist das allerdings für die ebenso taffe wie eitle Diva (Sybille Denker), die hier als Profi das Heft rigoros in der Hand behält und angesichts des Dilettantismus ihrer Mitstreiter öfter mal die Nerven verliert. Sie will eine gute Show, mit Tränen an der richtigen Stelle, dafür teilt sie schon mal spitzzüngig aus.

Die drei Männer könnten unterschiedlicher nicht sein: Der „Bibelfuzzi“ (Stefan Müller-Doriat) ist beseelt von Barmherzigkeit und hält am Ende eine flammende Rede, der Cocktail-Typ (Christian Theil) ist ein verspulter Schwätzer mit Tränendrüsen-Allergie und Fabian Guggisberg gibt den harmlosen „Bringt-doch-eh-nix“-Mitläufer, der sich vor allem Spaß erhofft. Deswegen hat er auch das peinliche Lied vom Eiermann heimlich als afrikanisches Lied umgeschrieben, das nun alle euphorisch tanzen und trällern. Ethnokitsch-Alarm!

Beim geplanten Programm ist das Publikum live dabei: Es gibt eine Patenkind-Szene mit der dringlichen Frage, wer nun eigentlich schlimmer dran ist: Das Mädchen ohne Arme oder der Junge ohne Zuhause. Man referiert stotternd konfuse Afrika-Infos, hält einen Diavortrag vor leerer Leinwand, zählt im Chor die eigenen Mahlzeiten des Tages auf oder deklamiert abwechselnd Spendenaufrufe. Dazwischen gibts groteske Lockerungsübungen, Zynismus und viel Zoff, bis es dann in der zweiten Hälfte ans Eingemachte geht.

Denn wozu macht man das hier überhaupt? Ein intelligentes und tiefgründiges Stück mit hohem Unterhaltungswert, dem sich nur vorwerfen lässt, dass es wirkliche Kapitalismus-Kritik vermeidet: Ohne unseren Reichtum gibt es keine Armut, da bleibt auch die Spendenbox im Foyer für eine reale Schule in Guinea-Bissau ein Feigenblatt und Tropfen auf den heißen Stein. Wichtig ist der aber trotzdem.

 

Was: Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“
Wann: bis 6. Januar
Wo: Wallgraben Theater, Rathausgasse 5a, 79098 Freiburg
Web: www.wallgraben-theater.com