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Comics aus China: Im Gespräch mit Lena Henningsen, Sinologin und Lianhuanhua-Forscherin

„Comics Culture in the People’s Republic of China“ ist der Name des renommierten Projekts der Sinologin PD Dr. Lena Henningsen (Universität Freiburg). Im Interview mit Fabian Lutz erläutert die Forscherin die besondere Position des chinesischen Comics („Lianhuanhua“) zwischen Propaganda und Subversion.

UNIversalis: Frau Henningsen, Sie erhielten einen renommierten Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) für Ihr Forschungsprojekt zur Comic-Kultur in der Volksrepublik China. Ich habe von chinesischer Comic-Kultur noch nie gehört. Habe ich da einen Trend übersehen?

Dr. Lena Henningsen: Nein, da haben Sie keinen Trend übersehen. Die Comic-Kultur in China ist ein vernachlässigtes Forschungsfeld. Auch in den Comic Studies spielen chinesische Comics bisher fast keine Rolle. Dabei waren und sind diese Comics in China unglaublich populär. Eine Quelle etwa besagt, dass im Jahr 1986 eines von drei in China publizierten Büchern ein Comic war. Dem ERC geht es aber auch nicht darum, großen Trends zu folgen, sondern innovative Forschung zu fördern. Daher ist es durchaus ein Vorteil, wenn das eigene Forschungsfeld noch nicht erschlossen ist. Umgekehrt lassen sich von diesem speziellen Forschungsgegenstand viele große Fragen angehen. Etwa die nach Leseverhalten, ästhetischem Empfinden, aber auch propagandistischen Inhalten.

UNIversalis: Vielleicht erscheint Ihr Forschungsprojekt auch deshalb ungewöhnlich, weil die Verbindung von China und Comickultur wenig eingängig ist. Assoziiert werden mit dem Medium Comic Länder wie Frankreich, die USA oder Belgien. Entwickelte sich die Comic-Kultur in China unabhängig davon?

Lena Henningsen: „Lianhuanhua“ funktionieren anders als westliche Comics. Daher verwende ich auch gerne den chinesischen Begriff (dt. „verbundene Bilder“), wenn ich über das Phänomen spreche. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Viele chinesische Comics zeigen pro Seite nur ein einziges Bild, der Text dazu steht am Seitenrand. Auch wurden chinesische Comics lange Zeit ganz anders vertrieben. Nur ein Teil der Comics wurde von Privatpersonen gekauft, ein Großteil wurde an Bücherständen gelesen. Dort konnte man Comics gegen eine Gebühr ausleihen oder vor Ort lesen. Um den chinesischen Comic zu verstehen, muss man diese Kontexte des Lesens kennen. Dazu gehört auch die chinesische Filmindustrie der 1920er- und 1930er-Jahre.

UNIversalis: Der chinesische Comic ist also eine moderne Erscheinungsform?

Lena Henningsen: Illustrierte Bücher gibt es in China bereits seit Jahrhunderten. Die funktionieren jedoch ganz anders, auch wenn der chinesische Comic teils davon beeinflusst ist. Der wirkliche erste Comic-Boom geht auf einen jungen, kommerziellen Buchmarkt im 20. Jahrhundert zurück – und eben auf das Entstehen der Filmindustrie in China.

UNIversalis: War die Filmindustrie in China ein so wichtiger Faktor?

Lena Henningsen: Ja, Film war ein neues und wichtiges Medium im China des frühen 20. Jahrhunderts. Viele Menschen hatten jedoch nicht die Möglichkeit, ins Kino zu gehen, etwa, weil es nicht genug Kinos und entsprechend Sitzplätze gab oder weil es zu teuer war. Deshalb wurden viele Comics verlegt, die Adaptionen damaliger Filme waren. Film wurde maßgeblich durch diese Comics verbreitet. Ein Kollege hat dafür den Begriff „Paper Cinema“ eingebracht. Filme fanden auch in der Zeit Mao Zedongs durch Lianhuanhua-Adaptionen Verbreitung. – und über diese Zeit hinaus. Ästhetisch beeinflusst sind viele frühe Comics durch die traditionelle chinesische und westliche Holzschnitt-Ästhetik und Zeichenstile. Spätere Comics integrieren Filmstills oder Bühnenfotos, wenn den Comics Theateraufführungen zugrunde lagen.

