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Kunst | Mai 2019 | von Annette Hoffmann

Das Museum für Neue Kunst Freiburg kooperiert mit der Sammlung Grässlin

Ordnungen verwirren

Die Familie Grässlin aus St. Georgen im Schwarzwald sammelt zeitgenössische Kunst, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nun sind Werke aus der Sammlung, unter anderem von Mark Dion, Georg Herold, Martin Kippenberger, im Freiburger Museum für Neue Kunst zu sehen.

© Museum für Neue Kunst - Städtische Museen Freiburg. Bernhard Strauss

Installation: Mark Dion „The Library for the birds of Antwerp“, 1993.

Spätestens seitdem die Kinder von Dieter und Anna Grässlin das Geschick der Sammlung übernommen haben, entspricht diese nicht den üblichen Firmen-, bzw. Familiensammlungen. Denn das Kunstvirus sprang auch auf die zweite Generation über, in der sich mit Bärbel Grässlin eine wichtige Galeristin und mit Karola Kraus eine Museumsdirektorin finden. Seit 1995 bespielt die Familie leerstehende Geschäftsräume in St. Georgen mit ihrer Kunst – der Strukturwandel hat in dem ehemaligen Zentrum für Feinmechanik zu viel Leer­stand geführt.

Zu den Räumen für Kunst kam 2006 noch der Kunstraum Grässlin hinzu, in dem meist monografische Ausstellungen zu sehen sind. Sowohl die Installation „Rinde“ von Michael Beutler als auch „The Library of the Birds of Antwerp“ waren bereits in den Räumen für Kunst zu sehen. Es sind aufwändige Arbeiten, die zeigen, dass Christine Litz und ihr Team es sich mit diesem „Freundschaftsspiel“ nicht leicht gemacht haben. Es ist das dritte Mal, dass dieser Sammlungsdialog stattfindet.

Von Mark Dion haben gleich drei Arbeiten den Weg aus St. Georgen nach Freiburg gefunden. Dion interessiert sich seit den 1980er Jahren für unser Verhältnis zur Natur. Oft übernimmt er Kategorien der Ordnung, wie man sie aus Museen und Sammlungen kennt und verwirrt sie zu Wunderkammern. Seine Rauminstallation „The Library of the Birds of Antwerp“ aus dem Jahr 1993 ist eine solche. In der Mitte des Raumes steht ein abgestorbener Baum in einem Bassin, dessen Rand mit Kacheln verkleidet ist. Blaue Zeichnungen von Vögeln ziehen sich um das Rund. Betritt man den Raum, der während der Ausstellung zur großzügigen Voliere geworden ist, fliegt ein Schwarm von afrikanischen Prachtfinken auf.

Auf dem Boden liegt Streu, der Baum ist jedoch mit kleinen Käfigen und Nistmöglichkeiten voll gehängt, an den Stamm sind gerahmte Porträts von Biologen wie Konrad Lorenz oder Karl von Frisch gepinnt, in der Astgabel befindet sich ein Schlangenpräparat im Glas, am Boden liegen Buchstapel mit Titeln wie „Die Wunder der Erde“ oder auch ein Opernführer, einer der Käfige ist mit der Zeitschrift „Wild und Hund“ ausgelegt. All das, auf das ganz wörtlich in den nächsten Wochen die Vögel scheißen werden, entspringt dem menschlichen Bestreben, einzuordnen und zu kategorisieren. Mark Dion, der von sich sagt, er arbeite sich als Dilettant durch die Naturwissenschaften, hat nicht grundlos im Werktitel Antwerpen genannt. Belgien hat eine blutige Kolonialgeschichte. Unser Interesse an exotischen Tieren rührt von einem ähnlichen Bestreben, sich die Natur untertan machen zu wollen.

Gegenüber dem Gast kann die Heimmannschaft leicht ins Hintertreffen geraten. Das ist ein bisschen ungerecht. Denn dort, wo die Werke der Sammlung Grässlin nicht ganz so raumgreifend sind und zu den Arbeiten von Michael Beutler und Mark Dion finden sich dann wirklich keine Entsprechungen, gelingen sehenswerte Ensembles, etwa der Raum mit Tobias Rehbergers Skulptur „Tokonoma“ von 2001 sowie den beiden Bildern von Max Pechstein und Paul Kayser aus der Freiburger Sammlung. Die beiden Stillleben, die 1917 und 1920 entstanden sind, stellen wie selbstverständlich ethnologische Kunst oder Objekte des Kunsthandwerks dar, etwa einen Pfeifenkopf aus Kamerun oder eine buddhistische Figur. Bezieht man dann noch die Fuchsien mit ein, die Kayser gemalt hat, lassen sich noch Verbindungen nach Mittel- und Südamerika ziehen. Was bei Dion kritisch beleuchtet wird, ist in den Stillleben des frühen 20. Jahrhunderts noch ganz sinnliche Anschauung.

Tief hinein ins Wesen der Sammlung Grässlin führt einer der nächsten Räume mit Arbeiten von Georg Herold, Martin Kippenberger und Albert Oehlen. Die humorvolle Aneignung des Minimalismus durch Herold und andererseits die Auseinandersetzung mit der Malerei sind wichtige Aspekte der Sammlung. Die Familie pflegt zu vielen der von ihr gesammelten Künstlerinnen und Künstlern enge freundschaftliche Verbindungen. Das allein zeigt, Kunst ist hier alles andere als ein Pflichtspiel.

 

Was: Ausstellung: “Freundschaftsspiel. Sammlung Grässlin”
Wann: bis 8. September 2019. Di bis So, 10 bis 17 Uhr.
Wo: Museum für Neue Kunst, Marienstr. 10a, 79098 Freiburg
Web: www.freiburg.de/pb/237848.html