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Bitterböse Abrechnung mit der Medienindustrie

„Er ist wieder da“ nach Timur Vermes im Wallgraben Theater in Freiburg

Wenn sich auf der Bühne des Wallgraben Theaters die bombastischen Klänge von Wagners Walkürenritt samt Gefechtgetöse und Qualm im Off verlieren, sieht man erst nur einen Stiefel vor blutroten Kioskwänden. „Kein Feindflieger, kein Geschützdonner!“, wundert sich wenig später der dazugehörige Mann in Wehrmachtsuniform und sucht im Zeitungsständer vergeblich zwischen Geo und Spiegel nach dem Völkischen Beobachter. „Das Großdeutsche Reich eine Bundesrepublik mit Kanzlerin?“ – der Führer ist entsetzt.

Elisabeth Kreßler und Hans Poeschl in Vermes „Er ist wieder da“ im Freiburger Wallgraben Theater. ©Mathias Lauble

„Er ist wieder da“, so der Titel von Timur Vermes 2012 erschienenem und vieldiskutiertem Roman, einer galligen Politsatire, die Adolf Hitler in das heutige Berlin katapultiert und seine Karriere als Comedy-Star im Privatfernsehen erzählt. Schön böse, weil plausibel, so die Meinung der einen, verharmlosend und eindimensional, die anderen. Trotzdem oder deswegen wurde Vermes Debüt ein Bestseller: 2015 erschien die gleichnamige Verfilmung, 2016 feierte die erste Theateradaption in Stuttgart Premiere.

Das Wallgraben Theater hat es sich aber nicht nehmen lassen, Dirk Schröter mit einer eigenen Fassung zu beauftragen. Christian Sunkel, langjähriger Regisseur bei den Schwäbisch Haller Freilichtspielen, inszenierte das rund zweistündige Stück.

Das hat von Anfang an Witz und Tempo: Ist ja auch zu komisch, wie Hans Poeschl als todernster, aber reichlich verwirrter Führer wie ein Rottweiler durch die Gegend blafft oder ins melodramatische Dozieren verfällt, was zu jeder Menge Missverständnissen führt. Verschroben wirkt sein kerniges Vokabular im Jetzt und Hier, zumal wenn er es im ausgeliehenen Jogginganzug absondert.

Dass dieser Mann kein Spinner und auch kein Method-Acting-Performer ist, sondern ein Verbrecher und Demagoge, den man auch nach siebzig Jahren nicht unterschätzen sollte, wird spätestens in der zweiten, leider ziemlich langatmigen Hälfte dieser Inszenierung klar. Da hat Hitler schon seine eigene Fernsehsendung und dem Publikum bleibt das Lachen bei seinen glühenden Reden zu Rassenlehre und Endsieg immer wieder im Halse stecken. „Es war nicht alles schlecht“, so die Propaganda-Offensive seines zunehmend begeisterten Teams.

Vor der Pause schnurrt diese groteske Farce mit pointierten Dialogen und launiger Situationskomik dahin: Hitler findet Unterschlupf im Kiosk, bringt seine Uniform in die türkische Blitzreinigung, trifft zwei Typen von der Produktionsfirma flashlight und bekommt seinen ersten Auftritt in Ali Wizgürs Comedy-Show „Krass, Alter“. Im Grunde ist Vermes Geschichte eine bitterböse Abrechnung mit der Medienindustrie, die für eine gute Quote auf Moral und Tabus pfeift.

Ob machtgeiler Karrierist, naives Hascherl oder eiskalte Geschäftsfrau – in ganz unterschiedlichen Rollen zeigen Achim Barrenstein, Sybille Denker, Elisabeth Kreßler, Thomas Tiberius Meikl und Christian Theil ihre Schauspielkunst in minimalistischer Kulisse aus variablen Holzelementen. Alle sind sie beeindruckt von diesem herrischen Herrn Hitler, der nie aus der Rolle fällt und entlang dem „granitenen Fundament seiner Weltanschauung“ immer so genau weiß, wo‘s langgeht. Inhalte? Interessieren hier keinen.

Allerdings wissen auch die Zuschauer nach der Pause recht schnell wohin der Hase läuft, da hätte man Hitlers Selbstdarstellungen gut zusammenstreichen können. Fantastisch aber, wie Poeschl mit dicken Backen geifert, bellt und plustert, ohne seine schwierige Rolle zur Karikatur zu machen. Klasse auch Elisabeth Kreßler als Gothicpunk-Sekretärin.

Marion Klötzer

Noch bis 22. Juni immer um 20 Uhr im Wallgraben Theater. Infos: www.wallgraben-theater.com.