UNIversalis: Und Literaturadaptionen…?

Lena Henningsen: Natürlich gab es auch viele Literaturadaptionen. Eine Reihe von Romanen wurde der breiteren Bevölkerung durch das Comic-Format vermittelt. Das liegt auch nahe: Ein 500-seitiger Roman, in der Übersetzung gut 700 Seiten, ist weitaus schwerer zu lesen als ein Comic. Gerade, weil die Komplexität der chinesischen Schrift einen hohen Bildungsgrad erforderlich macht.

UNIversalis: Wer an Asien und Comics denkt, denkt wahrscheinlich zuerst an den japanischen Manga. Gibt es hier Bezugnahmen?

Lena Henningsen: Gegenwärtige Graphic Novels aus China beziehen sich durchaus auf den Manga. Für die frühen Comics sehe ich dafür aber keinen Beleg. Der japanische Manga, wie wir ihn heute kennen, hat vielmehr eine enge Verbindung zu den amerikanischen, kommerziellen Comics. Dazu hat Eike Exner das empfehlenswerte Buch „Comics and the Origins of Manga“ veröffentlicht. Wir können uns sicher darauf einigen, was ein Manga ist. Ob der jedoch so „japanisch“ ist, wie viele glauben, würde ich einmal dahingestellt lassen. Überhaupt halte ich diese nationalen Zuschreibungen für problematisch.

UNIversalis: Eine naheliegende Bezugnahme ist die des chinesischen Comics zur Kommunistischen Partei Chinas. Können Sie ein Beispiel für einen, sagen wir einmal, staatstragenden Comic nennen?

Lena Henningsen: Nehmen wir die Comics über Lei Feng (1940–1962), einen chinesischen Soldaten, der bereits zu Lebzeiten in den Medien als Modellsoldat gefeiert wurde. Zwar war Lei Feng nie im Krieg, hat aber viele als vorbildhaft gesehene Dinge getan, etwa seinen Kollegen die Socken gestopft oder die Wäsche gewaschen. Lei Feng ist schließlich einen tragischen Tod gestorben, als er von einem Telefonmasten erschlagen wurde. Solch ein früher Tod war für die Propaganda der Kommunistischen Partei natürlich gut geeignet. Lei Fengs Tagebuch wurde in editierter Fassung veröffentlicht, viele seiner Taten waren bereits zu seinen Lebzeiten in prachtvollen Fotografien nachinszeniert. Es gibt mindestens fünf verschiedene Comic-Adaptionen seines Tagebuchs, die in hohen Auflagen gedruckt wurden. Darin sind die Fotografien und Erzählungen aus Lei Fengs Leben grafisch umgesetzt, im begleitenden Text wird zum Teil wörtlich aus dem Tagebuch zitiert. Dann gibt es etwa noch Comics über Norman Bethune, einen kanadischen Arzt.

UNIversalis: Ein kanadischer Arzt als chinesische Propagandaikone?

Lena Henningsen: Norman Bethune kämpfte im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg (1937–1945) auf Seite der Kommunisten. Er hat die Verwundeten versorgt und wurde entsprechend geehrt, auch im Comic. Dann gibt es noch Comic-Adaptionen der sogenannten „Modellstücke“, die vor allem in der chinesischen Kulturrevolution eine wichtige Rolle spielten. Auch wurden für propagandistische Comics eigene Geschichten entworfen, etwa von chinesischen Kindern, die während des Kriegs Verräter in den eigenen Reihen überlisten und so ebenfalls Vorbildfunktion erhalten.

UNIversalis: Wie sieht es mit kritischen Bezugnahmen auf die Kommunistische Partei in der Comic-Kultur aus?

