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Theater | Mai 2019 | von Georg Rudiger

Ein durchwachsener „Otello“ und exzellente Symphoniekonzerte: die Berliner Philharmoniker bei den Osterfestspielen Baden-Baden

Schachspieler und Sternstunden

In Verdis „Otello“ unterlaufen den Berliner Philharmonikern überraschende Patzer, bei den Orchesterkonzerten glänzen sie wieder. Ein Fazit zu den Osterfestspielen Baden-Baden 2019.

© Lucie Jansch

„Otello“ bei den Osterfestspielen Baden-Baden mit Yoncheva, Sacchi, Malavasi, Skelton, Demuro, Stoyanov und Bonfatti (v.l.n.r.) vom Philharmonia Chor Wien.

Ein Auftakt wie ein Aufschrei. Ohne jede Vorbereitung beginnt Giuseppe Verdis Oper „Otello“ mit einer Sturmszene – mit Donner und Blitzen, die von den Berliner Philharmonikern unter Altmeister Zubin Mehta aus dem Orchestergraben in den Saal geschickt werden. Im Festspielhaus Baden-Baden ist bei der Eröffnung der Osterfestspiele diesem Schockmoment aber ein szenischer Prolog vorgeschaltet, für den Regisseur Robert Wilson zwei Grundthemen der Oper – Sturm und Tod – miteinander kombiniert.

Während Wind über Lautsprecher ins Festspielhaus braust, zeigt ein kunstvolles Video einen sterbenden Elefanten. Die rätselhafte Vorwegnahme des Todes von Otello, dem aus Afrika stammenden Oberbefehlhaber? Die Herkunft dieses „Mohren“ ist jedenfalls für die Inszenierung nicht weiter wichtig. Stuart Skeltons Gesicht ist ebenso weiß geschminkt wie das der anderen Protagonisten.

In diesem „Otello“ ist die Bühne wie stets bei Wilson ein weiter leerer Raum, der nur durch die Beleuchtung variiert wird. Es gibt keine Nähe zwischen den Handlungsträgern, keine Intimität und keine Interaktion. Wie ein Schachspieler schiebt Wilson seine Figuren über die Bühne. In den ersten beiden Akten entfaltet dieses Musiktheater aber zu wenig Zauber. Die Kostüme (Jacques Reynaud, Davide Boni) werden zur Korsetten. Die spektakulären Lichtwechsel erscheinen beliebig, die Bewegungen manieriert. Wilson stellt die Figuren aus, statt sie zu charakterisieren.

Die Wärme kommt allein aus dem Orchestergraben. Zubin Mehta kitzelt keine Kontraste heraus, sondern ist eher ein Vermittler, der das eine aus dem anderen schöpft. Seine Kunst ist es, einen großen Bogen zu schlagen und Entwicklungen weiterzuführen. Diese Spannung aus dem Orchestergraben ist vor allem für Wilsons statische Inszenierung wichtig, die dann doch manches Mal in Schönheit stirbt, anstatt das Werk zu interpretieren.

Was verwundert, sind die Mängel im musikalischen Detail. Da sind der strahlkräftige, zu großen Tableaus aufgestellte Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh) und das Orchester nicht immer zusammen. Ein falscher Violineinsatz ist vielleicht noch unter Konzentrationsmängel abzuhaken. Aber dass die Kontrabassgruppe in ihrem großen Solo im vierten Akt, bevor sich Otello dem Schlafgemach Desdemonas nähert, derart deutliche Intonationstrübungen aufweist, überrascht dann doch.

Stuart Skelton hat als Otello die Power, um einzelne Töne und auch Linien zum Leuchten zu bringen. Aber der australische Tenor kommt an diesem Abend immer wieder an Grenzen, wenn hoch liegende Töne nicht gut gestützt sind und mitunter auch offen wegbrechen. Sonya Yoncheva kann hier als vielschichtige Desdemona stärkere Akzente setzen. Szenisch zur Puppe gemacht, belebt sie jede Kantilene und kann auch die tiefen, dunklen Farben der Partie zum Klingen bringen. Vladimir Stoyanov ist ein auf Mephisto geschminkter Jago, der auch die verführerischen Töne umsetzen kann.

Nach der Pause entfaltet dieser kühle, distanzierte „Otello“ dann doch mehr Intensität. Schon im dritten Akt wirkt Wilsons Bühnensprache schlüssiger, wenn er zu Otellos auflodernder Eifersucht Bruchstücke seines Palastes wie eine Treppe oder einzelne Säulen als Scherenschnitte vom Schnürboden absinken lässt und im roten Mond schon das blutige Ende antizipiert. Atmosphärisch dicht gelingt dann der Beginn der Holzbläser zum intimen vierten Akt in Desdemonas Schlafzimmer.

Auch szenisch ist dieser ganz in Blau getauchte Akt am Stärksten. Genial, wie der Wind des Beginns hier im flatternden Vorhang wiederkehrt, so dass Desdemonas „Ave Maria“, das Sonya Yoncheva mit berückender Schlichtheit singt, durch die Unruhe auch von Sorge und Angst kündet. Ganz lyrisch gelingt der Schluss, wenn sich Otello nach dem Mord an seiner geliebten Desdemona selbst das Leben nimmt. Der in hellblaues Licht getauchte Vorhang bewegt sich hier nochmals stärker im Wind, als würden die Seelen nun vereint zum Himmel steigen.

Echte Sternstunden boten die Orchesterkonzerte, während die uraufgeführte Kammeroper „Clara“ von Victoria Bond seltsam altbacken daherkam. Aber wie Riccardo Muti die Berliner Philharmoniker, den BR-Chor und das Solistenquartett mit Elina Garanca als herausragendem Mezzosopran durch Giuseppe Verdis Requiem führte und gerade auch auf die leisen Töne großen Wert legte, war ein Hörerlebnis.

Der mit stehenden Ovationen bejubelte Auftritt des Orchesters mit ihrem designierten Chefdirigenten Kirill Petrenko mit Schönbergs Violinkonzert (verzaubernd: Patricia Kopatchinskaja) und Tschaikowskys fünfter Symphonie lässt für die Zukunft Großes erwarten. Im nächsten Jahr steht Petrenko dann als Chefdirigent bei Beethovens „Fidelio“ in Baden-Baden am Pult und kann sich erstmals auch mit seiner Opernkompetenz den Berliner Philharmonikern widmen.