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Theater | Februar 2019 | von Georg Rudiger

Benedikt von Peter inszeniert einen packenden, düsteren „Don Giovanni“ am Theater Luzern

Die andere Seite des Lichts

Benedikt von Peter inszeniert Mozarts Don Giovanni in Luzern nicht als Person, sondern als Prinzip des Begehrens. Ein radikaler Ansatz, der einen Vorgeschmack auf die Saison 2020/21 des Theater Basel liefern könnte: Dann übernimmt der 41-jährige Deutsche die Intendanz des Basler Dreispartenhauses.

© Ingo Hoeh

In Benedikt von Peters Inszenierung ist Don Giovanni das Prinzip des Begehrens.

Eine verschwommene, bärtige Gestalt in der Ferne, eine gezückte Pistole im Vordergrund. Der Schuss fällt, der Mann geht zu Boden. Im Sterben hebt er flehend seine Hände. Aber der Täter schaut nur zu und wartet, bis der Körper erstarrt. Dieser Don Giovanni zeigt am Luzerner Theater von Beginn an seine fehlende Empathie. Sich selbst zeigt er nicht. Dennoch erfährt man viel mehr über ihn als in vielen anderen Inszenierungen.

Für Intendant Benedikt von Peter, der diesen intelligenten, sinnlichen, abgründigen „Don Giovanni“ in Luzern in Szene setzt, ist die Titelfigur in Wolfgang Amadeus Mozarts Oper keine Person, sondern ein Prinzip: das Begehren. Deshalb präsentiert er die Oper aus der Perspektive dieses sexuell getriebenen Mannes. Jason Cox ist die ganze Zeit nur zu hören, weil er sich hinter einem schwarzen Gazevorhang versteckt.

Seinen Blick auf die Welt fängt Carlos Isabel Garcia ein, der mit einer Infrarotkamera neben ihm steht und auf Kopfhöhe filmt, wer diesem Mann begegnet (Videokonzept: Bert Zander). Die in weiße Handschuhe gesteckten Hände Don Giovannis kommen auch ins Bild – wie sie Masetto tätscheln, Donna Anna streicheln oder den Komtur mit einem Schuss aus der Pistole töten.

Seine Fantasien sieht man ebenfalls durch die Kamera, wenn sein großes Fest im Finale des ersten Aktes zur Orgie mit nackten Körpern wird. Die anderen Figuren treten auch vor den Vorhang – Don Giovanni nicht. „Es geht um die andere Seite des Lichts. ‚Don Giovanni‘ ist ein Stück, das die Aufklärung befragt. Und für mich auch die dunkelste, romantischste Partitur Mozarts“, sagt Regisseur Benedikt von Peter zu seinem Ansatz.

Am kleinen Luzerner Theater hat der 41-jährige Deutsche viel in Bewegung gebracht, seit er dort in der Saison 2016/17 die Intendanz übernommen hat. „Wir machen komplexe Sachen – aber nichts, was belehrt. Wir suchen eine Verbindung zwischen Gefühl und großem Gedanken. Die frontale ‚Häschenschule‘ möchten wir aus dem Theater verbannen“, sagt von Peter. Dafür tritt der kommunikative Theatermacher in direkten Kontakt zum Publikum: „Wir informieren sehr stark über das, was wir machen und lassen den Vorhang schon aufgehen, bevor es losgeht.“

Schon durch den festen, „Box“ genannten Ableger vor dem Theater soll die Hemmschwelle für die Bevölkerung gesenkt werden. Benedikt von Peter und sein Team haben sich in kurzer Zeit mit der Stadt vernetzt, Sponsoren gefunden und Kooperationen auf die Beine gestellt. „Durch die Kooperationen lernen wir sehr viele Leute in der Stadt kennen – und die Leute lernen auch uns kennen. Wir gehen in Manndeckung.“

Nun wird Benedikt von Peter ab der Saison 2020/21 neuer Intendant des Basler Theaters. „Basel ist eine ganz andere Stadt. Luzern ist viel kleiner, katholisch und viel homogener. Wenn man so etwas wie kulturelle Identität kennenlernen möchte, dann ist Luzern dafür ein idealer Ort. In Basel gibt es verschiedene Identitäten – das wird unsere Arbeit sehr beeinflussen. Es gibt ja das allgemeine Phänomen, dass die Peergroups auseinanderdriften. Jede hat kulturell ihren Vorgarten gefunden. Das Zusammenführen dieser Gruppen sehe ich als wichtige Aufgabe in Basel – auch, um diese Common-Sense-Buden vollzumachen, die Theater letztendlich sind.“

Bei seinen bisherigen Regiearbeiten „Dialogues des Carmélites“ (2009) und „Parsifal“ (2011) am Theater Basel hat Benedikt von Peter die Stücke kräftig gegen den Strich gebürstet, was in beiden Fällen aber auf Kosten der Musik ging. Dabei möchte er mit seinen Inszenierungen bewirken, dass „man das Stück nicht vergisst. Der Abend soll sich energetisch so einbrennen, dass man es körperlich im Gedächtnis behält.“

In seinem fulminanten, enthusiastisch bejubelten Luzerner „Don Giovanni“ geht sein Konzept voll auf. Die Radikalität des Ansatzes wird auch von der Musik unterstützt, da das Luzerner Sinfonieorchester unter Clemens Heil mit Biss und hochdramatischer Attacke musiziert, während Valeria Polunina in den Rezitativen am Hammerflügel unendlich weiche, verführerische Arpeggien zaubert.

Vom Humor in diesem „Dramma gioccoso“ merkt man zwar nichts mehr, aber die Sogwirkung dieses erotisch aufgeladenen „Don Giovanni“ ist enorm. Das verändert auch die Charaktere. Der grandiose Vuyani Mlinde wird als Leporello zum eigentlichen Strippenzieher. Die Donna Elvira von Solenn‘ Lavanant Linke ist in ihrer ganzen Zerrissenheit zwischen Wut, Schmerz und sexueller Abhängigkeit ein Ereignis. Aber auch die Beziehung zwischen Zerlina (Diana Schnürpel) und Masetto (Flurin Caduff) wird emotional herangezoomt.

Die Kamera fängt die Mimik der Figuren in Großaufnahme ein; gerade die Übergänge von Abscheu und Anziehung wie bei Donna Anna (Rebecca Krynski Cox), von Gewalt und Lust sind faszinierend dargestellt. Zur hochdramatischen Komturszene legt das Luzerner Sinfonieorchester noch eine dynamische Schippe drauf. Neben dem näher kommenden Komtur (Boris Petronje) blickt Don Giovanni ins Gesicht des panischen Leporello. Die ausgestreckte Hand der lebendigen Statue ergreift dieser Getriebene trotzdem, ehe eine digitale Flamme das Höllenfeuer mimt. Es bleibt aber dunkel im Theater Luzern. Und wird sogar noch dunkler ohne Don Giovanni, weil Leporello die Glühbirnen ausdreht.

 

Was: Oper “Don Giovanni” von Wolfang Amadeus Mozart
Wann: 3./7./16. Febr., 1./17./23. März, 22./28. April 2019
Wo: Luzerner Theater, Theaterstrasse 2, 6003 Luzern
Web: www.luzernertheater.ch