Lena Henningsen: Nachdem Mao 1976 gestorben war und die Kulturrevolution ihr Ende gefunden hatte, folgte eine Phase großer Offenheit. Damals entwickelte sich die literarische Strömung der „Wundenliteratur“. Sie war zwar nicht offen dissident, behandelte aber die „Wunden“, die Menschen während der Kulturrevolution erlitten haben.

UNIversalis: Gibt es für diesen Perspektivwechsel ein Beispiel?

Lena Henningsen: Zum einen gibt es Adaptionen einiger Wundenliteratur-Texte. Diese zeigen in den Illustrationen die Traumata, die die Menschen erlitten haben, sei es die physische Gewalt, seien es die Trauer und Verluste. Es gibt aber auch subtile Umdeutungen. Während Lu Xun, der Vater der modernen chinesischen Literatur, unter Mao zum Kämpfer für die Sache der Partei dargestellt wird, lässt sich eine Comic-Biografie aus dem Sommer 1976 auch anders lesen. Hier wird eine reale Episode aus den 1930ern erzählt, die Geschichte eines jungen Holzschnittkünstlers, dem Unrecht von der Guomindang geschieht – den damaligen Gegnern der Kommunistischen Partei. Weil er einen russischen Autor portraitiert hat, kommt der Künstler ins Gefängnis, später wird ein Lu Xun Portrait aus einer Ausstellung zensiert. Daraufhin veröffentlicht Lu Xun einen kritischen Essay.

UNIversalis: Also ein indirekter, kritischer Bezug auf die Zensur unter Mao?

Lena Henningsen: 1976, im Ausklang der Kulturrevolution, können wir diese Erzählung auch als Parabel darauf lesen, was einigen Holzschnittkünstler:innen, aber auch Comickünstler:innen in der Kulturrevolution passiert ist. Viele von ihnen durften nicht publizieren, viele wurden zensiert, in die Landverschickung oder Umerziehung geschickt. Auf der einen Seite folgt der Lu Xun Comic also dem offiziellen Narrativ, lässt andererseits aber die Interpretationsspielräume offen.

UNIversalis: Wo steht der chinesische Comic seit Ende der Kulturrevolution? Welche Themen, welche Herangehensweisen sind relevant?

Lena Henningsen: In der Mao-Zeit ging es vor allem um die Vermittlung von Wissen, Ideen oder eben Propagandainhalten. Seit den 70er- und 80er-Jahren stand hinter dem Vertrieb von Lianhuanhua ein stärkeres kommerzielles Interesse. „Star Wars“-Adaptionen wurden etwa in Auflagen von 500–800.0000 Stück veröffentlicht. Zuvor lagen die Auflagen bei mehreren tausend Stück. Heute sind die Comics noch stärker ausdifferenziert. Es gibt Comics mit niedrigen Auflagen, die eher nostalgische Gefühle bedienen, es gibt Übersetzungen populärer ausländischer Comics wie „Tim und Struppi“. Vor kurzem bin ich auf einen Comic aus den 80ern gestoßen – über den Räuber Hotzenplotz. Ich habe das meinen Kindern gezeigt, die diese Figur erst einmal nicht als Hotzenplotz erkannt haben (lacht). Es gibt aber auch gegenwärtige Comics, die ganz unterschiedliche Stile und Themen bedienen – und inzwischen gibt es auch Comics chinesischer Künstler:innen, die sich an ein globales Publikum richten.

Eine Seite aus der Comic-Adaption von Lu Xuns „The New Year’s Sacrifice“ (1974) Foto: ReadChina / Seifert-Collection, Uni Heidelberg

UNIversalis: Sie haben Ihre Übersetzerinnentätigkeit bereits angesprochen. Wie leicht oder schwer ist es, an chinesische Comics zu gelangen und wie leicht oder schwer, die Übersetzungen zu vertreiben?

