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Theater | Dezember 2018 | von Fabian Lutz

Andy Warhols Factory als musikalisches Posentheater am Theater Freiburg

Coole Horrorshow

Nach “Lulu – Eine Mörderballade” und “Black Forest Chainsaw Massacre” inszeniert der belgische Kult-Regisseur Stef Lernous die Geschichte von Andy Warholes Künstlerkommune Factory am Theater Freiburg. Die Freiburger Band Bar untermalt das trashige wie düstere Scpektakel mit Songs von Lou Reeds Avantgarde-Rockband The Velvet Underground.

© Laura Nickel

Anja Schweitzer, Tim Al-Windawe und Berina Musa in Factory am Theater Freiburg.

Letztes Jahr wurde die berühmte „Bananenplatte“ von The Velvet Underground 50 Jahre alt. Ein Erfolg war sie bei Erscheinen 1967, inmitten des Summer of Love, jedoch nicht. Kein Wunder, denn statt „All You Need Is Love“ singt ein sinistrer Lou Reed: „Taste the whip / Now bleed for me“.

SM-Fetische, Drogenmissbrauch und Verwahrlosung waren Themen des Debütalbums The Velvet Underground & Nico der experimentellen New Yorker Rockband und sie kamen mit lärmendem Geigendröhnen, übersteuerter Gitarre, kargem Rhythmus und dem dunklen Timbre der deutschen Sängerin Nico oder dem aufgekratzten Sprechgesang Lou Reeds. Andy Warhol war begeistert und holte die Band in seine legendäre Factory, eine Quasikommune für alle Künstler, die neben dem Beat lebten. Und er gab dem ersten Album sein ikonisches Bananencover.

Mit Ikonischem kennt sich der popkulturversierte Theaterregisseur Stef Lernous aus. Zusammen mit seinem Theaterensemble Abattoir Fermé (dt. „geschlossener Schlachthof“) und der Freiburger Rockband Bar bringt er das Musiktheater Factory mit den Songs von Velvet Underground und Lou Reed ins Theater Freiburg.

Dass Stef Lernous mehr an Ikonen, Image, Atmosphäre als an Tatsachen interessiert ist, wurde bereits bei seinem letzten Stück klar, der Black Forest Chainsaw Opera. Keine Schwarzwaldreise, sondern eine opulente Hommage an den Trashhorror und eine Erprobung der Bühne als geschlossenem Schlachthof: düster, blutig und ohne stringente Handlung. Vergleichbar geht es auch in Lernous Factory zu.

Die Tage der großen Kunst scheinen längst vorbei. Flackerndes Licht, ein vollgeschissenes Klo und überall Müll. (Bühne: Sven Van Kuijk) In dieser Factory tummeln sich namenlose Figuren zwischen Pantomime (Anja Schweitzer), Femme Fatale (Stefanie Mrachacz, Berina Musa) und Transvestit (Tim Al-Windawe). Im Hintergrund die Band Bar als moderner Chor der zerstörten Helden.

Durch eine straffe Songabfolge gibt die Band um den androgynen Jens Teichmann den Lebensrhythmus der Figuren vor, die kaum ein Wort sprechen, vor allem nicht miteinander. (Dramaturgie: Rüdiger Bering) Aber sie singen mit, mal in träumerischer Katerstimmung („Sunday Morning“), mal in geiler Ekstase („Vicious“) mal verkratzt romantisch („Perfect Day“) oder schräg ekstatisch („Heroin“).

Vom roh lärmenden Sound der Velvets bleibt dabei wenig. Bar bringen die Songs mit Gitarre, Schlagzeug und Kontrabass flott und akzentuiert auf die Bühne, der klare Gesang erinnert mehr an die Theatralik eines Musicals denn an die gebrochenen Stimmen Nicos oder Lou Reeds.

Erst im Sound erwachen die blassen Gestalten zum Leben und treten in Beziehung. In übertriebenen Gesten ergibt das eine der Umgebung nur angemessene trashige Horrorshow, die je nach Song vom Schwelgen übers Flirten bis zum Ermorden reicht. Blut ist dabei, ebenso Deo als Möglichkeit, den Schmutz zu überdecken, um irgendwann einmal wieder alltagstauglich zu werden. Aber die müden Künstler versumpfen im billigen Dreck. Das ist auch jene Pose, mit der die Velvets und der drogensüchtige Lou Reed berühmt geworden sind: ruiniert und ziellos cool sein, Rock‘n‘Roll als defektes Carpe diem. Lernous zehrt von diesem Image und bietet pointiert-effektvolles Big Brother einer Künster-WG.

Das hat seine konsequente Atmosphäre, Leben und Dynamik, bleibt im Ganzen aber schal. Nach Handlung fragt zwar keiner, aber mehr Konsequenz bei der Auslotung der Abgründe wäre reizvoll gewesen. Schließlich war die Musik der Velvets und Lou Reeds mehr als frech-trashiges Maskenspiel, sondern in ihrer unerbittlichen Penetranz auf der Suche nach dem Schmerz in jedem, noch so hippen Lebensentwurf. Allein für ihre düstere Coolness hätte Warhol die Velvets sicher nicht in die Factory gebracht.

 

Was: Schauspiel “Factory – The Velvet Underground”
Wann: 22. Dezember 2018, 20 Uhr; 25. Dezember, 19 Uhr; 26. Januar 2019/7. Februar/12. Februar, 20 Uhr
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus, Bertoldstraße 46, 79098 Freiburg
Web: www.theater.freiburg.de