Lena Henningsen: Heute sind viele chinesische Comics online abrufbar. Für die Forschung ist das nur scheinbar ideal. Oft fehlt ein ordentliches Impressum und damit das Copyright. Die Staatsbibliothek in Berlin hat eine Sammlung, ebenso das Center for Asian and Transcultural Studies an der Universität Heidelberg. Bevor wir einige, teils selbst übersetzte Comics auf unserer Website hochgeladen haben (www.readchina.github.io/comics), haben wir zunächst die Verlage angeschrieben, aber in keinem Fall eine Antwort erhalten. Die Übersetzungen sind nun mit einem Disclaimer versehen. In einem Fall haben wir Kontakt zu einem Künstler, bzw. zu dem Sohn eines verstorbenen Autors, beide haben sich über die Veröffentlichungen sehr gefreut. Auch wenn die Frage des Copyrights ungeklärt ist, handeln wir doch im Sinne der ursprünglichen Produzent:innen, mit unserem Ziel, viele Lesende zu erreichen. Wobei das im Falle einer wissenschaftlichen Publikationstätigkeit natürlich risikofreier ist. Ein kommerzieller Verlag könnte das nicht wagen.

UNIversalis: Ich nehme an, Sie wollen mit Ihren Übersetzungen ein größeres Publikum erreichen – auch jenseits der Wissenschaft?

Lena Henningsen: Das Übersetzungsprojekt habe ich neben meiner Unterrichtstätigkeit in Freiburg begonnen – während der Pandemie, um die Studierenden bei Laune zu halten und zum Übersetzen zu bringen. Solche Projekte möchte ich auch weiter in den Unterricht tragen. Über die veröffentlichten Übersetzungen erreichen wir nicht nur andere wissenschaftliche Communities, sondern auch Lesende weltweit. Wir haben etwa herausgefunden, dass die Übersetzungen in Brasilien viel gelesen werden. Im Rahmen des Forschungsprojekts möchten wir Online-Ausstellungen und Workshops mit chinesischen Künstler:innen veranstalten. Wobei das letztlich von der chinesischen Politik abhängt, also davon abhängig ist, ob diese eine Ausreise genehmigt.

UNIversalis: Ich nehme an, Ihre Übersetzungen sind in englischer Sprache verfasst?

Lena Henningsen: Ja, bisher schon. Für allgemeinbildende Schulen, die den Themenschwerpunkt China behandeln, haben wir aber auch geplant, einige Comics ins Deutsche zu übersetzen. Gerade mit den Propagandacomics kann man gesellschaftliche und politische Themen sehr anschaulich behandeln. Je nach Sprachkenntnis unserer Projektmitarbeiter:innen sind aber auch Übersetzungen in andere Sprachen angedacht.

UNIversalis: Abschließend die simple Frage: Sind Sie selbst Comic-Fan oder wie kamen Sie zu diesem Thema?

Lena Henningsen: Ich bin in den letzten Jahren immer wieder über die Lianhuanhua gestolpert, habe dazu veröffentlicht und Vorträge gehalten – und bin in meinem Team, aber auch bei Lesenden und Zuhörenden auf großes Interesse gestoßen. Die Vielfalt und die vielfältigen Fragestellungen, die sich an diesem Material erarbeiten lassen, haben mich ermutigt, mich gründlicher in das Thema einzuarbeiten und jetzt selber dazu zu arbeiten. Über die Comics können wir sehr viel über die chinesische Gesellschaft erfahren. Gleichzeitig ist mir auch eine große Forschungslücke klar geworden. Wobei: Mittlerweile gibt es eine kleine, aber wachsende Community, die zu Lianhuanhua und verwandten Themen forscht. Das verspricht einen spannenden Dialog.

UNIversalis: Liebe Frau Henningsen, vielen Dank für das Gespräch!

Bildquellen

  • Eine Seite aus der Comic-Adaption von Lu Xuns „The New Year’s Sacrifice“ (1974): Foto: ReadChina / Seifert-Collection, Uni Heidelberg
  • Auf dem Arbeitstisch: Diverse Lianhuanhua (dt. „verbundene Bilder“): Foto: Lena Henningsen